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Internetnutzung in Deutschland > Kommentare
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Kommentare

Rechnen, Schreiben, Lesen, Internet?

Peter Hubertus

In Deutschland gelten mehr als vier Millionen Erwachsene als funktionale Analphabeten, da sie trotz Schulbesuch über sehr geringe Lese- und Schreibkenntnisse verfügen. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung fördert das Lesen und Schreiben in der Erwachsenenbildung und unterstützt Institutionen aus dem Bereich der Alphabetisierungsarbeit. Peter Hubertus ist Geschäftsführer des Bundesverbandes. Die SDC hat mit dem Experten über die Computer- und Internetnutzung von Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten gesprochen.

SCD: Herr Hubertus, der Bundesverband Alphabetisierung vertritt die Interessen der Menschen in Deutschland, die nur über geringe oder gar keine Lese- und Schreibfähigkeiten verfügen. Wie ist es um die Medienkompetenz dieser Menschen bestellt?

Jugendliche oder junge Erwachsene kommen häufig gut mit den neuen Medien zurecht. Vieles erschließt sich über Icons. Sobald Lesekenntnisse erforderlich sind, wird es schon schwieriger. Problematisch wird es dann, wenn geschrieben werden muss. Dazu drei Beispiele: Die meisten Menschen nutzen Handys, und man kann damit telefonieren, auch wenn man nicht lesen und schreiben kann. Eine SMS zu lesen ist schon eine größere Herausforderung. Eine SMS aber selbst zu schreiben und zu versenden, erfordert deutlich mehr Kompetenzen. Ältere Erwachsene haben sicherlich größere Schwierigkeiten mit den neuen Medien - aber das gilt nicht nur für die mit geringer Grundbildung.

SDC: Gibt es Zahlenmaterial zur Computer und Internetnutzung von Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten?

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung hat zusammen mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) ein Lernportal zum Lesen- und Schreibenlernen für funktionale Analphabeten entwickelt. Das ist seit 2004 online und wurde vom DVV immer weiter ausgebaut. In vielen Lese-und Schreibkursen wird das Portal www.ich-will-lernen.de genutzt. Aber auch außerhalb der Kurse wird das Lernen im Internet praktiziert. Monatlich nutzen es 10.000 bis 20.000 regelmäßige Lerner. Sicherlich gehören Menschen mit geringer Grundbildung nicht zur Gruppe der besonders aktiven und versierten Computer- und Internetnutzer. Ältere haben kaum Zugang zu den neuen Medien, Jüngere nutzen sie vor allem für Spiele.

SDC: Stellt der Umgang mit Computer und Internet für diese Gruppe eine besondere Herausforderung dar?

Am Anfang haben viele starke Berührungsängste. Sie kommen allein nicht zurecht und befürchten, etwas kaputt zu machen. Auch der Umgang mit der Maus ist zunächst schwierig. Wofür kann man den Computer überhaupt nutzen? Wie kann man eine Datei speichern und später wiederfinden? Das sind Fragen, die sich vermutlich alle Computereinsteiger stellen. Für Menschen mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen kommt dann noch hinzu, dass sie demjenigen, der ihnen bei den Anfangshürden im Umgang mit der neuen Technik behilflich ist, sicherlich nicht verheimlichen können, dass sie mit dem Lesen und Schreiben Schwierigkeiten haben.

SDC: Welche Rolle können Orte der informellen Bildung bei der Heranführung an Computer und Internet spielen?

Von den vermutlich vier Millionen funktionalen Analphabeten besuchen derzeit weniger als ein Prozent Lese- und Schreibkurse. Für viele ist es offenbar eine zu hohe Hürde, sich für einen Kurs zu entscheiden. Sie sind nicht oder noch nicht bereit, einen kontinuierlichen Lernprozess aufzunehmen. Und sie wollen nicht aus der Anonymität heraustreten. Deshalb müssten mehr niederschwellige Angebote entwickelt werden, z.B. in Jugendzentren, im Stadtteil. Es muss auch nicht gleich ein Kursus sein, Schnupperlernen über das Handy wäre gerade für junge Erwachsene passend. Seit dem 8. September haben wir unser neues Jugendportal www.iCHANCE.de online. Form, Inhalte und Ansprache sind genau auf diese Zielgruppe ausgerichtet.

SDC:Wie können Computer und Internet die Vermittlung von Lese- und Schreibfähigkeiten unterstützen?

Der erste Schritt muss darin bestehen, dass die Nutzer zunächst mit Anleitung den Zugang zu den neuen Medien finden. Im zweiten Schritt können dann die neuen Medien gerade auch für Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, eine Hilfe sein. Sie können sich Texte vorlesen lassen, über Spracheingabe Texte schreiben, Fehler korrigieren und Lesen und Schreiben lernen. Und der Computer ist geduldig: Auch wenn ich ein Wort mehrmals falsch schreibe oder bei einer Lernsoftware nicht die richtige Lösung finde - er bleibt gleichbleibend freundlich.

SDC: Brauchen wir in der Informationsgesellschaft eine neue oder weiterentwickelte Definition des Begriffs Grundbildung?

Ohne ausreichende Schriftkompetenz kommt man schon lange nicht mehr in unserer Gesellschaft zurecht. Schrift bestimmt längst viele Lebens- und vor allem Arbeitsbereiche. Ganz ähnlich erfolgt dies nun mit den neuen Medien. Ob Onlinebanking, Fahrkartenkauf oder am Arbeitsplatz - eine gewisse Medienkompetenz ist in unserer Gesellschaft unerlässlich und damit ein wichtiger Bestandteil der Grundbildung.

SDC: Vielen Dank für das Gespräch.




Mehr erfahren Sie unter:
http://www.alphabetisierung.de/

Im Angebot der SDC seit 17.09.10 (yze)




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