Bischof Dr. Reinhard Marx:
"Medienethische Herausforderungen der Informationsgesellschaft"
Festvortrag anlässlich der Verleihung des KLICK-Preises 2005 gehalten am 10. Februar 2006 in Trier.
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Fortsetzung...
Die Gestaltung der Mediengesellschaft erweist sicht somit als eine sozialethische Aufgabe, die vor allem darin besteht, die Chancen und Risiken zu gewichten und mit den anthropologischen Voraussetzungen eines christlichen Menschenbildes sowie mit den Zielen eines sozialen Gemeinwesens zu verbinden.'(10) Es wird deutlich: der Mensch kann sich im Medienbereich entfalten, aber auch entfremden. Wir müssen darauf bestehen, dass die Medien, wie jede andere Technik auch, eine dem Menschen und der Gesellschaft dienende Funktion ausüben. Die Gestaltung der Medien muss so weiterentwickelt werden, dass die Chancen dieser Technologien für den einzelnen und die Gesellschaft genutzt werden können.'(11)
Die Medien dürfen keine Instrumente der Fragmentierung und Segmentierung sein, sondern der Integration und Beteiligung in und an Gesellschaft. Die dienende Funktion kommt dort zum Ausdruck, wo Zugangsgerechtigkeit geschaffen wird, Privilegien abgebaut werden und Selbstständigkeit sowie Eigenverantwortung gestärkt werden, und zwar ohne die Entfaltung anderer Menschen zu behindern. Neben den technologischen und organisatorischen Herausforderungen, die die Informationsgesellschaft – bzw. speziell das Internet – an Handwerk und Mittelstand stellen, gilt auch diese ethische Herausforderung. Noch einmal: Zugangsgerechtigkeit schaffen, Privilegien abbauen, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der einzelnen stärken, Verantwortung wahrnehmen.
Diese Anforderungen sind sowohl im regionalen Raum zu bestehen, als auch auf globaler Ebene. Das Ziel, gerechte Kommunikationsstrukturen zu schaffen, ist nicht nur innerhalb eines Staates oder einer bestimmten Staatengemeinschaft zu verfolgen, sondern auch mit Blick auf die Entwicklungsländer, denen gleiche Partizipationsmöglichkeiten einzuräumen sind. Die Gestaltung der Medienlandschaft ist, so die Kirchen, wegen ihrer großen Bedeutung für die politische und soziale Kultur einer Gesellschaft eine Gemeinschaftsaufgabe, an der sich möglichst viele Gruppen und einzelne Bürgerinnen und Bürger beteiligen sollten.'(12)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kirche in ihren Stellungnahmen zur Medienethik für den Umgang mit den Medien sensibilisieren will und ethische Orientierungen aufzeigen möchte, die für eine Medienbewertung herangezogen werden können.
3. Chancen und Grenzen der Informations- und Kommunikationstechnik
Ist das Internet das neue Pfingstmedium'(13) und kann die Menschen sowohl national als auch global vereinen? Wird die Welt durch das Internet – oder allgemeiner die Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) – eine große Gemeinschaft oder eher eine digitale Klassengesellschaft'(14)? Die Nutzer der ICT finden sich überwiegend in Nordamerika, Europa und Asien; Lateinamerika, der Mittlere Osten und Afrika stellen verschwindend geringe Nutzerzahlen und sind eher offline als online. Was sind die Ursachen? In vielen Ländern fehlen die technischen Voraussetzungen, besonders in den am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Einige Zahlen können dieses Ungleichgewicht illustrieren: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung niemals ein Telefongespräch geführt. Dagegen: die Stadt New York ist insgesamt stärker im Internet vertreten als Afrika insgesamt. Damit ist natürlich auch die Forderung nach Gerechtigkeit angeschnitten, die als unbedingter ethischer Maßstab zu realisieren ist. Die Gestaltung, Verbreitung und Nutzung von Informationen besitzen ein hohes Machtpotential. Auch unter dieser Perspektive hat sich der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft 2003 in Genf und 2005 in Tunis mit den globalen Problemen auseinandergesetzt.(15) Dort wurden die Themen nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Menschenrechte und der Millenium Development Goals behandelt.(16)
Mit der Bereitstellung der Technik allein ist es aber noch nicht getan. Die Nutzung der ICT erfordert verschiedene Kompetenzen. Eine entscheidende ist die (Fremd-)Sprachenkompetenz. Bis heute sind fast drei Viertel aller Seiten im Netz in englischer Sprache gestaltet, während zum Beispiel die arabische Sprache keinen nennenswerten Anteil verzeichnet und die europäischen Sprachen in der Verbreitung stagnieren. Ein weiterer Punkt ist die Nutzungskompetenz: die durch das Medium zugängliche Informationsflut muss analysiert, bewertet und geordnet werden, was Menschen oftmals überfordert. Das Internet kann Fachwissen und Kompetenz erweitern, sowie Beteiligung – auch im politischen Bereich – ermöglichen. Dazu bedarf es jedoch unterstützender Systeme und Institutionen.
Es gibt kritische Stimmen, die sogar die Entwicklung eines technischen Analphabetismus'(17) befürchten, d.h. die ICT könnten auf globaler Ebene einen Spalt zwischen Industrie- und Kommunikationsgesellschaften einerseits und Entwicklungsgesellschaften andererseits begünstigen. Auch auf nationaler Ebene könnten die ICT eher trennen als verbinden, nämlich zwischen informationsreichen und informationsarmen Gesellschaftsgruppen.
Diese Position macht darauf aufmerksam, dass Grenzziehungen durch ethische Maßstäbe notwendig sind. Technisches Analphabetentum darf keineswegs zum sozialen Risiko, geschweige denn zur Armutsfalle werden.
Ich möchte nur auf einen Teilaspekt hinweisen, der auch für Unternehmen von Bedeutung ist: In Zeiten fortschreitender Ökonomisierung ist eine Antwort auf die Frage, welche Informationen gebührenfrei zugänglich sein müssen und welche nicht, dringlich. Aus ethischer Sicht hat auch die öffentliche Hand dazu beizutragen, dass das sicherlich niemals vollständig abbaubare Informationsgefälle innerhalb einer Gesellschaft möglichst gering gehalten wird.
Zwei weitere Punkte kann ich nur andeuten: Der global und national gesehen ungerecht verteilte Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien verschafft denjenigen, die Zugang haben auch eine starke Gestaltungs- und Einflussmacht. Es muss deutlich vor einer medialen Kolonialisierung gewarnt werden, die Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ebenso gefährdet wie kulturelle Vielfalt.
Ein weiteres schillerndes Phänomen ist die Möglichkeit, dass sich einzelne gesellschaftliche Gruppen durch die intensive Nutzung der ICT auch abgrenzen können. Die Segmentierung der Gesellschaft ist jedoch dem Gemeinwohl nicht förderlich, sie verhindert auch eine richtig verstandene Integration.
Abschließend: Wo die Technik zum Götzen der Kommunikation wird, gerät der Mensch zwangsläufig ins Hintertreffen. Die Technik soll dem Wohl des einzelnen Menschen, dem Gemeinwohl und auch dem wirtschaftlichen Vorankommen dienen – und nicht umgekehrt. Dass auch dieser ethische Maßstab konkretisiert werden muss, versteht sich von selbst. Die Wahrnehmung, dass medienethische Standards offensichtlich nicht immer wirksam sind, darf keineswegs dazu verleiten, sie für ungültig zu erklären.(18) Die Aufgabe, medienethische Standards bei einzelnen Handlungen zu beachten, nimmt sowohl die öffentliche Hand in die Verantwortung als auch jeden einzelnen, der mit dieser Technik umgeht. Beides ist nötig: vernünftige Rahmenbedingungen und persönliche Verantwortung.
(10) Kirchenamt der EKD / Sekretariat der DBK (1997), 47.
(11) Kirchenamt der EKD / Sekretariat der DBK (1997), 60.
(12) Kirchenamt der EKD / Sekretariat der DBK (1997), 62.
(13) Der Begriff geht wohl zurück auf Klaus Müller, Professor für Theologie und Philosophie in Münster, der den Begriff im Rahmen der Tagung Religion online' der Katholischen Akademie Freiburg im November 2005 benutzte. Vgl. Timm Maximilian Hirscher, Internetseelsorge ist Dienst am Menschen'. Experten diskutieren über Religion online', Korrespondentenbericht in KANN vom 15.11.2005, 91. (SW-2005/XI/2229)
(14) So Peter Filzmaier, Die Welt als digitale Klassengesellschaft? In:
www.bpb.de/themen/2FOC51,0,Die_Welt_als_digitale_Klassengesellschaft.html#top
. Diesem Beitrag sind ebenfalls die folgenden Daten und Umschreibungen zur ICT-Gestaltung und –Nutzung entnommen.
(15) World Summit on the Information Society, 10.-12.12.2003 Genf und 16.-18.11.2005 Tunis. Vgl. u.a. Tunis Commitment, 18.11.2005, Art. 4: We recognise that freedom of expression and the free flow of information, ideas and knowledge, are essential for the Information Society and beneficial to development.'
(16) Vgl. Tunis Commitment, 18.11.2005, Art. 2: We reaffirm our desire and commitment to build a people-centred, inclusive and development-oriented Information Society, premised on the purposes and principles of the Charter of the United Nations, international law and multilateralism, and respecting fully and upholding the Universal Declaration of Human Rights, so that people everywhere can create, access, utilise and share information and knowledge, to achieve their full potential and to attain the internationally-agreed development goals and objectives, including the Millenium Development Goals.'
(17) Vgl. dazu und zum folgenden: Peter Filzmaier, Die Welt als digitale Klassengesellschaft? In:
www.bpb.de/themen/2FOC51,0,Die_Welt_als_digitale_Klassengesellschaft.html#top
(18) Vgl.: Bernhard Debatin, Ethik und Medien. Antworten auf zehn populäre Mißverständnisse über Medienethik. In:
http://netzwerk-medienethik.de/bib/bibu1debatin.htm#anfang .