Das Mädchenhaus Bremen bietet seit September 2004 eine Online Beratung für Mädchen an. Bereits seit 13 Jahren betreut das Team des Mädchenhauses Mädchen und junge Frauen, die von psychischer, physischer oder sexueller Gewalt betroffen sind. Was das neue Online-Angebot leisten kann und warum es eine sinnvolle Ergänzung zur üblichen Beratung der Einrichtung ist, erklärt Ruth König, eine der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen im Mädchenhaus. Sie ist Sozialpädagogin und betreut zusammen mit den Diplom-Psychologinnen Bianca Gerdes und Jutta Diederichs die Online-Beratung.
SDC: Wie ist die Idee zu dem Beratungsangebot www.hilfe-fuer-maedchen.de entstanden?
RUTH KÖNIG: Entstanden ist das das schon vor einer ganzen Weile. Das Mädchenhaus hatte das erste Internetcafé für Mädchen in Bremen. Wir bieten schon lange Homepage-Kurse für die Mädchen an. Ich habe Workshops und Internetnächte mit den Mädchen durchgeführt und bemerkt, dass viele Mädchen sehr offen sind gegenüber dem Internet. Wir hatten schon früh einen selbstverständlichen Umgang mit dem Medium Internet im Mädchenhaus. Die Idee zur Online-Beratung kam dann bei der statistischen Auswertung unserer Beratungsarbeit. Irgendwann haben wir aufgrund unserer Erhebungen festgestellt, dass wir bestimmte Mädchen einfach gar nicht erreichen. Das sind zu einem großen Teil Mädchen, die man auch als bildungsfern bezeichnen könnte. Viele von ihnen haben nicht die Kompetenz zu sagen: 'Ich habe Probleme; ich schaue ins Telefonbuch; ich rufe an und mache einen Termin aus'. Die Mädchen erreichen die Beratungsstelle hier im Haus nur dann, wenn jemand sie an die Hand nimmt und beispielsweise eine Lehrerin sagt: 'Hey ich sehe doch, dass es dir schlecht geht. Geh doch mal in die Beratungsstelle!'. Viele dieser Mädchen sind aber ganz selbstverständlich im Netz unterwegs. Da haben wir uns gedacht, wenn die Mädchen nicht zu uns kommen, dann gehen wir dahin wo die Mädchen sind.
SDC: Welche Vorteile sehen Sie in Online-Beratungsangeboten?
RUTH KÖNIG: Wir sehen die Online-Beratung als Erstzugang und als Ergänzung zu unserem bestehenden Beratungsangebot. Wir distanzieren uns ganz energisch davon, Beratung ausschließlich online anzubieten und vor allem von Ansätzen aus den USA zur Online- Therapie. Für uns ist die Online-Plattform eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Wir haben festgestellt, dass zu uns keine Mädchen kommen, die in sehr kontrollierten Familienstrukturen leben. Diese Mädchen dürfen nachmittags nicht allein in die Stadt fahren und zu uns ins Mädchenhaus kommen. Es gibt Mädchen, die kommen über ein Jahr lang heimlich in die Beratungsstelle. In manchen Familienstrukturen ist das aber unmöglich. Wir gehen auch schon mal in die Schule oder die betroffenen Mädchen kriegen schulfrei, um hier her kommen zu können. Das geht jedoch nur mit Unterstützung von Erwachsenen. Mädchen, die im Umland von Bremen wohnen und nicht so mobil sind, erreichen wir auch nicht. Das Online-Angebot ist für die Mädchen eine Chance ganz unverbindlich Kontakt aufzunehmen. Sie können zu ihren Zeiten posten, an ihren Orten! Wir haben eine ganz niedrige Anmeldeschwelle. Sie können sich überlegen, ob sie jemals wieder etwas schreiben oder es bei einem einzigen Mal belassen. Das hat eine andere Form von Verbindlichkeit, als hier vor der Tür zu stehen und zu sagen: 'Ich brauche Hilfe.'
SDC: Welche Kriterien waren für inhaltlichen Gestaltung der Seiten ausschlaggebend?
RUTH KÖNIG: Neben der Intention bestimmte Mädchen zu erreichen, ist ein zentrales Anliegen der Website, alltägliche Gewalt zu enttabuisieren: Das gesamte Mädchenhaus ist eine Einrichtung, die sich gegen Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen einsetzt. Wir haben in der Beratung immer wieder festgestellt, dass viele Mädchen hier herkommen und sagen: 'Ich habe lange nicht gewusst, ob ich hier herkommen soll, weil anderen geht es viel schlechter als mir.' Es ist unser Job, klar zu machen, dass jede ein Recht auf Hilfe hat.
Und dass man nicht erst vergewaltigt werden muss, um Hilfe zu erhalten. Wir wollen deutlich machen, dass es viele Formen von alltäglicher, subtiler Gewalt gibt. Die Betroffenen haben ein Anrecht darauf, sich dagegen zu wehren. Das ist unser inhaltlicher Anspruch. Die Seiten sind nach den Lebensbereichen der Mädchen aufgeteilt: Familie, Schule, Liebe, Freizeit, Internet. Unter dem Thema Gewalt haben wir noch einmal grundsätzlich erklärt, was wir unter Gewalt verstehen. Zu den einzelnen Lebensbereichen gibt es immer Beispieltexte. Die Redakteurin hat kleine Beispielszenen beschrieben, um die Augen zu öffnen und den Mädchen etwas anzubieten, was an ihren Erfahrungen anknüpft. Unser Job ist es aufzuklären. Vielen Jugendlichen ist vielleicht gar nicht so klar, dass ein bestimmtes Verhalten als Gewalt verstanden werden kann. Die großen Gewaltbegriffe, die kennen alle z.B. 'Geschlagenwerden', Vergewaltigung etc. Aber dass auch das wiederholte 'Ausgegrenztwerden' oder das ständige Kontrollieren des Aufenthaltsortes durch den Freund über das Handy ebenfalls Formen von Gewalt sind, das ist vielen Jugendlichen, aber auch vielen Erwachsenen nicht klar.
SDC: Welche Kommunikationsmöglichkeiten bietet die Seite und was wird von den Mädchen bevorzugt.
RUTH KÖNIG: Die Foren werden von den Mädchen rege genutzt. Es gibt ein offenes Forum zu einem aktuellen Thema und ein allgemeines Forum und noch eine SafeArea (ein privater Bereich). Darüber hinaus hat man natürlich die Möglichkeit eine E-Mail zu schreiben. Diese vier Funktionalitäten haben jeweils verschiedene Aufträge. Die öffentlichen Foren und die SafeArea werden stark frequentiert. Die Foren mit kurzen Postings und der Intention, Antworten von anderen Mädchen zu erhalten. In den Foren intervenieren wir nach Möglichkeit nicht. Das läuft von allein, und nur ab und zu, wenn es sein muss, schreiben wir was dazu. Hier antworten sich die Mädchen in der Regel untereinander. Das hat ein bisschen etwas von Selbsthilfegruppe: Sie reagieren auf etwas, was eine andere sagt, und merken, dass es sie betrifft, aber selbst hätten sie es noch gar nicht aussprechen können. Da werden die Mädchen durch andere motiviert, sich zu äußeren.
Die SafeArea ist anders, hier loggen sich die Mädchen in einen privaten Bereich ein mit ihrem Nickname. Die Mädchen schreiben in diesem Bereich oft lange Texte. Es ist eine eins zu eins Kommunikation von Beraterin und Mädchen. Die Kollegin, die antwortet, nimmt sich Zeit für eine Antwort, denn das ist ein wichtiger Moment, weil wir - die Beraterinnen - nicht wissen können, ob sich das Mädchen jemals wieder an uns wendet. Das heißt, wir müssen uns ins Zeug legen, da eine angemessene Antwort zu schreiben, mit der das Mädchen etwas anfangen kann. Wenn sich im Verlauf des Online-Kontakts heraus stellt, dass sich das Problem nicht lösen lässt, wird das Mädchen darauf hingewiesen, dass es direkt mit der Beratungsstelle Kontakt aufnehmen kann. Kommt das Mädchen nicht aus Bremen, haben die Beraterinnen Anlaufstellen und Kontaktmöglichkeiten am jeweiligen Wohnort parat.
SDC: Welche Qualitätskriterien gibt es Ihres Erachtens für Online-Beratungsangebote?
RUTH KÖNIG: Das Kompetenzzentrum für informelle Bildung an der Universität Bielefeld hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, die uns sehr geholfen hat bei der Konzeption unseres Angebotes. In der Studie wurden drei große Online-Beratungen für Jugendliche evaluiert. Für uns haben wir als ein wesentliches Qualitätsmerkmal den Schutz der Mädchen festgelegt, deswegen ist das Forum auch moderiert. Die Anonymität und die Verbindlichkeit der Beratung sowie die Transparenz des Angebotes sind weitere Qualitätsmerkmale. Verbindlichkeit heißt für uns beispielsweise, dass auf den Seiten steht, dass nur Montags bis Donnerstags die Texte freigestellt werden. Damit niemand ins Netz geht und enttäuscht ist, dass keine Antwort da ist. Verbindlichkeit in dem Sinne, dass wir uns Mühe geben, wenn eine Anfrage kommt, diese auch ausführlich zu beantworten. Transparenz ist auch in der Navigation wichtig: Leute, die wenig im Netz unterwegs sind, müssen sich genauso zurechtfinden wie Geübte. Und es muss auch klar sein, wer hinter dem Angebot steckt. Es sollte auch auf die Grenzen der Online-Beratung hingewiesen werden. Wir können nicht einfach feststellen: 'Du ziehst jetzt zu Hause aus und ins Mädchenhaus'. Wir sagen, dass wir nur bestimmte Möglichkeiten der Intervention und Beratung haben.
Es gibt Online-Beratungen, die arbeiten mit Peer-Beratung. Das ist ein super Konzept. Das macht auch die Kidshotline. Sie machen es so, dass immer ganz klar ist, wer gerade antwortet: ein Psychologe oder eine Jugendliche, die dafür ausgebildet wurde.
SDC: Haben sich damit die Beratungsaufgaben verändert?
RUTH KÖNIG: Total! Ja, das ist ganz anders. Wir hatten mal vor Jahren das Angebot der Briefberatung, das hatte ähnlichen Charakter. Wir sind ja auch auf die Idee zu dem Angebot gekommen, weil Mädchen immer wieder E-Mails mit Beratungsanfragen geschickt haben. Insofern waren wir das ein bisschen gewöhnt und hatten einen Stapel Beispielanfragen, als wirdas Angebot konzipiert haben. Das ist kein richtiger Nachteil, aber ein Aspekt, den man nicht unterschätzen darf. Als Beraterin muss ich das Geschriebene nehmen und auf dieser Basis eine Antwort formulieren. Am Telefon kann ich nachfragen: 'Bist du 12 oder bist du 20?' Für die Beraterin ist das eine große Herausforderung, da eine angemessene Beratungsantwort zu schreiben, auch wenn ihr Hintergrundinformationen fehlen.
SDC: Ich möchte noch mal auf das Schreiben zurückkommen. Glauben Sie, dass es auch für die Nutzerinnen etwas Besonderes ist, über die Probleme zu schreiben, die sie beschäftigten?
RUTH KÖNIG:
Eine Untersuchung des Kompetenzzentrums für informelle Bildung KIB an der Uni Bielefeld sagt dazu, dass das einen großen Nutzen hat, dass die Jugendlichen ihre Anliegen aufschreiben. Die Bielefelder Forschungsgruppe nennt das 'Tagebucheffekt'. Und dann sprechen sie noch vom dem 'Selbsthilfegruppeneffekt', wenn sich die Teilnehmenden eines Forums untereinander Ratschläge geben. Allein das Schreiben in ein Formular hinein, bevor man es abschickt, fördere schon eine Reflektion. Bringt eine neue Auseinandersetzung, vielleicht auch eine Distanzierung zum Thema in Gang. Das ist positiv zu bewerten.
SDC: Welches Resümee ziehen sie nach vier Monaten Online-Beratung?
RUTH KÖNIG: Ich finde es hat sich gelohnt! Ich kann noch nicht sagen, ob alle unsere Ideen aufgegangen sind. Das werden die Nutzerinnen auf Dauer beweisen. Aber es ist auf jeden Fall eine sehr wichtige Ergänzung zu unserer Arbeit.
SDC: Herzlichen Dank für das Gespräch!