Veröffentlicht am: 18.11.10

Das Internet boomt als Freundschafts- und Partner-Netzwerk für ältere Menschen?

Michael Doh, Netzwerk Alternsforschung, Heidelberg

Am 3. November 2010 hat der Branchenverband BITKOM und das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Untersuchung zur Internetnutzung von Senioren in einer Pressemitteilung veröffentlicht.
Hierzu möchte ich aus wissenschaftlicher Sicht einige - mitunter kritische - Anmerkungen machen.

Zur Methodik
Die Ergebnisse beziehen sich auf eine Zusammenstellung dreier unabhängiger Studien von Forsa (Webmonitor', Digitale Identitäten') und Aris (Connected World'). Es handelt sich Untersuchungen, die eine Altersspannweite von 14 Jahren bis über 65 Jahren haben. Die Daten zu älteren Menschen sind insofern bevölkerungsrepräsentativ als die gezogene Stichprobe (ca. 300 Personen von insgesamt ca. 1.000 Personen) für die Altersklasse 65 Jahre und älter entsprechend gewichtet wurde. Problematisch sind jedoch Befunde zu älteren Onlinern in der Aris-Studie Connectetd World', da hierbei auf eine Teilstichprobe von lediglich 75 Personen zurückgegriffen wird (s.u.)

Zu den Ergebnissen
1. Die Daten replizieren Befunde nationaler (z.B. ARD/ZDF-Online-Studie, (N)Onliner-Atlas) und internationaler Studien (z.B. EUROSTAT, Schweizer Studie) in Bezug auf die unterdurchschnittliche Internetnutzung von Personen ab 65 Jahren. Es besteht weiterhin eine deutliche "digitale Kluft" zwischen Alt und Jung, wie auch unter den älteren Menschen. So sind jüngere Ältere, Männer und bildungsnahe Personen dem Internet deutlich aufgeschlossener.

2. Evident ist auch das reduzierte Nutzungsspektrum von Internetanwendungen im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen. Das Internet wird vor allem zur Informationssuche und zum E-Mailen verwendet, die Möglichkeiten von web2.0 als aktives Mitmachnetz werden derzeitig erst von einer Minderheit von etwa 10 Prozent wahrgenommen - laut Forsa-Studie sind 6% der älteren Onliner Mitglied eines sozialen Netzwerks (incl. Partner-Börsen). Auch verbringen ältere Onliner im deutlich geringeren Umfang Zeit mit dem Internet.

4. Konform zu einer Schweizer Studie von Schelling und Seifert (2010) bestätigen sich die großen Vorbehalte gegenüber der Sicherheit im Internet. Onliner ab 65 Jahre stehen dem Internet kritischer und vorsichtiger gegenüber als jüngere Onliner. Es stellt für viele ein Hindernis für Transkationen über Internet dar.
Der in der Pressemitteilung Verweis auf aktuelle Projekte seitens des Verbraucherministeriums zur Förderung der Sicherheit und Rechte von Nutzern im Internet gibt hierzu wichtige Hilfestellungen.

5. Mit Vorsicht sind jedoch die Äußerungen zu den sozialen Aspekten des Internets zu genießen. So wird behauptet, das Internet boomt als Freundschafts- und Partner-Netzwerk für ältere Menschen'. Dies wird mit dem Befund untermauert, dass 58% der älteren Onliner gute Freunde kennengelernt und sogar 26% einen neuen Lebenspartner gefunden hätten. Keine der jüngeren Altersgruppen hat solche hohe Werte; im Vergleich zu den 50-64-Jährigen sind die Wert um das doppelte höher.
Dies erscheint aus mediengerontologischer sicht überraschend, nutzt doch erst eine Minderheit soziale Netzwerke wie z.B. Partner-Börsen (s.o.). Zudem zeigen sämtliche Diffusionsanalysen, dass unter den älteren Onlinern vor allem jüngere Männer stark vertreten sind; diese sind aber überwiegend in Partnerschaften lebend. Demnach müssten die weniger stark vertretenen älteren, alleinlebenden Frauen für sich das Internet als Freundschafts- und Partnerschafts-Netzwerk entdeckt haben. Das das Internet hierin ein noch unausgeschöpftes Potenzial besitzt, darin besteht keine Frage.
Doch entbehrt es aktuell einer empirischen Grundlage. Dies zeigt sich, wenn man sich die Fallzahlen für diese überraschenden Befunde näher betrachtet. In der Untersuchung von Aris (Connected World') bezieht sich die Frage auf ein Subsample von700 Onlinern, davon sind jedoch - gewichtet - nur 75 Personen 65 Jahre und älter. Diese Ergebnisse sind aufgrund der der geringen Fallzahl lediglich als Tendenz verwertbar, nicht aber als repräsentativ interpretierbar.
Abgesehen davon wurde die Fragestellung nicht eindeutig mit einer dichotomen JA/Nein-Antwort gestellt, sondern als ordinalskalierte Zustimmungsaussage; die Kennwerte für stimme voll und ganz zu' und stimme eher zu' wurden dabei addiert1. Nicht auszuschließen, dass solch eine über Telefon gestellte Frage für ältere Personen unverständlich ist.

Fazit
Die Untersuchung von BITKOM bestätigen bekannte Ergebnisse zur digitalen Kluft' und zum geringeren Nutzungsspektrum älterer Onliner. Vor dem Hintergrund größerer Sicherheitsbedenken speziell älterer Menschen in Bezug auf das Internet bieten das Verbraucherministerium und BITKOM hilfreiche Internetseiten und Broschüren an. Sie betonen zurecht, dass bislang die Potenziale des Internets im Alter noch zu wenig ausgeschöpft werden und weitere Fördermaßnahmen ergriffen werden müssen, älteren Menschen das Internet als Ressource für ein erfolgreiches Altern zu ermöglichen.

Das Internet als boomendes Freundschafts- und Partner-Netzwerk für ältere Menschen zu titulieren, entbehrt jedoch einer empirischen Grundlage und widerspricht mediengerontologischer Konzepte, wonach im Alter eine ausgeprägt hohe Affinität zu virtuellen Freundschaften bestehen könnte. Vielmehr erscheint es plausibel, dass zumindest die heutige Generation älterer Onliner aufgrund ihrer sozialisierten Medienpraxiskultur' eine Reserviertheit und Distanz gegenüber solchen sozialen Aspekten im Internet mitbringen.

Das schließt keinesfalls aus, dass sich das zukünftig ändern kann und ältere Onliner verstärkt die neuen Möglichkeiten des Internets auch zu (neuen) sozialen Beziehungen nutzen werden. Dies näher zu untersuchen, indem z.B. Prozesse, Barrieren und Motive solcher sozial-virtueller Anwendungsformen nachgezeichnet werden und Konzepte zur Ausschöpfung von Potenzialen für ein erfolgreichen Alterns mittels neuer Medien entwickelt werden, stellen mediengerontologische Forschungsdesiderata dar.


[1]Das Item lautete: Nun geht es um mögliche Vorteile des Internets. Wie sehr stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Stimmen Sie den Aussagen voll und ganz zu, eher zu, eher nicht zu oder stimmen Sie ganz und gar nicht zu?' - Ich habe neue Lebenspartner kennengelernt'.


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