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The Talking Culture - Die Kultur des Sprechens
Dr. Makoto Kobayashi, Tsukuba College of Technology in Japan
Quelle: Uni Karlsruhe (TH), Studienzentrum für Sehgeschädigte, Übersetzung d. engl. Orig.: A. Bausch vom 09.05.06

Dr. Makoto Kobayashi vom Tsukuba College of Technology in Japan war für ein Jahr als Gastwissenschaftler an der Universität Karlsruhe (TH) am Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) tätig. Im Folgenden ein paar interessante Eindrücke, die er während seines Deutschland-Aufenthaltes gesammelt hat.
Von Dezember 2004 bis September 2005 war ich als Gastwissenschaftler am SZS tätig. Während dieser Zeit verfolgte ich zwei Forschungsinteressen. Das eine war, Informationen über ein taktiles Multimedia-System zu verbreiten, das ich zusammen mit Dr. Watanabe entwickelt habe. Das andere war die Untersuchung der Situation und Kultur von Sehbehinderten in Deutschland. Über dieses zweite Interesse möchte ich hier berichten. Nach einigen Monaten stellte ich fest, dass sich die Situation der Sehbehinderten hier stark unterscheidet. Natürlich ist es schwer, sehbehinderte mit sehenden Personen zu vergleichen, aber sehbehinderte scheinen in Deutschland leichter an Informationen zu kommen als in Japan. Und ich konnte sie überall in Karlsruhe sehen. Das heißt, sie konnten sich ohne Probleme alleine bewegen. Meiner Meinung nach liegt der Unterschied in der Kultur des jeweiligen Landes.
Das heißt: "In Deutschland gibt es weniger Information als in Japan, insbesondere visuelle Information."
Zum Beispiel gibt es in deutschen Zügen keinen "Liniennetzplan". Wenn ich eine kurze Reise machte, konnte ich keine Information über die nächste oder weitere Stationen bekommen. (Im schlimmsten Fall gibt es keine Ansage, bevor der Zug an der nächsten Station hält.) Natürlich steht in den Straßenbahnen die Information über die Linie an der Wand, aber sie sagt nichts über die Fahrtrichtung aus.
In Japan haben alle Züge zumindest einen "Liniennetzplan" entsprechend der Fahrtrichtung, der in der Nähe der Türen angebracht und meistens mit einem LED-System ausgestattet ist, das die nächste Haltestelle angibt. Die neuesten Züge haben LCD-Monitore, die den Fahrgästen eine Menge Informationen auf Japanisch und Englisch geben.
Ein anderes Beispiel ist die Speisekarte in Restaurants. In Deutschland sind die Speisekarten meistens nur schriftlich abgefasst. Die Kunden können sich die Mahlzeit nicht genau vorstellen, bevor sie serviert wird. In Japan sind die Speisekarten voller Bilder; vor einigen Restaurants gibt es sogar Plastikmodelle der angebotenen Speisen. Und in einem Supermarkt in Karlsruhe fand ich manchmal ein Produkt ohne Preisschild. Undenkbar in Japan.
Wie überleben also die Menschen in Deutschland unter so "unbequemen" Umständen? Die Antwort ist: "Sie sprechen oft miteinander." Wenn sie über ihren Sehsinn nicht genügend Informationen bekommen, ist das absolut normal. Sie zögern nicht, irgendjemanden zu fragen, und die Person, die gefragt wird, antwortet und hilft. Durch das Sprechen brauchen sie die Situation nicht als unbequem zu empfinden.
Im Gegensatz dazu werden in Japan die meisten Informationen auf visuellem Wege gegeben. Deshalb können die meisten Leute alles wissen, außer Sehbehinderte, Alte und Blinde. Darüber hinaus zögern die Menschen, die nicht genügend Informationen haben, zu fragen; es ist ihnen unangenehm. Das ist die Wirkung der japanischen Kultur. Ich nehme an, dass die meisten Menschen aus dem Ausland es schwierig finden zu verstehen, was ein Japaner denkt. Das ist richtig. Japaner haben Eigenschaften, die für Ausländer undurchschaubar sind. Das bedeutet: "Sag nicht, wenn etwas schön ist; fühle und verstehe, ohne zu sprechen." Zum Beispiel sagen wir manchmal "ja", obwohl wir "nein" meinen. Die meisten Japaner verstehen, wenn es ein nein' ist, aber ohne visuelle Informationen ist es schwer zu verstehen.
Deswegen glaube ich, dass die deutsche Kultur für Sehbehinderte gut geeignet ist. Im Hinblick auf Infrastruktur und hochtechnologische Geräte für Sehbehinderte ist Japan führend. Im Hinblick auf Kommunikation ist jedoch Deutschland fortschrittlich. Ich hoffe, dieses Land wird diese gute Kultur beibehalten. In Heidelberg sah ich ein gut ausgestattetes Display-System in einem Bus. Es befindet sich vorne am Bus und gibt die Namen von drei weiteren Haltestellen an. Das System ist nett und bequem für die meisten Touristen, aber ich fürchte, es reduziert die Kommunikation zwischen Fahrer und Tourist. Natürlich ist Information genauso wichtig wie Kommunikation. Aber die Information sollte für jeden verständlich sein.
Ich möchte sagen, dass eine Schnittstelle für visuelle Information unter Einsatz der neuen Technologie sehr hilfreich für Sehende ist, aber Deutschland sollte wissen, dass seine traditionelle Kultur Sehbehinderte unterstützt. Sie sollten an das Gleichgewicht zwischen Informationstechnologie und Kommunikationskultur denken.
Foto: Dr. Makoto Kobayashi, Quelle: Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS)
Im Angebot der SDC seit 09.05.06 (jch)
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