SchulCoach Jens Tanneberg berichtet
Der Verein Bildungscent e.V. setzt sich seit der Gründung durch die Herlitz PBS AG im Jahre 2003 für die Förderung schulischen Lehrens und Lernens ein. In diesem Zusammenhang hat der Verein das SchulCoach-Modell entwickelt. SchulCoaches sind externe Berater, die Schulen für einen Zeitraum von vier Monaten bei der Umsetzung verschiedenster Projekte unterstützen. Das SchulCoach-Projekt 'Neue Medien machen Schule' zielte darauf ab, die Medienkompetenz an Schulen zu fördern. Das Projekt lief vom 1. März 2006 bis zum 30. Juni 2006. In diesem Zeitraum betreuten acht für den Bereich Medien zuständige SchulCoaches bundesweit sechzehn Schulen bei der Umsetzung von Medienprojekten.
Jens Tanneberg war in Bremen und Nordenham als SchulCoach für den Verein Bildungscent tätig und hat mit der Stiftung Digitale Chancen über seine Tätigkeit und seine Erfahrungen in den Schulen gesprochen.
Stiftung Digitale Chancen: Herr Tanneberg, können Sie kurz die Aufgaben und Ziele des SchulCoachs im Projekt 'Neue Medien machen Schule' beschreiben?
Jens Tanneberg: Die Aufgabe des SchulCoachs ist es, die Schulen bei der Umsetzung ihrer Medienprojektideen und -wünsche zu unterstützen, d.h. es wird am konkreten Bedarf der Schulen angesetzt und nichts übergestülpt, was sich jemand anderes ausgedacht hat. Der SchulCoach hat dabei vor allem die Rolle eines 'beratenden Trainers', eines 'Begleiters'. Das fand ich einen sehr guten Ansatz und auch die Schulen konnten die Herangehensweise, an ihrem Bedarf anzusetzen, gut annehmen.
Der konkrete Bedarf an den 16 Schulen war sehr unterschiedlich. So gehörte es in einem Fall zu den Aufgaben des SchulCoachs, Sponsoren für die Anschaffung von Computern einzuwerben. An anderen Schulen mussten Computergrundlagenkenntnisse vermittelt werden oder es war Aufgabe des SchulCoachs, auf der Grundlage hervorragender Ausstattung für eine bessere Integration von Medienprojekten im Gesamtzusammenhang der Schule zu sorgen und in die Arbeit mit virtuellen Arbeitsplattformen einzuführen. Wichtig war dabei immer, dass der SchulCoach die Lehrkräfte in die Lage versetzt, die Projekte allein weiterführen zu können. Ein wichtiges Ziel des Projekts war die Förderung von Medienkompetenz im Unterschied zur reinen Mediennutzung.
Strukturell waren die SchulCoaches in ein sehr gutes Projektmanagement von Bildungscent e.V. integriert. Als Vorbereitung auf den Einsatz an den Schulen wurde ein zweitägiges Training in Berlin durchgeführt. Die Tätigkeit an den Schulen wurde begleitet durch verschiedene Evaluationsmaßnahmen. Zum Ende des Projektzeitraums konnte so ein Fazit des Erfolgs gezogen werden, und es war möglich, etwaige Schwächen aufzudecken.
Stiftung Digitale Chancen: Können Sie uns etwas über Ihre konkreten Erfahrungen vor Ort erzählen? Um welche Art von Projekten ging es da?
Tanneberg: An der Realschule in Nordenham war die Ausstattung optimal - man hat dort ein altes Schwimmbad in einen so genannten 'Medienpool' umgebaut und den Unterrichtsraum mit Lerninseln ausgestattet. Die Lehrer dort äußerten den Wunsch, virtuelle Klassenräume anzulegen und für den Unterricht zu nutzen. Ich habe mit ihnen über das Portal 'lo-net' von lehrer-online
http://www1.lo-net.de virtuelle Arbeitsräume eingerichtet und praktisch erprobt. Die Lehrer fanden die sich dadurch ergebenen Arbeitserleichterungen und neuen Kommunikationsmöglichkeiten sehr praktisch. Z. B. ermöglicht die Plattform es ihnen, elektronisch und nachverfolgbar Aufgaben an die Schüler zu verteilen und deren Erledigung zu überwachen. Sie fanden es auch sehr gut, dass die Plattform sie somit in ihrer Rolle als Lehrer unterstützt: Einerseits können sie die Schüler selbständig arbeiten lassen, andererseits bleiben sie doch 'Herr/Frau im Ring'.
Allerdings wurde dem Lehrpersonal auch deutlich, dass der sinnvolle Einsatz des Computers im Unterricht nicht nur Entlastung bringt, sondern auch mit Arbeitsaufwand verbunden ist. Dies zeigte sich insbesondere bei der Erstellung eines WebQuests. Zunächst einmal erforderte das eigene WebQuest viel Vorbereitungszeit, bevor es sinnvoll genutzt werden konnte – aber das ist eigentlich auch so, wenn Lehrer Arbeitsblätter auf herkömmliche Weise erstellen.
Stiftung Digitale Chancen: Waren die Wünsche und Vorraussetzungen an der Realschule und an der Grundschule ähnlich?
Tanneberg: Nein, die Grundschule stand noch viel weiter am Anfang. Es wurde dort vor allem erstmal eine stärkere Nutzung des vorhandenen Computerraums gewünscht. Da musste man auch schon mal bei den Grundlagen anfangen, denn gerade ältere Lehrkräfte haben oft Schwierigkeiten mit dem PC, da sie nicht mit dem Medium aufgewachsen sind. Nun stehen sie vor dem Problem, dass die Schüler oft mehr wissen und schneller mit dem Computer sind als sie selber. Das tut der Rolle als Lehrer nicht gut und verringert die Lust, den Computer im Unterricht einzusetzen. Es ging also zunächst darum, die Lehrer am Rechner sicherer zu machen, damit sie ihn dann auch zusammen mit den Schülern im Unterricht einsetzen können. Hilfreich für das Lehrpersonal war es, jemand zu haben, den sie ansprechen konnten, der sie im Umgang mit dem Rechner coacht, den sie fragen konnten, warum etwas nicht funktioniert hat. Diese Art des Troubleshooting fanden die Lehrer sehr unterstützend.
An der Grundschule haben wir dann ein Medienprojekt in einer 4. Klasse durchgeführt, bei dem die Schüler erste Präsentationsformen und -techniken mit dem PC lernen sollten. Als Ergebnis wurde eine Schulhomepage erstellt, die beim Schulfest im Juni vorgestellt wurde. Beim Schulfest wurde auf dieser Seit auch gechattet, ein Kommunikationsmittel, das den Lehrern im Einsatz für den Unterricht oft noch unbekannt war. Auch Eltern konnten so erleben, was ein Live-Chat ist. Wir haben das so realisiert, dass man den Chat über den Beamer verfolgen konnte, und so deutlich wurde, wie kompetent und mit wie viel Spaß die Schüler damit umgegangen sind.
Stiftung Digitale Chancen: Auf welche Probleme stießen Sie an den Schulen?
Tanneberg: Zum einen gab es das Problem, dass das Thema Medienkompetenz bisher nicht in die schulischen Rahmenpläne integriert war. Daraus folgt, dass die einzelnen Medienaktivitäten nicht in einen Gesamtzusammenhang gestellt worden sind. Aber das wird künftig anders sein, denn die Förderung der Medienkompetenz als vierte Kulturtechnik soll nun auf Beschluss der Kultusministerien in die Rahmenkonzeptionen der Schulen aufgenommen werden.
Zum anderen gab es das Problem, dass die Lehrkräfte zunächst gar nicht wussten, was für einen Beratungsbedarf sie eigentlich haben. Sie konnten sich erst nur wenig Konkretes vorstellen, denn dazu muss man ja wissen, was es gibt und was möglich ist. Somit musste der Beratungsbedarf erst anhand von Bedarfsanalysen per Fragebogen erarbeitet werden. Zudem ist Medienkompetenz immer noch ein Fremdwort für viele Lehrkräfte.
Stiftung Digitale Chancen: Wie steht es denn Ihrer Erfahrung nach um die Medienkompetenz an den Schulen?
Tanneberg: Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass Medienkompetenz häufig mit Mediennutzung verwechselt wird. Der Begriff der Medienkompetenz ist noch viel zu wenig bekannt. Viele Lehrkräfte, die Medien einsetzen, denken, dass es gut ist, überhaupt etwas mit Medien zu machen. Unter Medienkompetenz für Lehrer verstehe ich aber die Fähigkeit, die Medien dort im Unterricht einzusetzen, wo sie didaktisch für den Unterricht gebraucht werden. Ein wichtiger Schritt ist es dabei, eine Auswahl zu treffen, und neue Medien zielgerichtet anzuwenden.
Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet Medienkompetenz etwas anderes. Die Nutzung ist bei den Kindern und Jugendlichen ja extrem hoch und sie sind sehr schnell im Umgang mit dem PC. Bei ihnen geht es darum, die Mediennutzung in Kanäle zu leiten. Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, dass nicht alles vorgefertigt ist. Stattdessen sind für den Aufbau einer Internet-Homepage verschiedene Arbeitsschritte erforderlich. Die Fähigkeit, Texte schreiben und Fotos bearbeiten zu können, gehört dabei ganz wesentlich zur Medienkompetenz. Denn sonst kann man ja nicht über tolle Schulprojekte berichten.
Außerdem ist meines Erachtens noch die Fähigkeit zur Medienkritik als wichtiger Aspekt von Medienkompetenz zu nennen, d. h. die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, sich kritisch mit dem Medium Internet auseinanderzusetzen, so wie in der ‚klassischen’ Medienbildung Fernsehen und Werbung im Unterricht kritisch thematisiert werden.
Stiftung Digitale Chancen: Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Tanneberg: Im Moment ist keine Fortführung des Projekts mit Bildungscent vorgesehen. Es gibt allerdings eine sehr hilfreiche Best-Practice-Liste von allen durchgeführten Aktionen auf den Webseiten von Bildungscent. So kann das Wissen, das im Projekt gewonnen wurde, weitergegeben werden. Zudem möchte ich hier noch auf den Ergebnisbericht hinweisen, der ebenfalls zum Download zur Verfügung steht.
Jens Tanneberg ist Politikwissenschaftler mit Zusatzqualifikationen in Erwachsenenbildung und Internationalen Projektmanagement. Weiteres: Tätigkeiten im Bildungsmanagement, zunächst in der Entwicklungszusammenarbeit, Trainer für Schulen-ans-Netz für den Bereich eTwinning, SchulCoach bei Bildungscent, Dozent für politische und interkulturelle Bildung, EU-Beratung für verschiedene Bildungsinstitutionen, Projektleiter am privaten 'Institut für Neue Medien' in Rostock für EU-Projekte die ihre sozialen Themen über Lern-Plattformen transportieren (u. a. auch ein Grundvig-Projekt, in dem Schüler Senioren in die Nutzung des Internets einführen).
Kontakt Jens Tanneberg: tanneberg@gmx.net
Die Ergebnisdokumentation finden Sie auf den Seiten von Bildungscent unter folgendem Link:
http://www.bildungscent.de/neue_medien.html
Das Interview führte Jeanette Christu.