von Wahler, Peter; Tully, Claus J.; Preiß, Christine
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden (2004)
rezensiert von Jeanette Christu

Der Band "Jugendliche in neuen Lernwelten" will über selbstorganisierte Bildungsprozesse von Jugendlichen außerhalb der Institution Schule Aufschluss geben und damit Licht in einen bis dato wenig untersuchten Bereich jugendlicher Lernerfahrungen bringen. Dazu haben die drei Forscher des Deutschen Jugendinstituts München zweitausend Schüler und Schülerinnen im Alter von 15- bis 18 Jahren nach ihrer Einschätzung von Schule und nach ihren außerschulischen Bildungserfahrungen befragt. Der vorliegende Band dokumentiert die Ergebnisse dieser Studie.
Die Auswertung konzentriert sich auf folgende Schwerpunkte aus dem breiten Feld außerschulischer Lernfelder: Musik als aktive und passive Freizeitgestaltung, die informationstechnischen Medien wie Computer, Handy und Internet als Bausteine der modernen Freizeitgestaltung und als Lernanreize sowie Sport und Nebenjobs. Diese Schwerpunkte entsprechen zentralen Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen, wie die Studie ergab.
Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf den Schwerpunkt der informationstechnischen Bildungserfahrungen in außerschulischen Lernwelten. Im Vordergrund steht der Beitrag von Claus J. Tully zum Thema: 'Alltagslernen in technisierten Welten: Kompetenzerwerb durch Computer, Internet und Handy' (Kap. 8). Tully beschreibt zunächst den Umgang Jugendlicher mit alltäglicher Technik, wie Computer, Internet und Handy, anschließend erörtert er die Lernmöglichkeiten, die sich aus der Nutzung dieser Techniken durch die Jugendlichen ergeben. Computer haben längst das Stadium männlicher Spielefreaks hinter sich gelassen: Chatten, Surfen, E-Mail und SMS-Verschicken gehören zum Alltag der meisten Jugendlichen. Die Gründe für die Nähe von Jugendalltag und moderner Technik sieht Tully darin, dass es eine hohe Wichtigkeit für die Jugendlichen hat, sich mit den Peers (den Gruppenzugehörigen) zu synchronisieren, wozu Handy und Internet mit ihren Möglichkeit an vielen Orten geschützte, private Kommunikation zu führen, einen besonderen Beitrag leisten. Die digitalen Techniken entsprechen mit ihrer Multioptionalität den jugendlichen Bedürfnissen und ermöglichen spielerische und unernste Umgangsformen, die den jugendlichen Umgangsstilen sehr entgegenkommen.
Ein zentrales Ergebnis Tullys ist, dass die Schülerinnen und Schüler gerade außerhalb der institutionalisierten schulischen Bildung ihre wichtigen Lernerfahrungen im Umgang mit diesen Techniken machen. Aber es sind nicht nur die technischen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Eine wesentliche Lernerfahrung besteht darin, die Technik in die eigenen Kontexte und Anwendungsbereiche einzubetten (Kontextualisierung), zum andern müssen vor allem auch die monetären Wirkungen des Gebrauchs gemeistert werden - besonders das Handy kann schnell zur modernen Schuldenfalle werden. Tully fasst zusammen, dass digitale Grundfertigkeiten somit nur ein Element der Kompetenzen im Umgang mit der neuen Technik sind.
Mit der hohen Bedeutung der außerschulischen Lernwelten für den Umgang mit den neuen Techniken, stellt auch digitale Ausgrenzung aufgrund benachteiligender Lebenswelten ein zentrales Problem dar. Die Studie zeigt dass die Zugangsmöglichkeiten zum Internet in der außerschulischen Lebenswelt von folgenden Kriterien abhängen:
- Je höher der elterliche Status, desto besser die Zugangsmöglichkeiten zum Internet
- Jungen haben leichter Zugang zum Internet als Mädchen
- Schüler in westlichen Bundesländern haben bessere Zugangsmöglichkeiten zum Internet als solche im Osten.
Für die Handy-Nutzung ergibt sich ein etwas anderes Bild - hier haben Mädchen häufiger ein Handy als Jungen, und ebenfalls Hauptschüler eher als Gymnasiasten. Mit den Nutzung neuer, digitaler Hilfsmittel wird die in früheren Studien immer wieder behauptete Technikabstinenz der Frauen ein Stück weit abgebaut: Jungen wie Mädchen sind gleichermaßen kommunikationstechnologisch vernetzt.
Die in selbstorganisierten Lernprozessen erworbenen Kenntnisse (neben Computerkenntnissen auch Erfahrungen in Nebenjobs) erlangen auch als zusätzliche Qualifikation auf dem unsicheren Arbeitsmarktes mit hohem Konkurrenzdruck und schwindender Beschäftigungsgarantie formaler Abschlüsse an Bedeutung für die Jugendlichen. Informelles Wissen wird neben den persönlichkeitsorientierten Interessen und Motivationen auch zum Zweck der Erhöung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit angesammelt.
In einem abschließenden Kapitel werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund einer veränderten Jugendbiografie im Hinblick auf ihre bildungspolitische Bedeutung erörtert.
Den Autoren scheinen besonders ganztägige Schulangebote geeignet auf die neuen Herausforderungen zu reagieren und eine bessere Beziehung von informeller Bildung und traditioneller schulischer Bildung zu erzielen. Sie sehen in ganztägigen Schulangeboten auch eine Chance, die Schulen aus einem zunehmenden Zeitdruck zu befreien, in den sie angesichts wachsender Anforderungen ihrer Ansicht nach geraten.
Dr. P. Wahler, Dr. C. J. Tully und Ch. Preiß sind langjährige wissenschaftliche Mitarbeitende am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Studie wurde im Rahmen des DJI-Projekts 'Jugendliche in neuen Lernwelten. Selbstgesteuerte Bildung jenseits institutionalisierter Qualifizierung.' zwischen 2001 und 2002 durchgeführt.
Im Angebot der SDC seit 16.08.05 (jch)