Eine von Intel gesponserte Sonderumfrage "Lehre oder Leere" des am 1. August in Berlin veröffentlichten (N)ONLINER Atlas, hat sich mit der Computerausstattung und -nutzung an deutschen Schulen beschäftigt. Die Stiftung Digitale Chancen hat Bernd Bielmeier von Intel Deutschland zu zentralen Ergebnissen der Umfrage befragt.
Stiftung Digitale Chancen: Die Ausstattung der Schulen mit Computerräumen ist gut, allerdings fehlt es an der Ausstattung der Klassenzimmer. Sieht die Wirtschaft eine Notwendigkeit und die Möglichkeit, weitere Ausstattungsinitiativen zu unterstützen?
Bernd Bielmeier: Ich denke es geht heute vor allem darum, den Erwerb von Medienkompetenz zu unterstützen und zwar durch face-to-face-E-Education. Perspektivisch muss das Ziel sein, dass jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Notebook hat. Die Einrichtung von Computerräumen hat meines Erachtens langfristig keine Zukunft - das ist wie früher bei den Sprachlaboren, die allzu häufig nicht funktionierten und dann auch nicht wirklich genutzt wurden.
Ein nachhaltiger Ansatz ist auf die private Anschaffung der Notebooks durch die Eltern angewiesen - die Budgets der Schulen geben das schlichtweg nicht her. Zudem kann man davon ausgehen, dass die Notebooks dann auch pfleglicher behandelt werden. Es ist aber wichtig, mit professionellen Betreiber- und Unterstützungskonzepten zur Seite zu stehen. Intel arbeitet an diesem Punkt mit Schulen zusammen, um herauszufinden, welche Ausstattungsmodelle funktionieren. Bewährt hat sich z.B., mit einer ortsansässigen Bank einen Kredit für die Anschaffung von Schulnotebooks zu vereinbaren und mit den Unternehmen einen vernünftigen Preis für die Hardware auszuhandeln. Die Anschaffung durch die Eltern muss natürlich sozial abgefedert werden - z.B. indem die Besserverdienenden 1 bis 2 Euro mehr bezahlen. Die Zeiten für klassisches Sponsorship sind vorbei. Das funktioniert nicht, da diesem Ansatz die Nachhaltigkeit fehlt. Nach zwei, drei Jahren sind die Geräte veraltet - und es werden auch Softwareupdates gebraucht. Das muss sich auf die Dauer selber tragen. Es kann nicht sein, dass die Ausstattung der Schulen mit Computern auf die Dauer vom Sponsorship der Industrie abhängig ist.
Stiftung Digitale Chancen: Die Befragungsergebnisse legen den Schluss nahe, dass noch immer die Lehrerinnen und Lehrer der Bottleneck für eine weitergehende Nutzung von PCs im Unterricht sind. Ist die Qualifizierung hier eher eine Aufgabe des Staates oder sieht sich auch hier die Wirtschaft in der Verantwortung?
Bielmeier: Ich denke nicht, dass die Lehrer hier der Bottleneck sind - sie brauchen vor allem Hilfestellung. Hier muss ein Weg der Zusammenarbeit eingeschlagen werden. Statt Schuldzuweisung brauchen die Lehrer vielmehr Hilfestellung und es hilft sicherlich nicht, wenn man immer die Lehrer zu den Sündenböcken macht. Wichtig ist es, die Lehrer in puncto Computernutzung zu qualifizieren, denn es sollte sicherlich nicht so sein, dass die Schüler mehr am Computer wissen als die Lehrer.
Intel setzt mit Programmen wie z.B. "Intel- Lehren" vor allem bei der Qualifizierung der jungen Lehrer und Referendare an. 2012 werde ca. 40 Prozent der heutigen Lehrer in Rente gegangen sein - für diese Gruppe ist es oft schwierig mit dem Computer umzugehen, da sie es nicht frühzeitig gelernt haben. Daher konzentrieren sich die Programme auf die Frage, wie man den Referendaren kompetente Computernutzung im Unterricht weitergeben kann. Inzwischen hat Intel in dem Programm "Intel - Lehren" auch schon deutschlandweit 400.000 Lehrer ausgebildet.
Zur Frage der Verantwortlichkeit - die Wirtschaft hat eine soziale Verantwortung. Insofern kann die Qualifizierung der Lehrer im Rahmen des sozialen Engagements eines Unternehmens auch dessen Aufgabe sein. Es ist aber auch Aufgabe des Staates. So wäre es z.B. wichtig, dass die Zeit, die Lehrer in Fortbildungen investieren, als Weiterbildungszeit angerechnet wird. Des Weiteren wäre es sehr wichtig, dass Medienkompetenz als vierte Kulturtechnik in die Rahmenlehrpläne integriert wird. Dann erst wäre sichergestellt, dass auch wirklich jede Schule sich um die Vermittlung von Computerwissen kümmern müsste. Im Moment ist die Situation noch die, dass die Computernutzung und Ausstattung maßgeblich vom Engagement der Schule und der Lehrer abhängt.
Stiftung Digitale Chancen: Erfreulich ist die im Vergleich mit den anderen Schulformen höhere Nutzung des PCs an den Hauptschulen. Gerade bei Hauptschülern wird ja von Unternehmensseite häufig eine geringe Ausbildungsfähigkeit beklagt. Trägt die PC-Nutzung zu einer Verbesserung der Ausbildungsfähigkeit von Hauptschulabsolventen bei? Welche Voraussetzungen müssen junge Hauptschulabsolventen mitbringen, um aus Sicht von Unternehmen ausbildungsfähig zu sein?
Bielmeier: Da die Erfahrungen zeigen, dass der Lernerfolg in Notebookklassen einfach besser ist, würde ich die Frage, ob die Ausbildungsfähigkeit gefördert wird, bejahen. Das fängt bereits bei der Fähigkeit an, eine Bewerbung elektronisch schreiben zu können. Und der Trend geht eindeutig hin zur elektronischen Bewerbung. Gesetzt den Fall, man müsste sich zwischen einem Auszubildenden mit und einem ohne Medienkompetenz entscheiden, wenn diese ansonsten die gleichen Voraussetzungen mitbringen, dann ist die Antwort eigentlich klar: Medienkompetenz ist eine Voraussetzung, die Ausbildungsplatzsuchende mitbringen sollten.
Ergänzen möchte ich aber die Aussage der Sonderbefragung dahingehend, dass aus der höheren Computernutzung an den Hauptschulen nicht geschlossen werden kann, dass Hauptschüler insgesamt mehr mit dem Computer arbeiten als Schüler höherer Schulen. Denn Letztere verfügen eventuell zu Hause über die besseren Ressourcen und können mehr am eigenen Rechner arbeiten.
Bernd Bielmeier verantwortet den Bereich Public Affair & Education bei Intel Deutschland und vertritt als Projektleiter Intel bei der Initiative D21.
Weiterführende Links:
Artikel zur Sonderauswertung 'Lehre oder Leere'
Präsentation mit Tabellenmaterial zur Sonderauswertung 'Lehre oder Leere'
Link öffnet PDF auf den Seiten von TNS Infratest.
Fragen Jutta Croll, Interview Jeanette Christu
In einem weiteren Interview mit Johannes Böttcher, Leiter des Referats Virtuelle Lehrerfortbildung an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalentwicklung, Dillingen, werden die Ergebnisse aus wissenschaftlicher Sicht beleuchtet .