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Lehre oder Leere? Ein Interview mit Johannes Böttcher, Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen

Johannes Böttcher
Die Sonderumfrage 'Lehre oder Leere' zum (N)ONLINER 2006 Atlas, hat sich mit der Computerausstattung und -nutzung an deutschen Schulen beschäftigt. Die Stiftung Digitale Chancen hat Johannes Böttcher, Leiter des Referats 'Virtuelle Lehrerfortbildung' an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP), Dillingen, zu den Ergebnissen befragt.

Stiftung Digitale Chancen: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Anzahl von Computerräumen und der von Computern in den Klassenräumen. Ist dies die Ursache für die geringe Nutzung? Wenn ja, ist das ein organisatorisches Problem (Belegung des Computerraums etc.) oder eher ein didaktisches (keine Einbindung des PCs in die Curricula)?

Johannes Böttcher: Zunächst möchte ich feststellen, dass sich der Einsatz der 'Neuen Medien' nicht nur auf den Einsatz von Computern und der Nutzung des Internet beschränkt, sondern auf den Einsatz aller digitalen Medien im Unterricht ausgerichtet ist. Aus meiner Sicht ergeben sich dabei große Chancen, die aktiven Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler im Sinne des eigenständigen, selbstgesteuerten und selbstorganisierten Lernens zu fördern. Einerseits werden die Phasen der Informationsgewinnung und- verarbeitung sowie die Verknüpfung mit dem vorhandenen Wissen gefördert, andererseits wird die Medienkompetenz durch die eigene Produktion umfassend gesteigert. In diesem Sinne muss der Einsatz der digitalen Medien nicht eigenständig in den Curricula ausgewiesen werden. Nahezu jeder Lerninhalt kann in Verbindung mit den digitalen Medien die Lernprozesse der Schüler im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten fördern. Dabei wird allerdings nicht der gesamte Unterricht auf den Einsatz der Medien ausgerichtet sein. Im Sinne eines Spiralcurriculum müssen die Lernkompetenzen im Umgang mit den Medien schrittweise und konsequent erweitert und mit den traditionellen Formen des Unterrichts verknüpft werden.

Zur Diskrepanz
a) Der Computerraum als Ort zur Durchführung eines IT-gestützten Unterrichts stellt eine schlechte Alternative zum Einsatz der Rechner im Klassenzimmer dar, denn er wird bereits durch den Fachunterricht belegt, in dem der Computer als Werkzeug notwendig ist (CAD, Informatik etc.). Für den anderen Fachunterricht ergeben sich daher keine Freiräume zur flexiblen Nutzung, so dass der konsequente Einsatz der Rechner nicht geplant werden kann und folglich die Lehrkräfte nicht das Risiko eingehen, ihren Unterricht darauf auszurichten. Einen breiten Einsatz in allen Fächern kann man nur erreichen, wenn Computer in den Klassenzimmern zur Verfügung stehen. Dabei können Rechner dauerhaft im Klassenzimmer vorhanden sein oder Notebook-Sätze flexibel für den Unterrichtseinsatz zur Verfügung stehen. Voraussetzung ist eine Netzanbindung in den Klassenzimmern. Hierbei müssen Konzepte erarbeitet werden, die in der Praxis funktionieren (Ausleihsystem, einfaches Anschließen ans Netz, etc.).

Der Einsatz von Computern oder Notebooks erfordert von den Lehrern teilweise erhöhten Vorbereitungsaufwand. Sein Einsatz wird zudem von Lehrern nicht als unabdingbar angesehen, sofern nicht die organisatorischen Rahmenbedingungen dem offenen Lernen angepasst sind (z. B. Verminderung des Stoffdrucks, Auflösung der starren Zeiteinheiten, technischer Aufwand, technische Wartung der Computer durch Fachkräfte). Es gibt daher Schulen, die innovative Ansätze verfolgen und in denen eine große Zahl an Lehrkräften hinter dem Ansatz eines rechnergestützten Unterrichts stehen (z. B. Schulen mit Notebook-Klassen) und Schulen, deren Lehrkräfte keine Chance sehen, die Hemmnisse zu beseitigen. Wenn in diesen Schulen keine Leuchttürme als Pioniere vorangehen, wird der Einsatz der Computer im Unterricht nicht vorangetrieben, solange es keine amtlichen Vorgaben und Verpflichtungen gibt. Einen solchen Schritt würde ich aber ablehnen, da der sinnvolle Einsatz des Computers mit einem Lernprozess durch die Lehrkräfte verbunden sein muss, der auch einer inneren Motivation und Offenheit entspringen muss.

b) Die Nutzung der digitalen Medien ist nur dort erfolgreich, wo der Einsatz mit neuen Lernmethoden verbunden wird, die den Schülerinnen und Schülern den Freiraum geben, eigenständig die Prozesse der Informationsgewinnung und -verarbeitung durchzuführen. Damit ändert sich die Rolle der Lehrkräfte vom "Dozenten" zum Lernberater. Dieser Rollenwechsel muss neben dem Abbau organisatorischer Hemmnisse durch eine breit angelegte Lehrerfortbildung unterstützt werden.

Vor Pisa hat sich der Staat sehr engagiert, um den Lehrkräften Kompetenzen im Umgang mit den Medien zu vermitteln. In allen Ländern wurde die Fortbildung zum Umgang mit dem Computer zu einen der Schwerpunkte der Lehrerfortbildung. Der Pisa-Schock führte aber zu einer Verlagerung der finanziellen Ausgaben in Richtung Evaluation und Beratung der Schulen, um das Leistungsniveau in den von PISA erfassten Fächern wieder zu steigern. Dabei wurde der Medieneinsatz im Unterricht wieder zu einem Randthema. Nur wenige Schulen setzen weiterhin konsequent auf die Einbindung der neuen Medien in den Unterricht. Eine Ausnahme stellen die Schulen mit Notebook-Klassen dar. Aber auch diese Schulen vermissen eine breit angelegte Unterstützung in Form der Lehrerfortbildung und Verfügbarkeit von digitalen Materialien zur Einbindung in den Unterricht.

c) Solange der Staat die Nutzung von Computern noch nicht vorschreibt, sind die Kommunen als Sachaufwandträger für die Beschaffung der neuen Medien zuständig. Aus diesem Grund ist der Grad der Ausstattung jeweils von der finanziellen Lage der Kommunen abhängig. In der Regel wird auch eine finanzschwache Kommune eine Schule nicht im Stich lassen, wenn diese ein schlüssiges Konzept vorlegt, in dem der Mehrwert des Einsatzes der Computer aufgezeigt wird - nach Aussage vieler Kommunen mangelt es vielen Anträgen daran.

Man kann zusammenfassend sagen, dass in Regionen, in denen die Schulen ein schlüssiges pädagogisches Konzept zum Einsatz des Computers im Unterricht entwickeln und zudem der Sachaufwandsträger über hinreichende finanzielle Mittel verfügt, in der Regel eine gute PC-Ausstattung vorzufinden ist. Eine Reglementierung durch die ministeriellen Vorgaben ist nicht gegeben und wäre in der Praxis nicht hilfreich. Die Curricula lassen für den Einsatz der Rechner einen breiten Raum, der durch die Änderung der organisatorischen Rahmenbedingungen optimiert werden müsste (Stoffdruck, Zeiteinheiten, Fortbildung). Die Einführung der Bildungsstandards in den Ländern, die zunehmend die Lehrpläne ersetzen, lassen hierfür mehr Spielraum. Das Projekt 'Intel Lehren für die Zukunft - online trainieren und gemeinsam lernen' http://aufbaukurs.intel-lehren.de stellt eine Fortbildungsplattform dar, in der aufgezeigt wird, wie man den Einsatz des Computers mit innovativen Unterrichtsmethoden im Fachunterricht verknüpfen kann. Das Konzept wird von den Ländern mitgetragen und den Lehrkräften als Fortbildung angeboten.

Stiftung Digitale Chancen: Welches sind die Gründe für die besonders hohe Nutzungsrate in den Sozialwissenschaftlichen Fächern?

Böttcher: Die sozialwissenschaftlichen Fächer sind auf aktuellste Informationen angewiesen, die nicht unbedingt das Schulbuch liefern kann. In diesen Fächern stellt das Web eine breite Informationsbasis dar. Die Naturwissenschaften sind auf ein breites Basiswissen ausgerichtet, das nicht einem so hohen Wandel unterliegt. Der Schwerpunkt der Naturwissenschaften ist die wissenschaftlich fundierte Problemanalyse, die zur Problemlösung führt. Viele Lehrkräfte in den Naturwissenschaften sind auf das Realobjekt ausgerichtet (z. B. Versuche und Experimente) und auf die klassischen Formen der Stoffvermittlung. Es mangelt nicht an Möglichkeiten eines effektiven Rechnereinsatzes und viele engagierten Lehrkräfte aus dem naturwissenschaftlichen Bereich ergänzen ihren Unterricht mit innovativen Ansätzen der IT-Nutzung (z. B. digitale Messwerterfassung, Modellbildung, Simulation).

Stiftung Digitale Chancen: Was sind die Ursachen für die Ost-West-Unterschiede, die ja auch bei den sozialwissenschaftlichen Fächern eklatant sind?

Böttcher: Die Unterschiede sind sicher in der finanziellen Situation der Sachaufwandsträger, was die Beschaffung angeht und der Länder, was die Zuschüsse bei der Schulausstattung, Lehrerfortbildung angeht, begründet. Sie sind nicht im mangelnden Engagement der Lehrkräfte zu suchen.

Stiftung Digitale Chancen:In den Hauptschulen wird der PC häufiger genutzt als in den Realschulen und den Gymnasien. Worin sehen Sie die Gründe?

Böttcher: Der wesentliche Grund ist in der unterschiedlichen Finanzierung der Schulausstattung zu suchen. Hauptschulen werden vielfach von kleineren Kommunen finanziert. Damit ist für die Kommunen auch der Ehrgeiz verbunden, dass sich die Schule "sehen lassen kann". Gymnasien und Realschulen werden in der Regel von den Landkreisen oder Städten finanziert, die damit für eine Vielzahl an Schulen zuständig sind und immer vor dem Problem stehen, dass die Ausstattung der einen Schule die Ausstattung der anderen Schule nach sich zieht. Die Entscheidungen bezüglich der Ausstattung unterliegt daher stärker den haushälterischen Aspekten des Kämmerers als den Beschlüssen von Gemeinderäten, die ihre Schule besonders fördern wollen.

Ein weiterer Grund für die intensivere Nutzung von Computern an Hauptschulen ist deren stärkere Praxisorientierung, die vor allem auch in Fächern zum Tragen kommt, die auf den Einsatz des Computers ausgerichtet sind (z. B. kaufmännisch-bürotechnische Ausrichtung, gewerblich-technische Ausrichtung, Informatik).

Als dritten Aspekt möchte ich die "Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Medien" anführen: Die Ausbildung der Lehrkräfte an Hauptschulen umfasst zum erheblichen Anteil die Fachdidaktik und Pädagogik. Gegenüber innovativen unterrichtsmethodischen Ansätzen ist die Hauptschule immer schon sehr aufgeschlossen gewesen, so dass auch die Einbindung des Computers im Klassenzimmer als wertvolle Bereicherung empfunden wird.

Eine zunehmende Aufgeschlossenheit an Gymnasium ist allerdings an der dort steigenden Zahl der Notebookklassen abzulesen - gerade Notebookklassen sind auf ein umfassendes Gesamtkonzept angewiesen und müssen von einer großen Reihe von Lehrkräften mitgetragen werden. Aus meiner Sicht werden in den nächsten Jahren die in der Sonderauswertung festgestellten Unterschiede zwischen Gymnasien und Hauptschulen kleiner werden.

Fragen: Jutta Croll

Weiterführende Links:
Artikel zur Sonderauswertung 'Lehre oder Leere'

Interview mit B. Bielmeier von Intel


Im Angebot der SDC seit 24.10.06 (jch)

Verwandte
Themenbereiche:
Grund-, Haupt- und Realschulen, Gymnasien, Medienkompetenz, Medienpädagogische Konzepte




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