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Blind das Internet nutzen
Christian Carls

Werner Wachsmuth:
"Wer das überlebt, hat Glück - ich habe das jetzt 25 Jahre überlebt". Werner Wachsmuth spricht über den Herzinfarkt, der ihn 1976 aus seinem beruflichen Leben schleuderte. 14 Jahre später erkrankte er am "Grünen Star", an dem er im Alter von 70 Jahren schließlich erblindete. Damit verlor Werner Wachsmuth auch sein liebstes Hobby: die Digitalisierung und Bearbeitung von Videofilmen, damals noch eine revolutionär neue Technik.
Aber die Aufgeschlossenheit für neue Techniken blieb und half ihm nun, sich von seiner Behinderung nicht unterkriegen zu lassen. Er sammelte Informationen über sprechende Programme und Vorlesesysteme. Er entschied sich, ein solches System anzuschaffen. Dass die Krankenkassen für die Kosten teilweise aufkommen, wusste er damals noch nicht. So trugen er und seine Frau Helene die Kosten selbst. Der neue PC - damals noch mit dem Betriebssystem "MS-DOS" konnte getippte oder gedruckte Texte über einen Scanner einlesen und in gesprochene Sprache übertragen. Zeitungsbeiträge und getippte Briefe konnte er sich so selbst vorlesen lassen.
Allerdings musste bei dem System noch darauf geachtet werden, dass das Blatt gerade und mit richtiger Ausrichtung auf dem Scanner aufliegt. Ohne Hilfe blieb für einen Blinden nur Versuch und Irrtum. Seine Frau half ihm, wenn etwas nicht klappte. Und sie schnitt Zeitungsbeiträge so aus, dass der Computer sie lesen konnte.
Mit dem Programm ließ sich noch mehr machen. In der sogenannten "Echo"-Funktion las die Software auf Wunsch Buchstaben, Wörter oder ganze Texte vor, die Werner Wachsmuth in den Computer eingab. So konnte er auch selbst Briefe auf dem PC schreiben und kontrollieren. Das ist ihm bis heute wichtig: die Orthographie soll stimmen. Und wenn ein Wort "komisch" vorgelesen wird, lässt er sich von der Echo-Funktion Buchstaben für Buchstaben vorlesen, bis er sicher ist, dass alles korrekt getippt ist.
Am Anfang gab es noch eine Hürde: Werner Wachsmuth hatte in seinem Beruf als selbständiger Geschäftsmann immer mit zwei Fingern getippt. Jetzt, im Alter von 73, musste er das Maschinenschreiben mit 10 Fingern lernen. Ein Lehrer aus der Gegend kam zwei mal die Woche und gab ihm Unterricht. Nach vier Wochen konnte er blind tippen - und sogar schneller als früher mit dem "zwei Finger - Such - System".
Die Tochter von Werner Wachsmuth lebt in den USA. Der Austausch von Briefen war entsprechend verzögert. Die Tochter ermutigte ihn, sich einen Internet-Anschluss anzuschaffen. In Amerika war das Internet schon recht verbreitet. In Deutschland stand die Technik noch am Anfang und Werner Wachsmuth erntete zunächst Unverständnis mit seinem Wunsch nach einem Internet-Anschluss. Seine Frau unterstützte ihn, und so hatte er vor fünf Jahren schon die Möglichkeit, mit seiner Tochter per E-Mail zu kommunizieren.
Mühsam war es immer noch. Das teure Sprachprogramm funktionierte nur mit "MS-DOS"; Bildschirmtexte im graphisch orientierten Betriebssystem Windows konnte das Programm nicht lesen. Die Wachsmuths behalfen sich: Werner Wachsmuth tippte wie zuvor seine Texte auf dem alten Programm und kontrollierte sie. Seine Frau verschickte sie dann als "Attachment" per E-Mail an die Tochter.
Mit der Zeit kamen viele weitere E-Mail Kontakte hinzu, viele nach Amerika. Dort hatte die Tochter in der "Mailingliste" eines Deutschlehrerverbandes über ihren Vater berichtet und seine E-Mail-Adresse weitergegeben. Es kamen viele E-Mails und Werner Wachsmuth antwortete allen. Manche Kontakte ebbten nach einiger Zeit wieder ab, andere bestehen schon seit mehreren Jahren. Mit den sich vermehrenden E-Mail-Kontakten wurde das Versenden seiner Texte auf die gewohnte Art zu umständlich. Werner Wachsmuth erkundigte sich nach moderneren Systemen und erfuhr auch, dass die Krankenkassen Lesesysteme für den PC finanzieren, allerdings in der Regel nur "geschlossene Systeme" zum Vorlesen, ohne Tastatur, ohne Monitor, ohne Laufwerke.
Die Wachsmuths legten selbst noch Geld dazu und kauften vor drei Jahren einen moderneren PC mit einem sogenannten "Screenreader".
Damit lassen sich auch unter dem Betriebssystem Windows Texte vom Bildschirm vorlesen. Der Vorteil: nun kann Werner Wachsmuth sich selbständig E-Mails vorlesen lassen, E-Mails tippen und selbst verschicken. Bei der Bedienung der Programme hilft das Lesesystem: Befehlsoptionen in den Menüs werden vorgelesen und lassen sich über Tastatureingaben ausführen. Und auch das Vorlesen gedruckter Texte ist einfacher geworden. Dem neuen Programm ist es "egal", wie Texte aufgelegt werden, nur die Schrift muss nach unten auf dem Scanner liegen. Spalten werden richtig verfolgt. Werner Wachsmuth legt zur Demonstration einen Zeitungsbeitrag schräg auf die Glasplatte. Auch der wird korrekt vorgelesen. Und wenn das Programm Worte nicht korrekt spricht, kann man mit einem "Phonemeditor" Nachhilfe geben, bis die Aussprache des Computers stimmt. "Daisy", Spitzname der Tochter, wird nun ebenso richtig ausgesprochen wie der eigene Nachname. Das Programm
"wusste" nicht, dass das "h" am ende des Namens nicht mitgesprochen wird.
Eine Idee machte die Bedienung des E-Mail-Programms noch einfacher. Frau Wachsmuth übte gemeinsam mit ihrem Mann die Tastenfolgen, das Anschalten des Computers, den Start des E-Mailprogramms, das Abrufen von E-Mails, auflegen, vorlesen lassen, eigene Mails schreiben und verschicken. Auf einem alten Kassettenrekorder wurde die Vorgehensweise dokumentiert. "ALT-F4" heißt es dann auf der Kassette, wenn das Programm beendet werden soll. Die routinierte Folge der Befehle erleichtert die Bedienung, und so spult Werner Wachsmuth jedesmal die Kassette zurück und geht nach den Bedienungsanweisungen vor, die seine Frau für ihn auf das Band gesprochen hat. Nach jedem Schritt ertönt auf dem Band eine Glocke, Werner Wachsmuth drückt die Pause-Taste und führt den Befehl aus. Mittlerweile könnte er die Bedienung auch ohne Band - aber so ist er es jetzt gewohnt und es macht ihn sicherer.
Mithilfe der Kassetten-Technik kann er beim Bedienen zwischendurch locker plaudern, ohne zu vergessen, wo im Programm er sich gerade befindet. Werner Wachsmuth löst die Pause-Taste auf dem Rekorder, "Steuerung-Umschaltung-T", ach ja, das Programm von T-Online muss erst noch gestartet werden. "Eigentlich eine blöde Tastenkombination" schimpft Werner Wachsmuth. Das gemeinsame Drücken der Tasten ist nach dem blinden 10-Finger - System schwer auszuführen. Aber auch daran hat er sich gewöhnt und lehnt das Angebot ab, die Tastenkombination zum Starten von T-Online neu zu definieren.
Über 2500 E-Mails hat Werner Wachsmuth inzwischen bekommen oder verschickt. Seine Tochter schreibt fast täglich zumindest einen kurzen Gruß. Mit anderen kommuniziert er in größeren Abständen und mit vielen, mit denen einmal E-Mails ausgetauscht wurden, zumindest noch mehrmals im Jahr. Zu Weihnachten kamen viele Grußkarten mit Melodien, was so üblich ist. Irgendwo dazwischen hatte sich auch ein Virus eingeschlichen, der seinen PC fast Matt gesetzt hätte, Situationen, in denen Werner Wachsmuth nochmals feststellt, wie wichtig dieses Gerät für sein Leben geworden ist. Der Virus ist mit Hilfe seiner Frau gelöscht und alle Mail-Partner haben die freundliche Bitte erhalten, keine Programme und Melodien mehr zu schicken.
Wissen Sie, sagt Werner Wachsmuth zum Abschluss, ich habe ja noch eine Einschränkung, ich höre nur noch auf einem Ohr und brauche dafür noch das Hörgerät. Wenn ich irgendwo zum Kaffetrinken bin und mehrere Personen reden, dann verstehe ich nichts mehr. Das macht das Zusammensein mit Gruppen schwer für mich. Aber über die E-Mail kann er Kontakte pflegen. Und viele, die er über E-Mail kennengelernt hat, kommen ihn auch besuchen, sogar aus den USA kamen E-Mail-Freund(innen) nach Vöhringen, um ihren Brieffreund auch persönlich kennenzulernen.
Mehr erfahren Sie unter:
http://www.uni-ulm.de/LiLL
Im Angebot der SDC seit 19.09.01 (mam)
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