
Rede des baden-württembergischen Ministers für Ernährung und Ländlichen Raum, Peter Hauk MdL, vom 14. November 2005 anlässlich der Fachtagung "Datenautobahn auf dem Land - Die Versorgung des Ländlichen Raumes mit neuen Medien".
Die von der Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg (ALR) in Tuttlingen veranstaltete Tagung war die Vierte ihrer Art. Die Veranstaltungsreihe startete 2003 im Main-Tauber-Kreis gefolgt von Leutkirch im Allgäu im Jahr 2004 und Schliengen im März 2005.
Es gilt das gesprochene Wort.
Die Chancen des Ländlichen Raums durch die neuen Medien
Bedeutung der neuen Medien allgemein
Zu der die Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit einer Region mitbestimmenden Infrastruktur gehört neben dem Straßen- und Schienennetz auch die Datenautobahn. Sie spielt eine wichtige Rolle für den Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Kunden sowie zwischen Verwaltung und Bürgern.
Wirtschaft und Verwaltung benötigen schnelle und kostengünstige Informationstechniken. Dies können sowohl leitungsgebundene als auch nicht leitungsgebundene Übertragungswege sein. Das im Grundgesetz verankerte Ziel der Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen in Stadt und Land erfordert, nicht nur die Ballungsräume, sondern auch den Ländlichen Raum mit einer leistungsfähigen Kommunikationsinfrastruktur zu versorgen.
Der Ländliche Raum Baden-Württembergs und die neuen Medien
Richtungsweisend für Baden-Württemberg war in dieser Frage der I. Internationale Kongress "Das Neue Dorf" im Jahre 2000 in Konstanz. Experten aus ganz Europa entwickelten zukunftsfähige Dorfprofile. Eines dieser Profile war das Mediendorf.
Die Vorteile eines Mediendorfes liegen auf der Hand. All das, was im Ländlichen Raum aufgrund der dispersen Siedlungsstruktur und der relativ geringen Bevölkerungsdichte bisher schlecht erreichbar war, kann sich neu strukturieren: Arbeit, Einkauf, Lernen und Pflege sozialer Kontakte. Hier haben Kommunen eine Vorbildfunktion und dienen als Multiplikatoren.
Kommunale Websites sind neben ihrer Vorbildfunktion aber auch von Bedeutung, wenn es darum geht, die Bürgerbeteiligung zu erhöhen. Bürgerservice ist im Internet die Herausforderung für die Kommunen, um ihre eigene Arbeit effizienter zu gestalten und gleichzeitig ihren Bürgern mehr Dienste anzubieten. An dieser Stelle möchte ich nicht verhehlen, dass wir mit großer Sorge die immer noch fehlende bundesweit breite Verbreitung der qualifizierten, digitalen Signatur betrachten. Dies erweist sich immer mehr als das Hemmnis. Wir brauchen dafür die "Leuchtturmanwendung", die nach meinem Verständnis nur der Bund installieren kann.
Und da wir schon bei technischen Fragen sind, lassen Sie mich einige Anmerkungen zur Technik- und Kostenfrage machen.
Technisch gesehen, ist die Versorgung des Ländlichen Raums mit den Dienstleistungen der neuen Medien kein Problem mehr. Denn sowohl die Versorgung über Kupfer-, Strom- oder Glasfaserkabel, über Funk oder über Satellit ist heute möglich. Was uns aber Kopfschmerzen bereitet, ist die Kostenfrage. Kehrseite der Medaille der Privatisierung des Post- und Fernmeldemarktes stellt die Tatsache dar, dass die am Markt agierenden Unternehmen, Investitionen oftmals allein und ausschließlich unter dem Kriterium der Rendite sehen. Das bedeutet, dass insbesondere im Ländlichen Raum dringend notwendige Investitionen zur adäquaten Versorgung gerade kleiner und mittlerer Unternehmen unterbleiben. Dies sehen wir mit großer Sorge, denn dies birgt nicht von der technischen Seite, sondern von der ökonomischen Seite die Gefahr der digitalen Spaltung in sich. Lassen sich mich an dieser Stelle einige Aussagen machen, wie wohl die Zukunft der Dörfer bei entsprechender Nutzung der neuen Medien aussieht.
Ich kann mir gut vorstellen, dass - auch angesichts der demographischen Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten - der Einkauf von Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs über das Internet auch dann noch eine Versorgung der Menschen sicherstellen kann, wenn auch der nächste Supermarkt fünfzig Kilometer entfernt ist und vor Ort bei älteren Menschen kein Auto mehr zur Verfügung steht.
Des weiteren kann ich mir vorstellen, dass beispielsweise die Konsultation eines Arztes bei kleineren Krankheiten oder die Ausstellung eines Rezepts bei Dauermedikation über das Internet läuft, was analog für viele freie Berufe wie Rechtsanwälte oder Steuerberater gilt.
Warum nutzen wir nicht noch stärker als bisher die Möglichkeit der Telearbeit im Ländlichen Raum? Warum soll es nicht möglich sein, dass sich zum Beispiel Handwerker an verschiedenen Orten virtuell daran machen, ein Projekt dezentral vorzubereiten und nur die absolut notwendigen Arbeiten vor Ort zu erledigen?
Maßnahmen des Landes für die neuen Medien im Ländlichen Raum
Die baden-württembergische Landesregierung bemüht sich mit großen Anstrengungen, den Medienstandort weiter voranzubringen. Gerade in den ländlichen Räumen wurden und werden Projekte gefördert, um die Medienkompetenz und -akzeptanz zu verbessern.
Ich nenne beispielhaft nur vier Punkte:
- Baden-Württemberg fördert die Einrichtung regionaler Kompetenzzentren für neue Medien und neue Arbeitsformen wie Telearbeit im Ländlichen Raum.
- Im September 2004 richtete das Ministerium eine Clearingstelle "Neue Medien im Ländlichen Raum" ein. Ich werde hierauf im weiteren Verlauf meiner Ansprache noch ausführlich eingehen.
- Mitte November 2004 hat mein Vorgänger für die zweite Tranche des Impulsprogramms doIT-regional die Zuwendungsbescheide an 18 Projektträger übergeben. Ziel ist es, kreative und gemeinnützige Projekte zu fördern, welche die Medienkompetenz erhöhen und den Einsatz von Informationstechnologien steigern. Für die zweite Tranche standen insgesamt 1,7 Millionen Euro zur Verfügung.
- Mit Unterstützung des Ministeriums wurde 2001 das Modellprojekt Arbeitskreis "Mediendörfer" ins Leben gerufen. Ziel des Arbeitskreises ist es, die Entwicklungschancen des Ländlichen Raumes nachhaltig zu erhöhen. Die führenden Mediendörfer (Mönchweiler, Sternenfels, Wannweil, Wurmberg und Straubenhardt) bauen untereinander ein Netzwerk auf, das die Umsetzung von Konzepten beschleunigt, Ressourcen effektiver verwendet und als Ideenpool dient.
Im Arbeitskreis stehen drei Themen ganz oben:
- Modellprojekt "Flächendeckende Versorgung mit den Dienstleistungen der neuen Medien"
In den Mediendörfern soll erprobt werden, wie angesichts der ökonomischen Zwänge eine flächendeckende, adäquate Versorgung sichergestellt werden kann. Zum einen geht es darum, die Zuhilfenahme des Stromkabels und zum anderen darum, die Aufrüstung per Kabel zu erproben.
- Modellprojekt "Gewerbepool"
Beim Gewerbepool in Mönchweiler handelt es sich um eine virtuelle Plattform, die es dem örtlichen Gewerbe ermöglicht, enger und dadurch kostensparender zusammenzuarbeiten.
- Modellprojekt "Virtueller
Dorfladen"
Die Gemeinde Wannweil ermöglicht es ihren Bürgern, Waren in einem virtuellen Dorfladen einzukaufen.
Das Projekt findet vor dem Hintergrund statt, dass es in Wannweil keinen sogenannten Vollsortimenter mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs mehr gibt. Zwar sind noch fast alle Waren im Ort erhältlich, aber in verschiedenen Geschäften. Sie werden in 13 Online-Shops, also in einem virtuellen Marktplatz, zusammengeführt.
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Fortsetzung hier...
(Rede zur leichteren Lesbarkeit um Anreden gekürzt)
Foto: Minister Hauk