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Der Mediabus, ein rollendes Internet-Café, ist im Auftrag der Initiative Internet erfahren des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in ganz Deutschland unterwegs. Der Mediabus ist besonders für Menschen gedacht, die sonst keinen Zugang zu Internet und PC haben und auf diese Weise ihre ersten Erfahrungen mit der Online-Welt machen können. Dabei werden sie von einem Team geschulter Internet-Trainer unterstützt.
Im Oktober 2010 machte der Mediabus beim Interkulturellen Mehrgenerationenhaus IMA e.V. in Berlin-Neukölln Halt. Den Kontakt zu dieser Einrichtung hat der Türkische Bund in Berlin Brandenburg (TBB) hergestellt. Das Mehrgenerationshaus in Neukölln wird von Familien, Kindern und Senioren mit Migrationshintergrund genutzt. Bei der Durchführung dieser Aktion beteiligte sich auch der TBB, um die Besucherinnen und Besucher des Mehrgenerationenhauses zum Einstieg in den Mediabus zu motivieren. Die Stiftung Digitale Chancen hat mit Çiçek Bacik über die digitale Integration von Migrantinnen und Migranten gesprochen.
SDC: Frau Bacik, der Türkische Bund setzt sich gemeinsam mit anderen Einwanderer- und deutschen Organisationen für die rechtliche, soziale und politische Gleichstellung der eingewanderten ethnischen Minderheiten ein. Welche Rolle spielt dabei die digitale Integration von Migrantinnen und Migranten?
Çiçek Bacik: Die digitale Integration von ethnischen Minderheiten in Deutschland ist ein neues Phänomen, das bisher kaum beachtet wurde. Dabei ist die digitale Einbindung von Einwanderern sehr wichtig, um die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Partizipation von Migranten voranzutreiben. Ein Großteil der Migranten hat kein Zugang zum Internet und kann daher die Internet-Dienstleistungen zahlreicher Behörden beziehungsweise die kulturellen, sozialen Angebote nicht wahrnehmen.
SDC: In welche Aktivitäten bzw. Projekte des TBB wird bereits die Vermittlung von Medienkompetenz miteinbezogen?
Çiçek Bacik: Leider ist die Vermittlung der Medienkompetenz ein Feld, das bisher im TBB eine geringe Relevanz hatte. Doch mit der zunehmenden Bedeutung des Internet im Alltag will sich der TBB in Zukunft stärker diesem Thema widmen. Ich bin für die Bereiche Medien und Kultur im TBB verantwortlich und würde mich mehr bei der Gestaltung und Umsetzung der digitalen Integrationsmaßnahmen einbringen. Dieses Sujet will der TBB an die Mitgliederorganisationen sowie an einige Dachverbände - an die Türkische Gemeinde in Deutschland und an den Migrationsrat - herantragen. Dazu bedarf es aber konkreter Angebote, die Schritt für Schritt ausgebaut werden müssen. Die Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen ist bereits eine wichtige Initiative.
SDC: Mit einer Aktion wie dem Besuch des Mediabus können unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden - welche Gruppen von Migrantinnen und Migranten benötigen eine besondere Unterstützung bei der Heranführung an das Internet und mit welchen Angeboten kann man diese zielgenau erreichen?
Çiçek Bacik: Eine Heranführung an das Internet brauchen insbesondere ältere Migranten, die kaum sozial, kulturell oder politisch eingebunden sind. Eine weitere Schwierigkeit bei dieser Zielgruppe ist die mangelnde Sprachkompetenz. Ein Großteil spricht kaum Deutsch. Aus diesem Grunde müsste zum Beispiel der Mediabus auch mit Informationen in türkischer Sprache oder anderen Sprachen ausgestattet werden, damit die sprachliche Barriere überwunden wird und der Zugang ins Internet gelingt. Viele ältere Migranten sind sozial isoliert oder krank, suchen kaum soziale oder kulturelle Begegnungsstätten auf. Es wäre sinnvoll weitere Projekte für diese Gruppen zu entwickeln, z.B. Internetlotsen, die mehrsprachig sind und in die Haushalte geschickt werden können. Solche Initiativen können auch in Moscheen oder in Seniorenheimen für Migranten durchgeführt werden. Es gibt auch eine computer-scheue zweite Generation, die zwar über Computer zu Hause verfügen, aber kaum Zugang zum Netz haben und die Vorteile des Internet als eine Erleichterung im alltäglichen Leben noch nicht realisiert haben. Diese Gruppe ist sozial eingebunden, hat Kinder, aber viele können keinen Computer bedienen oder nur bedingt. Auch hier müsste die Medienkompetenz ausgebaut werden. Dabei könnten Kindergärten, Schulen als mögliche Partner fungieren. Eine stark benachteiligte Gruppe sind auch Asylbewerber, die kaum Zugang zum Internet haben und sozial, politisch und kulturell vom Leben abgeschnitten sind. Es sollten auch Kooperationen mit Asylbewerberheimen angestrebt werden.
SDC: Das Internet hat ein großes Potenzial um Menschen unterschiedlicher Kulturen miteinander zu vernetzen und ihnen z.B. kulturelle oder Bildungsangebote zugänglich zu machen. Wie beurteilen Sie die Chancen, dieses Potenzial für die türkische Gemeinde in Deutschland zu nutzen?
Çiçek Bacik: Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) und der TBB nutzen ihre Webseiten www.tgd.de und www.tbb-berlin.de, um die deutsche und türkische Öffentlichkeit von ihren politischen, kulturellen und sozialen Stellungnahmen und Aktivitäten zu unterrichten. Weitere kulturelle- oder Bildungsangebote werden über unser Newsletter oder über soziale Internetforen wie Facebook verbreitet. Die Kommunikation und die Verknüpfung mit unterschiedlichen Kulturen müsste ausgebaut werden. Die Chance, dieses Potenzial für die türkische Gemeinde zu nutzen, schätze ich für hoch ein. Auch die Vernetzung zu anderen kulturellen, sozialen, und politischen Netzwerken muss ausgebaut werden. Das ist möglich, wenn auch die Internetseiten der bedeutenden Migrantenorganisationen professioneller gestaltet und verlinkt werden.
SDC: Mit der Initiative Internet erfahren werden Menschen, die das Internet bisher gar nicht oder nicht kompetent nutzen, durch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus ihrem Lebensfeld für die Relevanz von Internetkenntnissen sensibilisiert und auch qualifiziert. Wie sehen Sie den zukünftigen Beitrag von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bereich der sozialen Arbeit und informellen Bildung für Migrantinnen und Migranten?
Çiçek Bacik: Der TBB oder die TGD arbeiten bereits in interschiedlichen Bereichen mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in unterschiedlichen Gebieten, genannt seien die Projekte MOQA (Motivieren und Qualifizieren) von der TGD www.moqa-tgd.de oder ELB- Elternlotsenprojekt des TBB www.tbb-berlin.de/?id_menu=18&id_submenu=23, die wir mit Hilfe der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren realisieren und einen großen Erfolg haben. Da die junge Generation mit dem Computer und Internet sehr gut vertraut ist, könnten Schüler und Studenten als Internetlotsen ausgebildet werden und bei den notwendigen Zielgruppen eingesetzt werden.
SDC: Vielen Dank für das Gespräch!