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Podknast - Gedanken zum Jugendarrest

Antje vom Berg, LfM für Forschung und Medienkompetenz
Quelle: Rheinblog - Medien-Blog der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)

Antje vom Berg, LfM für Forschung und Medienkompetenz

Mit medienpädagogischen Projekten ist auch immer der Versuch verbunden, so genannte sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zu erreichen. Klassische Konzepte funktionieren hierbei jedoch nur selten. Andere Wege sind notwendig, um Zugang zu diesen häufig schwer erreichbaren Zielgruppen zu erhalten. Mit dem Projekt "Podknast" versucht die LfM einen solchen anderen Weg zu beschreiten. Dieses Modellprojekt, das in der Jugendarrestanstalt (JAA) Düsseldorf mit Unterstützung des Justizministeriums NRW und der LfM umgesetzt wird, verfolgt den Ansatz, Podcasts mit Jugendlichen im Arrest zu produzieren (www.podknast.de). Ich folgte der Einladung von Anstaltsleiter Edwin Pütz, der gemeinsam mit Rechtsanwalt Marc Quandel das innovative Projekt konzipiert hat und nun umsetzt, mir die Produktion vor Ort anzuschauen. Es war ein nachhaltiges Erlebnis.

Jugendarrest Düsseldorf-Gerresheim. Das ist die "Vorwarnung" für das, was später einmal kommt, wenn man den kriminell eingeschlagenen Weg weiter folgt. In der JAA Düsseldorf-Gerresheim gibt es 60 Plätze für männliche Jugendliche im Alter zwischen 14 und 22 Jahren. Überwiegend haben sie den vom Gericht verordneten Sozialdienst nicht abgeleistet und müssen nun zwischen zwei Tagen und vier Wochen ihren Arrest verbüßen. Zwar erscheint die Zeit kurz, die Reglements sind jedoch wesentlich härter als im Gefängnis: Keine Zigaretten, keine digitalen Medien, keine Besuche. Alleine in der Zelle bleiben den Arrestanten drei Dinge zu tun: Lesen, Briefe schreiben, Nachdenken – die Bettbenutzung ist tagsüber untersagt. Der klar strukturierte Tagesablauf sieht auch das Zeitfenster "Beschäftigung" vor: ein bisschen Sport, ein bisschen Kochen, ein bisschen Werkstattarbeit. Das jedoch alles nur begrenzt. Ausreichend Personal, das die Jugendlichen während ihrer Zeit "drinnen" begleitet oder für die Zukunft "draußen" vorbereitet, gibt es aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen nicht. Gerade einmal eine sozialpädagogische Stelle ist für die 60 Jugendlichen vorgesehen.

Razoul ist 20. Er ist seit einer Woche im Arrest und muss noch eine weitere bleiben. Er hat seine Sozialstunden, die ihm wegen Einbruchs als Jugendlicher auferlegt wurden, nicht abgeleistet - weil er gekifft und Speed geraucht hat und im Rausch keinen Bock auf den Sozialdienst hatte. Für die Produktion des Podknast-Beitrags hat er sich hingesetzt und in seiner Zelle darüber nachgedacht, wie sein Leben verlaufen ist, was schief gelaufen ist. Er nimmt Drogen seit er zehn ist. Jetzt, wo er darüber nachdenkt, war das der Zeitpunkt, als seine Eltern sich trennten. Er lebt bei seiner Mutter, hört auf ihre Bitte hin auf, Drogen zu nehmen, fängt irgendwann wieder an. Sie schickt ihn nach Marokko zum Vater. Zwischendurch wieder clean, findet er auch in Marokko schnell Freunde im Drogenmilieu. Um ein Flugticket zurück nach Deutschland kaufen zu können, dealt er selbst. Zurück in der Heimat zieht er bei der Tante ein, die ihn vor die Tür setzt, als er nach einer weiteren Pause wieder anfängt zu ziehen. Heruntergezogen haben ihn die Drogen, sagt er. Kiffen mache gleichgültig und träge. Durch das Speed kann er nicht mehr richtig gehen und sprechen und verbringt einige Zeit in der Psychiatrie. Die Schule schließt er nicht ab, obwohl er von sich sagt: "Eigentlich bin ich kein dummer Junge." Nein, den Eindruck macht er wirklich nicht. Wenn nicht so viel schief gelaufen wäre bei ihm, hätte Razoul, der vor seiner Arrestverbüßung im Obdachlosenheim lebte, eigentlich gute Chancen. Er soll im Herbst ein Praktikumsjahr anfangen, um seine Jobchancen zu erhöhen. Das Sozialamt will ihm helfen, eine Wohnung zu finden. Wie er den Arrest finde? "Hier will ich nicht mehr rein!" Aber immerhin sei das Zimmer besser als im Obdachlosenheim. Er wolle ein normales Leben führen, wenn er raus kommt. Welche Chancen hat er, das zu schaffen?

Wenn Jugendliche bzw. junge Erwachsene wie Razoul im Arrest zu der Erkenntnis kommen, dass sie Mist gebaut haben – vielleicht aufgrund falscher Freunde, zerstörter Familien, fehlender Perspektive – welche Chance bekommen sie dann, diese Einsicht und guten Vorhaben im realen Leben umzusetzen? Wenn sie nicht begleitet werden, um sich aus ihren Lebensumständen zu befreien, wenn ihnen keine neuen Perspektiven aufgezeigt werden und sie es alleine nicht schaffen, sich aus ihrem Umfeld loszulösen, was nützt ihnen dann die abschreckende Wirkung des Freiheitsentzugs und die Einsicht, dass sie weder Arrestanstalt noch Gefängnis noch einmal von innen sehen wollen? Der Lebensweg dieser Jugendlichen, gerade wenn sie älter sind, ist bereits so gezeichnet, dass fraglich ist, ob der Arrest oder das häufig geforderte "Erziehungscamp", dem, was in den ersten 15 bis 20 Jahren schief gelaufen ist, etwas Sinnvolles entgegen setzen kann.

Der Besuch im Arrest hat mir eines verdeutlicht: Medienkompetenz ist wichtig, aber ihre Förderung allein reicht nicht aus. Sie kann nur ein Baustein einer umfassenden Begleitung der Jugendlichen sein. Und diese muss so früh wie möglich beginnen. Medienpraktische Arbeit ist besonders geeignet, die Auseinandersetzung und Reflexion der Jugendlichen mit ihrer Lebenssituation und ihrer eigenen Person zu unterstützen. Projekte wie Podknast können hierzu einen sinnvollen, wenn auch kleinen Beitrag leisten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Mehr erfahren Sie unter:
http://www.lfm-nrw.de

Im Angebot der SDC seit 15.09.08 (sbe)

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