Den Festvortrag "Medienethische Herausforderungen der Informationsgesellschaft" hielt Bischof Dr. Reinhard Marx anlässlich der Verleihung des
Klick-Preises
, der herausragende Webauftritte kleiner und mittlerer Unternehmen in Rheinland-Pfalz prämiert, am 10. Februar 2006 in Trier.
Foto: Bischof Dr. Reinhard Marx, Quelle: Bistum Trier
1. Sind Medien ethisch?
?Wir können nicht nicht kommunizieren.? ? Mit dieser Aussage hat Paul Watzlawick die allgemeine Grundbedingung menschlicher Kommunikation treffend beschrieben. Die Frage ist nicht, ob wir kommunizieren, sondern wie wir kommunizieren. Medien bestimmen und verändern nicht nur unsere Kommunikation, sondern unsere gesamte Lebenswelt. Wirtschaft und Arbeit, Wissenschaft und Bildung, Kunst und Unterhaltung, Familie und soziale Beziehungen, Öffentlichkeit und politische Prozesse sowie Kirche und Gemeinde sind nur einige wichtige Gesellschaftsbereiche, in denen es die medialen Chancen zu nutzen und die mit ihnen einhergehenden Risiken zu begrenzen gilt.
Im Jahr 2000 - so haben Statistiken ergeben - lag die Mediennutzung jedes Konsumenten in Deutschland pro Tag bei 502 Minuten, das sind gut 8 Stunden. Zu den meist genutzten Medien zählen Hörfunk und Fernsehen; geringere Anteile an unserem täglichen Medienkonsum haben - im Bundesdurchschnitt - die Lektüre der Tageszeitung, von Büchern und Zeitschriften, die Nutzung von CDs, DVDs, Videos etc. und des Internet. Letzteres durchschnittlich immerhin im Jahr 2000 mit 13 Minuten pro Tag und Konsument. (1)
Aus eigener Erfahrung wissen wir alle, dass Medien sowohl im Dienst des Menschen stehen als auch sein Wohl verletzen können. Deshalb sind medienpolitische Zielstellungen, ethische Wertorientierungen und mögliche Folgewirkungen für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt abzuwägen.
Notwendig ist eine grundlegende Unterscheidung: Dass es Medien, z.B. das Internet, gibt, ist zunächst ?wertneutral?. Medien stellen eine Infrastruktur dar, vergleichbar etwa dem Straßennetz. Ethische Relevanz erhalten Medien durch die Frage, welche Folgen die Existenz dieser Infrastruktur zeitigt, u.a. welche Güter und Personen sie in welcher Weise nutzen. (2) Was das für das Straßennetz bedeutet, ist jedem plausibel, der auch nur die Verkehrsnachrichten hört. Die Übertragung auf das Internet fällt nicht schwer. Die Infrastruktur Internet bietet viele Chancen: es gibt zahlreiche Möglichkeiten der wirtschaftlichen Nutzung (Online-Banking, Online-Shopping, Teleworking ...), Bildungs- und Informationsvorteile (u.a. durch Datenbanken und virtuelle Lexika), Möglichkeiten im Privatbereich (Kommunikation per mail, eigene Homepage, Chatrooms). Aber die Infrastruktur birgt in ihrer Nutzung und in ihren Folgen auch Risiken: gesellschaftlich und ethisch untragbare Inhalte können transportiert werden (z.B. Pornographie, politischer Extremismus, Gewalt) und eine neue Art der Wirtschaftskriminalität ist zu erkennen. Zudem gibt es Handlungen die direkt gegen diese Technik gerichtet sind, wie Computerviren, Hackertum etc.
Das Mediensystem insgesamt und in seinen Teilbereichen ist ethisch nicht neutral. Die Maßstäbe der Gerechtigkeit, Verantwortung und Wahrheit gelten deshalb auch im Bereich der Medien. Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit ist besonders danach zu fragen, wie die Kommunikationschancen national und international verteilt sind und inwieweit die Kluft zwischen Informierten und Uninformierten bewusst in Kauf genommen und womöglich noch vergrößert wird. Es ist gekennzeichnet durch konkrete Herrschaftsverhältnisse, die es transparent zu machen und deren Machtgefälle es strukturell zu beseitigen gilt.
2. Medien als Instrumente sozialer Kommunikation ? die Position der kirchlichen Soziallehre
?Medien tun ... nichts von selbst; sie sind Instrumente, Werkzeuge, die so benutzt werden, wie die Menschen sie benutzen wollen.?(3) So beschreibt der Päpstliche Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel den Begriff Medien im Jahr 2000 und unterstreicht, dass Medien keine ?blinden Naturkräfte? sind, die der Kontrolle des Menschen entzogen sind.(4)
Damit sind zwei wesentliche Punkte des lehramtlichen Denkens zur Frage nach den Medien benannt:
1. Die Kirche vertritt grundsätzlich eine optimistische und positive Haltung gegenüber den Medien. Bereits das II. Vatikanische Konzil hat sich im Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel
Inter mirifica (IM) mit den Fragen der Medienentwicklung beschäftigt. Der Konzilstext blieb zwar in vielerlei Hinsicht schon damals hinter der wissenschaftlichen Erforschung der Medien zurück. Weitenteils war das Dekret auch von einer ? aus heutiger Perspektive ? zu positiven Haltung gegenüber ?den wunderbaren Erfindungen der Technik, welche die menschliche Geisteskraft gerade in unserer Zeit mit Gottes Hilfe aus der Schöpfung entwickelt hat? (IM 1), geprägt. Hervorzuheben ist aber die Tatsache, dass sich das Konzil überhaupt mit dieser Problematik beschäftigt hat.
2. Medien sind kein Selbstzweck, sondern Instrumente, die von Menschen benutzt werden. Deshalb ist bezüglich der Mediengestaltung und Mediennutzung auch nach dem Gelingen menschlichen Lebens zu fragen. Medien stehen in dem größeren Zusammenhang des Verhältnisses von Mensch und Welt. Es geht immer auch um die Frage des Menschenbildes, auch im Sinn von Artikel 1 GG über die Würde des Menschen.
In den Texten des Lehramts spiegelt sich auch die ambivalente Beurteilung der Medien wider. Die Entwicklung der Medienlandschaft ?kann dem einzelnen einen Zugewinn an Information, an Auswahlmöglichkeiten und individuellem Zugriff bringen. Andererseits sind die Folgen für die individuelle Mediennutzung und das Zusammenleben in der Gesellschaft ungeklärt. Die Ausdifferenzierung der Angebote für kleine Zielgruppen kann zu einer weiteren Segmentierung der Gesellschaft führen, in der trotz der Fülle an Informationen die Orientierung schwieriger wird, und Menschen trotz nahezu unbegrenzter Möglichkeiten vereinsamen.? (5)
Dem Einfluss der Medien kann sich heutzutage in entwickelten Gesellschaften kaum ein Mensch entziehen. Meinungen und Wertvorstellungen werden maßgeblich von den Medien gebildet. Das Leben selbst wird zunehmend zu einer durch die Medien vermittelten Erfahrung; direkte persönliche Erfahrungen treten hinter medial vermittelten Erfahrungen zurück. Ein Beispiel: Wenn man die Meinung der Bevölkerung zu aktuellen Themen erfragt, ergibt sich häufig ein doppeltes Bild. Im Hinblick auf die persönlichen Lebensumstände, Zukunftserwartungen, Einschätzungen zeigt sich ein positives Bild. Fragt man zum selben Thema nach der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, nach gesellschaftlichen Zukunftsperspektiven und erwarteten Entwicklungen zeigt sich ein bemerkenswert negatives Bild. Wolfgang Bergsdorf, Mitherausgeber des ?Rheinischen Merkur?, führt diesen Kontrast auf den Medieneinfluss zurück.(6)
Medien verändern unser Urteil und unsere Bewertung zu einzelnen Fragen und Themen, sie haben entscheidenden Einfluss auf unsere Urteilsbildung. Dadurch bestimmen sie entscheidend mit, wie Realität wahrgenommen wird.
Über die gesellschaftlichen Umbrüche hinaus, die die Kirche beobachtet und benennt, gibt es für die Kirche eigene Gründe, sich mit den sozialen Kommunikationsmitteln auseinander zu setzen. Die Geschichte der menschlichen Kommunikation kann man als ?eine lange Reise sehen, die von Babel, Schauplatz und Sinnbild des Zusammenbruchs der Kommunikation... bis Pfingsten und zur Gabe der Zungenrede, also der Wiederherstellung der Kommunikation durch die Kraft des vom Sohn gesandten Geistes, führt.?(7) Die Kirche hat den Auftrag, die frohe Botschaft zu verkündigen, und weiß, dass dazu auch der Einsatz der Massenmedien unentbehrlich geworden ist. Auch sie untersteht als gestaltende und konsumierende Teilnehmerin an Kommunikation und Information den Anforderungen der Medienethik. Für die Kirche ist Jesus Christus das Vorbild und der Maßstab ihrer Kommunikation. Er bewies in seiner Verkündigung Achtung vor seinen Zuhörern, zeigte teilnehmendes Interesse für ihre Bedürfnisse und Lebensumstände und litt mit den Leidenden. Christus erwies sich ?als Meister der Kommunikation. In der Menschwerdung nahm er die Natur derer an, die einmal die Botschaft, welche in seinen Worten und seinem ganzen Leben zum Ausdruck kam, empfangen sollten. Er sprach ihnen aus dem Herzen, ganz in ihrer Mitte stehend. Er verkündigte die göttliche Botschaft verbindlich, mit Macht und ohne Kompromiss. Andererseits glich er sich ihnen in der Art und Weise des Redens und Denkens an, da er aus ihrer Situation heraus sprach.?(8) Letztlich lassen sich für Christen auch die medienethischen Maßstäbe auf das Leben und Handeln Jesu zurückführen.
Medien sind Instrumente der Kommunikation und müssen den Menschen als Individuum und als Gemeinschaftswesen im Blick haben. Für die Bewertung der Medienentwicklung lassen sich deshalb die Kriterien der Individual- und Sozialverträglichkeit heranziehen. Anhand der beiden Kriterien wird auf folgendes ethisches Grundprinzip geschlossen: ?Der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen sind Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien. Kommunikation sollte von Mensch zu Mensch und zum Vorteil der Entwicklung des Menschen erfolgen. ... Das Wohl des Menschen lässt sich nicht unabhängig vom Gemeinwohl der Gemeinschaft verwirklichen, der sie angehören.?(9)
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(1) Die hier aufgeführten Zahlen basieren auf: Daten zur Mediensituation in Deutschland 2004. Mediaperspektiven ? Basisdaten, Frankfurt 2004; zitiert nach: Wolfgang Bergsdorf, Medienmacht in der Demokratie. In: Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach (Hg.), Reihe Kirche und Gesellschaft, Nr. 324, Köln 2005, 5.
(2) Vgl. Anton Kolb / Johannes Weitzel, Art. Internet. In: LThK 3 11, 140ff.
(3) Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der sozialen Kommunikation, Bonn 2000, 1.
(4) Vgl. ebd.
(5) Kirchenamt der EKD / Sekretariat der DBK, Chancen und Risiken der Mediengesellschaft, Hannover, Bonn 1997, 7.
(6) Vgl. auch zur vorher geschilderten Beobachtung: Wolfgang Bergsdorf, Medienmacht in der Demokratie. In: Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach (Hg.), Reihe Kirche und Gesellschaft, Nr. 324, Köln 2005, 3.
(7) Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel (2000), 3.
(8) Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel (2000), 11.
(9) Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel (2000), 21f.