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Chancengleiche Mediennutzung für alle Kinder
Susanne Bernsmann, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: Eigener Bericht
Prof. Joachim von Gottberg / Prof. Nadia Kutscher
"Armut ist der Mangel an elementaren Verwirklichungschancen oder Entfaltungsmöglichkeiten." (Amartya Sen)
Welche Auswirkungen dies auf die Bildungschancen und das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen hat, wurde im Rahmen der Veranstaltung "Kinderarmut und Medien. Chancengleiche Mediennutzung für alle Kinder" am 27. Juni 2008 in Berlin diskutiert.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung – organisiert von der Fachgruppe Kinder und Jugendliche der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, dem Deutschen Kinderhilfswerk e.V. und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. – standen die Unterschiede bezüglich sozialer Herkunft, Bildung und anderer Ressourcen von Kindern und Jugendlichen und deren Auswirkungen auf die Mediennutzungsweisen und -aneignungsstrukturen.
Im Interview mit Prof. Joachim von Gottberg (Vizepräsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen) und Prof. Nadia Kutscher (Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Aachen) gehen wir der Frage nach, welche Rolle das Internet bei der Realisierung von Chancengleichheit spielen kann.
SDC: In Deutschland wird das Internet insgesamt stark von Kindern und Jugendlichen genutzt. Welche Auswirkungen ergeben sich aus der finanziellen Situation innerhalb der Familien auf deren Medienausstattung bzw. Mediennutzung?
Nadia Kutscher: Dort besteht ein großer Zusammenhang. Einkommensstärkere Haushalte sind komfortabler mit Computern ausgestattet als Haushalte mit niedrigerem finanziellen Status. Dies lässt sich auch auf die Nutzung übertragen: Aus dem Monitoring Informationswirtschaft geht hervor, dass im Jahr 2007 38 % der Bevölkerung in Deutschland mit einem Gehalt von unter 1.000 Euro das Internet nutzten, mit einem Gehalt von über 3.000 Euro waren es fast 84 %. Diese ungleiche Verfügbarkeit der Geräte beeinflusst eine Benachteiligung in der Mediennutzung und somit einen eingeschränkten Zugang zu Information, Kommunikation und gesellschaftlicher Beteiligung – so entstehen Chancenungleichheiten in Schule und Beruf.
Joachim von Gottberg: Das Internet kann aber auch ausgleichend wirken: wenn man die Anschaffungskosten von gedruckten Brockhaus Bänden den Ausgaben für eine Recherche nach Definitionen in Online-Lexika gegenüberstellt.
Durch das Medium entstehen viele neue Möglichkeiten für die Nutzer, es bietet jedoch auch viel, was aus Jugendschutzgründen bedenklich ist. In Familien mit geringerem Einkommen haben die Eltern aufgrund von langen Arbeitstagen oft nicht die Zeit, ihre Kinder zu Hause bei der Nutzung der Medien zu unterstützen oder zu kontrollieren, welche Inhalte sie sich aneignen. Wenn die Kinder das Internet unbeaufsichtigt oder zu lange nutzen, verstärken sich die Probleme in den betroffenen Familien noch eher. Daher ist es wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln, selbstbestimmt mit dem Medium umzugehen, was auch beinhaltet, die Geräte abschalten zu können.
SDC: Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand Kinder und Jugendlicher und deren Mediennutzung?
Nadia Kutscher: Aus der aktuellen JIM-Studie lässt sich ablesen, dass Hauptschüler das Internet seltener nutzen als Gymnasiasten – weiterhin suchen formal höher gebildete Jugendliche im Internet eher gezielt nach Informationen (z. B. auf Wikipedia), formal niedriger Gebildete verwenden das Medium tendenziell mehr zur Kommunikation und Unterhaltung, z. B. beim Chatten. Sie glauben auch eher, dass die Angebote im Internet inhaltlich korrekt sind als Gymnasiasten, die das kritischer reflektieren.
Die Internetseiten, die jugendliche Hauptschüler aufsuchen, sind thematisch stark im Bereich 'Mode, Stars, Musik' angesiedelt, bei Gymnasiasten eher im Bereich 'Politik, Wirtschaft und aktuelles Geschehen'. Das bedeutet nicht, dass GymnasiastInnen sich nicht auch für Stars interessieren oder HauptschülerInnen für Nachrichten, allerdings lassen sich Tendenzen ablesen. Durch die unterschiedlichen Nutzungsweisen differenzieren sich innerhalb bestimmter Internetangebote verschiedene Nutzergruppen aus, was wiederum die Exklusion verstärken kann.
Ebenso variiert der Grad der Selbsterschließung bzw. Selbststeuerung – man kann nicht davon ausgehen, dass sich jedes Kind, bzw. jeder Jugendliche die nötigen Kompetenzen bei der Anwendung selbst aneignen und dies effektiv umsetzen kann, da dies vom sozialen Umfeld und den verfügbaren Bildungsressourcen abhängig ist.
SDC: Wodurch wird das Nutzungsverhalten der Kinder und Jugendlichen beeinflusst?
Nadia Kutscher: Der Anlass und die Ziele der Mediennutzung der Kinder und Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Dies hat viel mit dem Lebensalltag der Kinder zu tun. Sie werden stark von dem beeinflusst, was ihnen zu Hause oder in ihrem Peerkontext vorgelebt und beigebracht wird, das Nutzungsverhalten der Eltern überträgt sich häufig auf sie. Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss sehen beispielsweise mehr Fernsehen als Kinder von Eltern mit Abitur. Ihre Peer-Strukturen spielen aber auch eine große Rolle, sie orientieren sich z. B. häufig an den Internetangeboten, die ihre Freunde nutzen und verfügen je nach Freundeskreis über unterschiedliche Unterstützungsstrukturen bei der Mediennutzung.
SDC: Was kann getan werden, um diese Ungleichheiten aufzufangen?
Nadia Kutscher: Die offene Jugendarbeit kann hier eine wichtige Rolle spielen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen aus Haushalten, in denen kein PC zur Verfügung steht. Ich möchte ein Beispiel anführen, wo russische und türkische Jugendliche in einem Jugendzentrum zusammen die neuen Medien genutzt haben. Die jungen Leute wurden dort in ihrem Lebensalltag erreicht, dies war darüber hinaus der einzige Ort, wo sie ohne Aggressionen aufeinandergetroffen sind. Die Einrichtung, unterstützt vom Arbeitsamt, wurde jedoch leider geschlossen, da es als problematisch betrachtet wurde, dass die Jugendlichen das Internet eher zu Unterhaltungszwecken genutzt haben, als für berufsrelevante Anwendungen. Das ist sehr schade, da solche Orte wichtig sind und so das Potenzial der Jugendlichen nicht genutzt werden kann. Eine Nutzung, in der sie erst einmal ihren Interessen nachgehen können, ist der erste Schritt, um dann diese Kompetenzen auch für andere Bereiche zu nutzen.
Außerdem geben Kinder aus Haushalten mit geringerem Einkommen an, dass die Schule für sie der wichtigste Ort ist, um PC und Internet zu nutzen. Das verdeutlicht einmal mehr auch die Wichtigkeit der Schule für die Angleichung dieser Differenzen.
Joachim von Gottberg: Der digitalen Ungleichheit muss Einhalt geboten werden. Der Schwerpunkt sollte dabei auf die Förderung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, insbesondere von sozial benachteiligten, gelegt werden. Das Ziel muss sein, ihnen frühzeitig den Umgang mit PC und Internet zu ermöglichen, um sie zu gesellschaftlicher Teilhabe und Bildungsteilhabe zu befähigen, da diese Kompetenzen für Schule und Beruf unerlässlich sind.
SDC: Wen sollte man bei der Kompetenzvermittlung für den Umgang mit den Medien vorrangig unterstützen?
Joachim von Gottberg: Grundsätzlich bedürfen alle Bereiche – Eltern, Schule, Jugendhilfe oder die Kinder und Jugendlichen selbst – der Unterstützung für die Aneignung bzw. Vermittlung von Medienkompetenz, was jedoch nicht so schnell und einfach umsetzbar ist. Daher sollte in erster Linie auf die Schule gesetzt werden: Sie kann Ungleichheiten in der Ausstattung der Haushalte auffangen, außerdem sind über diese Institution am ehesten alle zu erreichen. Dafür ist es aber auch elementar, die Schulen mehr für die Kinder und Jugendlichen zu öffnen, auch in der unterrichtsfreien Zeit. So können sie beispielsweise die Medien für ihre Hausaufgaben nutzen. Die Schulen brauchen dazu weitreichende Unterstützung und mehr qualifiziertes Personal.
SDC: Welche Empfehlungen können für die Zukunft gegeben werden?
Nadia Kutscher: Es ist sehr wichtig, die jeweilige Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen und mit einzubeziehen. Bei vielen pädagogischen oder medienpädagogischen Angeboten wird zu sehr von der ‚Mittelschicht’ ausgegangen – sie setzen an Kompetenzen an, die nicht jeder besitzt, wie z.B. gewandtes Umgehen mit Texten oder Projekte, die kontinuierliche Arbeitsstrukturen voraussetzen. Sogenannte pädagogisch wertvolle Angebote im Internet werden weniger genutzt, vor allem von o. g. Zielgruppe. Mit vorgefertigten Programmen ist es auch schwer, an sie heranzukommen. Die Anerkennung ihrer Lebenswelten muss im Mittelpunkt stehen und in Zukunft gestärkt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Im Angebot der SDC seit 28.07.08 (sbe)
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Themenbereiche:
- Jugendschutz, Medienkompetenz, Zielsetzung, Vorgehensweise zur Überwindung der Digitalen Spaltung