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Medienkompetenz und Verantwortung - Schlüsselbegriffe einer menschendienlichen Medienkommunikation (Teil I)

Karl Kardinal Lehmann, Bistum Mainz
Quelle: Vortrag im Rahmen der Tagung vom 28.04.06

Kardinal Lehmann
© Bistum Mainz
Für mehr Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit den Kommunikationsmitteln hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, auf der von den Kirchen, dem ZDF und der ARD veranstalteten Tagung zum Thema "Medienkompetenz – Zauberwort oder Leerformel des Jugendmedienschutzes?" in Mainz im April 2006 plädiert. Lehmann betonte, dass nach christlichem Verständnis der Medien- und Kommunikationskompetenz die Rolle einer Schlüsselqualifikation zukommt, die nicht rein technisch verstanden werden darf. Vielmehr gelte es, den Blick auf die tief greifenden Zusammenhänge zwischen der Menschwerdung, der Kommunikation und den Medien zu richten.


Lesen Sie im Folgenden den Vortrag von Kardinal Lehmann:

"Medienkompetenz und Verantwortung - Schlüsselbegriffe einer menschendienlichen Medienkommunikation!


Der Jugendmedienschutz und die Vermittlung von Medienkompetenz verhalten sich auf den ersten Blick in gewissem Sinn zueinander wie die Straßenverkehrsordnung und der Führerschein. Die Gesetze geben die Regeln vor, deren Einhaltung sicherstellen soll, dass sich die Teilnehmer am Straßenverkehr mit möglichst geringer Gefährdung bewegen können. Der Führerschein ist ein Nachweis der Fähigkeit, sich innerhalb dieses Rahmens gleichzeitig frei, aber auch verantwortlich bewegen zu können. Fehlen beide oder nur eine der beiden Komponenten, setzen sich die Verkehrsteilnehmer womöglich schwerwiegenden Gefährdungen aus. Gewiss hinken alle Vergleiche, aber sie können für eine erste Annäherung hilfreich sein.

Der gesetzliche Jugendmedienschutz hat den Zweck, Kinder und Jugendliche vor Medienangeboten, die ihre Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden, sowie vor Angeboten, die die Menschenwürde oder sonstige durch das Strafgesetzbuch geschützte Rechtsgüter verletzen, zu schützen (JMSTV § 1). Er bezeichnet z.B. Angebote als unzulässig, die zum Hass gegen Teile der Bevölkerung oder gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe aufstacheln, die Menschenwürde anderer angreifen, eine Verherrlichung oder Verharmlosung von Gewalttaten befördern oder gegen die Menschenwürde verstoßen (JMSTV § 4). Ferner sollen entwicklungsbeeinträchtigende Angebote so verbreitet und zugänglich gemacht werden, dass sie von Kindern und Jugendlichen der betroffenen Altersstufen üblicherweise nicht wahrgenommen werden (JMSTV § 5). Hinter allem steht die Auffassung, dass Angebote nicht zugänglich sein sollen, die geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden oder zu beeinträchtigen.

Dies sind also, wenn man so will, die Leitplanken, die der Gesetzgeber den Medienverantwortlichen setzt, innerhalb deren Grenzen einerseits die Medien ihre Angebote produzieren und platzieren können und andererseits gesichert werden soll, dass es Kindern und Jugendlichen möglich ist, sich weitgehend ungefährdet im "Dschungel der Medien" zu bewegen.

Aber sind diese Leitplanken Garant für den tatsächlichen Schutz der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Eine Garantie sind sie sicher nicht. Es gibt keine "Vollkasko-Versicherung" per Gesetz dafür, dass die Kinder in der Welt der Kommunikation nur von guten Mächten begleitet aufwachsen. Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag und das Jugendschutzgesetz regeln die Grenzen, nicht aber die Qualität des Umgangs der Kinder mit den Medien in ihren jeweiligen kommunikativen Bezügen. Es kommt dabei nicht nur darauf an, Gefahren zu vermeiden, sondern es geht darum, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen, in der Lage zu sein, von den Medien einen Gebrauch zu machen, der von Nutzen ist. Im Straßenverkehr ist das Wissen um die Regeln und die Fähigkeit, Fahrzeuge zu führen, eine wichtige Voraussetzung. Aber wenn ich mich am Straßenverkehr beteilige, so tue ich dies nicht, um technische Fertigkeiten zu demonstrieren und Regeln einzuhalten, sondern ich will ein bestimmtes Ziel erreichen. Kompetenz als Fähigkeit, in einem bestimmten Kontext angemessen handeln zu können, bedingt eine Kenntnis der Gegebenheiten und der Möglichkeiten, d.h. ich muss wissen, welchen Nutzen ich idealerweise daraus ziehen kann. Kompetenz erwerben heißt Optimierung von an Ziel und Sinn orientiertem Handeln.

Anforderungen der modernen Medienkommunikation

Das Feld, in dem sich heute die Kinder und Jugendlichen ausgestattet mit der "Überlebensration" Medienkompetenz bewegen, ist die Medienkultur bzw. die Medienindustrie. Die Erfahrung, die der Mediennutzer heutzutage macht, ist die, dass dieses Feld förmlich explodiert, sich rasend schnell immer weiter entwickelt . Dabei wird der Nutzer ständig mit den immer größeren Möglichkeiten der Nutzung geködert. Die CeBIT wirbt mit dem Versprechen von "Digitalen Lösungen für Arbeit und Leben". Ein wahrhaft phänomenlogisch umfassender, fast präreligiöser Anspruch.

Die Medien nehmen in unserer Lebenswelt inzwischen derartig viel Raum ein, dass man sehr viel stärker denn je entscheiden muss, welchen Angeboten man wie viel Raum, Zeit und damit Bedeutung geben möchte. Die Frage, ob man überhaupt noch die Möglichkeit hat, Medien keinen Raum zu geben, scheint obsolet, will man von der sozialen Kommunikation nicht abgeschnitten sein.

Wir haben es hier mit einem sensiblen Phänomen zu tun, weil es die Mitte des Menschen berührt. Die Verständigung mit dem Anderen – nichts anderes ist doch auch Medien-Kommunikation – konstituiert die Person und ihre personalen Beziehungen, also die Menschwerdung. Die Bibel spricht von Gott als dem "Wort" (Joh 1, 1), im menschgewordenen Gottessohn offenbart sich Gott (Dei Verbum, 4) unüberbietbar. Die Trinität von Vater Sohn und Heiligem Geist kann daher als der Urtyp der Kommunikationsgemeinschaft gesehen werden. Die menschliche Kommunikation ist davon Abbild. So ist diese personale und soziale Dimension nach unserer Überzeugung nach "oben hin" offen. Deshalb ist auch die Qualität von Medien-Kommunikation von unbedingter Bedeutung.

Der Medienethiker Dieter Wiegerling beschreibt das Verhältnis der Menschen zu den Medien als ein Eingewobensein: "[...] der Mensch erweist sich als medial verfaßt, er lebt im Medium der Sprache und des Bildes, er bedient sich medialer Apparaturen, von der Tontafel bis zum modernen Computer, um das, was ihn bewegt, zum Ausdruck zu bringen, mitzuteilen, zu bewahren und von seiner Bindung an einen zufälligen leiblichen Ort zu befreien. Medien sind Transzendierungsmaschinerien, die die menschliche Ausdrucksfähigkeiten erweitern und den Menschen ein Stück weit von der Kontingenz befreien." In dieser medialen Anlage artikulieren sich für ihn "die Grundspannungen des Menschen, nämlich das Austauschen, Bewahren, das Vorgreifen bzw. Projektieren und das Transzendieren."

Man kann den Mediennutzer nicht als passiven Rezipienten beschreiben, der sich gewissermaßen aus einem Automaten bedient, etwas herausholt, was ein kurzfristiges Bedürfnis befriedigt. Teilnahme an Medien-Kommunikation bedeutet Kontaktaufnahme: mit denen, die Botschaften über die Medien verbreiten, aber auch Kontaktaufnahme mit der Welt und den Menschen, die über die Vermittlung der Medien an den Nutzer herantreten. Die Besonderheit der Medien-Kommmunikation besteht in der Teilhabe vieler. Medien bedienen nicht nur den Einzelnen, sondern eine "Gemeinde", sie stiften Gemeinschaft in Kommunikation. Der Rezipient ist sich bewusst, dass er an einem Kommunikationsgeschehen teilnimmt, das gleichzeitig andere erreicht.

Hinter dem "Medien-Hype" ist eine tiefere Dynamik zu entdecken. Ist dies nicht Ausdruck der Sehnsucht nach Lebendigkeit und Leben in Fülle (Joh 10,10), was den Medienhunger treibt? Und verschleiert man nicht mit manchem medialen "Fast-Food" Trostlosigkeit und Leere? Die Kirche fordert von den Medien, dass sie menschendienlich sein müssen. Dass alle Kommunikation im virtuellen Raum aufgehen soll, ist nicht menschendienlich.

Gewandeltes Verhältnis zu den Medien

Unser gesamtgesellschaftliches Verhältnis zu den Medien und die Einschätzung ihrer Wirkungen und besonders auch das Verhältnis der Kirche zu den modernen Mitteln der Kommunikation hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. In den 1950er und 60er Jahren wurden die Massenmedien als Gefährdung betrachtet, und die Experten und Pädagogen nahmen oft eine bewahrpädagogische Grundhaltung ein. Diese Aversion gegen das Fernsehen und die neuen Medien allgemein beruhte auf der Annahme, das Buch sei das einzig gute Medium und die filmischen und elektronischen Medien seien eben der Hort der Versuchung. Allerdings wurde auch das Buch außerhalb der kirchlichen Zensur in der ersten Zeit nicht als verdachtsfrei gesehen.

Dass weder die Glorifizierung des Buches noch die Verdammung der anderen Medien stimmt, haben wir gelernt. Und das sage ich gerade auch als bibliophiler Mensch. Es kommt auf den rechten Gebrauch an. Hier kann die Medienpädagogik wichtige Impulse geben, darf aber auch nicht als allein verantwortlich dargestellt werden.

Wir verstehen immer besser, dass Bilder, Zeitschriften, elektronische Medien usw. bei der Aneignung von Realität und gegenseitiger Verständigung eine hohe Bedeutung haben. Wir lernen z.B. Bilder zu lesen, sie als zeichenhaften Ausdruck unserer Wirklichkeit zu deuten, ihre implizite Vieldimensionalität wahrzunehmen und auf den Mehrwert hin zu prüfen, um das Gute zu behalten (nach 1 Thess 5,21). Wir werden immer kommunikations- und medienkompetenter.

Es ist gut, dass Kinder und Jugendliche heute viel souveräner als noch vor Jahrzehnten mit den Medien umgehen, zum Teil auch viel souveräner als manche Erwachsene, denen die neue Medienwelt oft suspekt ist. Man muss freilich Chancen und Gefahren gleichermaßen sehen. Was aber bedeutet es, dass sich die Kommunikation der Kinder und Jugendlichen immer mehr in medialen, eben diesen virtuellen Räumen von Handy, Internet und anderer High-Tech-Elektronik abspielt? Wie funktionieren die Orientierung und "Navigation" der Jugendlichen in diesem Mediendschungel? Wie kann verhindert werden, dass die Kinder und Jugendlichen in diesem riesigen Medienraum sich selbst verlieren? Was ist positiv notwendig, dass die riesigen Medienangebote, die längst zu konkurrierenden Sozialisationsagenturen gegenüber dem Elternhaus, der Schule und auch der Kirche geworden sind, wirklich den Menschen und ihrem Miteinander dienlich werden?

Fortsetzung hier...

(c) Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort

Im Original sind einige Fußnoten und Hinweise enthalten.

Quellenbeleg Foto: Kardinal Lehmann, (c) Bistum Mainz


Mehr erfahren Sie unter:
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/14/0,1872,3725102,00.html

Im Angebot der SDC seit 15.05.06 (jch)

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Themenbereiche:
Jugendschutz, Medienkompetenz, Mediennutzung durch Jugendliche / Aktivitäten für Jugendliche, Kirchen




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