Vortrag im Rahmen der Tagung "Medienkompetenz - Zauberwort oder Leerformel des Jugendmedienschutzes" beim ZDF in Mainz am 28. April 2006
Dies ist der 3. Teil der Rede. Mit folgendem LINK gelangen Sie zum vorhergenden Teil.
Medienkompetenz als Lebenskompetenz
Die Antwort kann nicht lapidar lauten: Kinder und Jugendliche brauchen Medienkompetenz. Es kommt darauf an, diese als notwendig eingestufte Kompetenz näher zu beschreiben. Wesentlich scheint mir dabei an erster Stelle, dass Medienkompetenz nicht isoliert betrachtet werden kann. Dieter Baacke betont zu Recht, dass es bei der Frage nach der Kompetenz um etwas Allgemeineres geht, nämlich um "eine Weise gelungenen In-der-Welt-Seins im Horizont gelebten Lebens insgesamt."
Was das Ziel ist, klingt auch implizit in den Jugendmedienschutzgesetzen an. Hier finden wir nicht nur die Absteckung der Gefahrenzonen, sondern implizit auch die Vision, die in einer Welt zu realisieren ist, der es gelingt, die Schädigungen und Beeinträchtigungen durch Medien zu vermeiden. Kinder und Jugendliche sollen sich zu einer "eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" entwickeln. Durch die Gesetze soll also nicht nur verhindert werden, dass der Gesellschaft durch Medienwirkungen Schäden entstehen, wenn beispielsweise Gewalt nachgeahmt wird und dadurch die Gesellschaft bedroht werden könnte. Geschützt werden letztlich ein Erziehungsideal und Ziele von Erziehung überhaupt.
Man könnte sagen, dass Medienkompetenz zu den Fähigkeiten einer ausgereiften Persönlichkeit der Mediengesellschaft dazugehört. Doch wie sieht der medienkompetente Nutzer aus? Wir können nicht einfach prognostizieren, wie sich ein medienkompetenter Nutzer verhält, weil jeder Mediennutzer sein Verhalten nach individuellen Entscheidungen auf Grund seiner Bedürfnislage und seiner Beurteilung des persönlichen oder gesellschaftlichen Nutzens trifft. Zumindest aber kann man allgemein sagen: Er entscheidet im Idealfall selbst, er kann seine Entscheidung begründen, er kann die Mechanismen des Feldes, auf dem er sich bewegt, durchschauen. Er ist nicht hilflos ausgeliefert, und er wird nicht mit Botschaften vollgestopft, die ihn möglicherweise manipulieren. Dazu aber muss er befähigt werden und Kompetenzen erwerben. Kommunikations- und Medienkompetenz helfen, den Ansprüchen, die die Medien stellen, verantwortlich zu begegnen. Zu Recht stellen die Medienpädagogen fest, dass Medienkompetenz nicht auf technische und ästhetische Aspekte verengt werden darf, sondern als eine umfassendere Kompetenz zu sehen ist. Eine existenzielle Bedeutung bekommt Medienkompetenz, weil alle Wirklichkeitsbereiche und Lebensphänomene und die in ihnen zu bewältigenden Situationen symbolisch durch die Medien vermittelt werden.
Ich verzichte hier auf die Darstellung der Genese und Bedeutung des Begriffes Medienkompetenz. Erlauben Sie aber ein paar kritische Bemerkungen, wenn es um den philosophischen Begriff geht. Ursprünglich war die Pädagogik, in der die Medienkompetenz behandelt wird, eine philosophische Disziplin. In den 60er Jahren hat sich die Pädagogik aber davon weitgehend gelöst und den Sozialwissenschaften zugewandt, was man auch sprachlich spürt. Wenn man manche (medien-)pädagogischen Schriften anschaut, so wirkt diese Sprache oft merkwürdig abstrakt. So wichtig die sozialwissenschaftliche Reflexion menschlichen Daseins ist, man vermisst zuweilen den Blick auf das, was das Menschliche ausmacht.
Wir haben noch nie soviel über den Menschen gewusst wie heute. Das Wesen des Menschen aber, auf das sich die Erziehungswissenschaften konzentrieren sollten, gerät zu wenig in den Blick. Zum Wesen des Menschlichen gehört sein Angewiesensein auf Beziehung, Kontakt und letztlich das Vertrauen, gewollt und bejaht zu sein. Es ist also eine Kultur von Kommunikation in den Blick zu nehmen, die den Menschen "sein" lässt. Die Kirche sieht dieses Angenommen-Sein des Menschen in einem transzendenten Grund, weshalb sie so großen Wert darauf legt, diese Dimension und diese Atmosphäre erfahrbar zu machen. Wir verstehen Medien- und Kommunikationskompetenz als Schlüsselqualifikation nicht rein technisch und auf Anwendung reduziert. Wir sehen tief greifende Zusammenhänge von Menschwerdung, Kommunikation und Medien. Denn durch die soziale Kommunikation und die Vielfalt ihrer Beziehungen entwickeln Menschen einen tieferen Sinn für Gemeinschaft. Kommunikation ist "im Tiefsten ... [Gottes] Mitteilung seiner selbst in Liebe", so die Pastoralinstruktion "Commmunio et Progressio" (1971). Daraus ergibt sich als Abbild die menschliche Kommunikation.
Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, hat Medienkompetenz treffend wie folgt charakterisiert: "Sie ist nicht einfach eine Fertigkeit, wie die Begründung und das Praktizieren von Tischsitten. Oder die Kunst des Fahrradfahrens. Sie steht für eine Haltung." Sie ist also in letzter Konsequenz deutlich mehr als ein normaler Führerschein, der die Fähigkeit zum sachgerechten Umgang mit einem Fahrzeug und eine Kenntnis der Verkehrsregeln bestätigt. Eine Haltung haben, heißt Handlungsoptionen nach ethischen Maßstäben bewerten können, zu entscheiden, welches Ziel ich mit welchen Mitteln erreichen will, und warum dies von Nutzen ist.
Verantwortung als Schlüsselkategorie
Diese Haltung entsteht aus Verantwortung - dem zweiten Schlüsselbegriff, wenn es um eine menschendienliche Medienkommunikation geht. Verhalten ist auch im Medienbereich nicht der Beliebigkeit anheim gestellt. Es ist nicht irrelevant, wie wir uns verhalten. Verantwortung ist wie Kommunikation ein relationaler Begriff und enthält auch die kommunikative Dimension. Vom ursprünglichen Wortsinn her bedeutet es, Antwort zu geben auf eine Forderung. Verantwortung übernehmen heißt zu erkennen, was das eigene Verhalten bewirken kann und impliziert auch die Bereitschaft, Rechenschaft abzulegen, warum man etwas tut.
Eine Grundvoraussetzung hat Alfons Auer beschrieben: "Wenn ich wissen will, wie ich mich in Ehe, Familie, Beruf, Staat, Technik, Kunst und Wissenschaft verhalten soll, muss ich zuerst wissen, was diese Lebensbereiche für die menschliche Person und ihre sozialen Beziehungen bedeuten, welche Gesetze in ihnen herrschen, welche Sinnwerte in ihnen zur Erscheinung kommen, welche geschichtlichen Möglichkeiten ihnen gegenwärtig offen stehen, und welchen Begrenztheiten sie gegenwärtig ausgesetzt sind. Erst dann kann mir klar werden, wie ich mich in ihnen zu verhalten habe, damit sie ihren Sinn und ihre Funktion für das menschliche Dasein in optimaler Weise erfüllen."
Dieser Anspruch hängt davon ab, ob und wie wir die Medien als "Zeichen der Zeit" lesen und verstehen können. Über Sinn und Funktion der Medien habe ich schon gesprochen. Es geht nun darum, wie diese Haltung im Dienst am menschlichen Dasein konstitutiv und selbstverständlich wird.
Verantwortung, wie im Übrigen Religiosität auch, setzt voraus, dass ich offen werde für den Anspruch der Wirklichkeit - für das offensichtlich Vorhandene und für das Andere. Verantwortung wie Religion bekommen erst dann ihren Sinn, wenn das konkrete Leben darin seinen Widerhall findet. Wenn wir die Medienkultur und ihre Bedeutung für den Menschen ernst nehmen, kommen wir in die Situation, uns dazu verhalten zu müssen, also Verantwortung zu leben. Natürlich dürfen wir erwarten und müssen immer wieder einfordern, dass die Medienmacher, die Journalisten, die Sendeanstalten und Verlage ihrer Verantwortung nachkommen. Darüber ist schon viel gesprochen und geschrieben worden . Aber Medienkommunikation ist keine Einbahnstraße, vor allem nicht im digitalen Zeitalter mit ihrer impliziten Interaktivität, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind. Der Kommunikationsprozess ist eine Partnerschaft am "Runden Tisch" des Gesprächs, wie es "Communio et Progressio" ausdrückt. Es hängt von den Rezipienten – aber nicht nur von ihnen - ab, ob ein wirkliches Gespräch, ob Dialog tatsächlich zu Stande kommt oder ob Medienkommunikation einer Art Opium des Volkes gleicht. Der Rezipient muss seinen Teil dazu beitragen, dass ein wahrhaft lebendiges Zeitgespräch in der Gesellschaft zu Stande kommt.
Forderungen an die Medienerziehung
Soll sich beim Mediennutzer eine Haltung der Verantwortung bilden, gibt es dazu bestimmte Voraussetzungen. Auer benennt folgende Felder, in welchen sich Medienerziehung und die Kompetenz der Mediennutzer entwickeln soll:
Er fordert erstens eine Grundentscheidung zur Spontaneität. Nur wer sich - nicht in Gewohnheit verschlossen - dem unerwartet Neuen und Anderen öffnen kann, wird auch in den Medien nach Lebensdienlichem suchen und es sich aneignen. Er wird unterschiedliche Quellen von Information aufsuchen und lernen, die Geister zu unterscheiden.
Zweitens muss er lernen, sich der Wirklichkeit zu stellen, wie sie ist. Dabei ist nach Watzlawicks Thesen freilich die Problematik der vermittelten Wirklichkeit zu beachten. Es ist zugegeben schwer, die Spannung aller Kontingenzen, wie wir sie täglich vor Augen geführt bekommen, auszuhalten. Der Eskapismus, die Flucht in die Illusion boulevardisierter Medien, tröstet nur vordergründig. Auch hier wird zwar Kontingenz vermittelt, aber nicht bewältigt. Die Anfechtung durch die Leere dahinter wiegt letztlich schwerer.
Es bedürfe drittens der Weckung von Freiheit und Selbstverantwortung. Verantwortung und Freiheit stehen immer in einem Wechselspiel. Verantwortetes Handeln bedeutet, den Freiheitsspielraum zu kennen und gegebenenfalls auch auf Handlungsmöglichkeiten zu verzichten, wenn sie die Freiheit eines anderen beschränken.
Und letztlich verweist er viertens beim Umgang mit den Medien auf die Sicherung des Einzelnen in einer Gemeinschaft. Als hätte Auer die Gefahren der Entkörperlichung und Virtualisierung von menschlicher Beziehung schon geahnt, mahnt er die Verbundenheit in der Familie, in der Jugendarbeit und in Bildungsprozessen an. Der Bedarf nach emotionalem Halt und an Orientierung wächst. Der "Überfluss an Informationen aller Art" als Merkmal der Globalisierung stellt hier ganz besondere Herausforderungen.
Fortsetzung hier...
(c) Karl Kardinal Lehmann
Es gilt das gesprochene Wort
Im Original sind einige Fußnoten und Hinweise enthalten.