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Erobern 'Silver-Surfer' das Netz?
Michael Doh, Deutsches Zentrum für Alternsforschung (DZFA)
Immer wieder findet man Artikel und Berichte, die mit leicht euphorischem Unterton verkünden, dass endlich auch die Gruppe älterer Menschen das neue Medium Internet für sich entdecken. Das mag zum Teil stimmen, vielerorts finden sich Initiativen, Seniorengruppen und Förderprojekte, die eindrucksvoll und nachhaltig aufzeigen, wie SeniorInnen das Internet nutzen. Doch Titel wie 'die Silver-Surfer erobern das Netz' (ZDF: heute.t-online.de vom 9.10.02) verzerren den Blick für die Tatsachen, wenn sie suggerieren, die SeniorInnen würden ihre Nutzer-Minorität verlieren und die sogenannte 'digitale Kluft' überwinden. Betrachtet man die wenigen statistischen Daten, die es zu dieser Altersgruppe gibt, so finden jedoch sich ernüchternde Ergebnisse.
In der Medien- und Werbewirtschaft wird allgemein die Gruppe 50+ als Gruppe älterer Menschen zusammengefasst – was nicht nur aus gerontologischer Sicht verwunderlich ist, denn damit werden 6 Jahrzehnte in einen 'Erhebungstopf' geschmissen. Diese 6 Dekaden umfassen immerhin 28 Millionen Menschen, das sind über ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung, und selbst die letzte Dekade der Hundertjährigen zählt mittlerweile über 6.000 Personen.
Nach aktuellen Daten der @facts-Studie vom September 2002 gehören knapp 6 Millionen der Gruppe 50+ zu den InternetnutzerInnen, das sind 22,3 Prozent dieser Altersgruppe. Die Quote der Gesamtnutzerschaft ab 14 Jahren beträgt hingegen über 50 Prozent, also weit mehr als das Doppelte. Der Anteil der 14-19jährigen, die das Internet nutzen beträgt sogar über 80 Prozent, der der 20-29jährigen nahezu 80 Prozent.
Vergleicht man die Altersstruktur der Onlinenutzerschaft, so stellen die knapp 6 Millionen älteren InternetnutzerInnen immerhin 18 Prozent aller deutscher InternetnutzerInnen dar, mehr als die Gruppe der 14-19jährigen (14,8 Prozent) und fast soviel wie die Gruppe der 20-29jährigen (18,9 Prozent). Gewiss, es gibt demnach die älteren Personen im Internet, aber hinken doch die Vergleiche gewaltig, wenn man Altersgruppen von 6 Dekaden mit solchen von 6 Jahren gegenübergestellt.
Weit aufschlussreicher wird es, wenn man sich die Gruppe der 50+ genauer anschaut. So entfallen bei einer weiteren Altersdifferenzierung markante Unterschiede auf. Von den knapp 6 Millionen älterer InternutzerInnen entfallen 3,6 Millionen auf die jüngste Teilgruppe der 50-59jährigen. Das sind über 60 Prozent der Gruppe 50+ ! Und auf die 60-69jährigen entfällt ein weiteres Drittel mit 1,9 Millionen NutzerInnen. Lediglich 337.000 Personen von 32,3 Millionen InternetnutzerInnen sind 70 Jahre und älter. Das sind aufgerundet gerade mal 6 Prozent der Gruppe 50+ und nur 1 Prozent der Gesamtnutzerschaft.
Die älteren Menschen, die das Internet für sich entdeckt haben, sind vornehmlich die jüngeren. Weitere Studien zeigen, dass es sich dabei allen voran um Männer, formal besser Gebildete und noch Berufstätige handelt (vgl. Mollenkopf & Doh, 2002). Attribute, die so gar nicht mit dem Alter in Verbindung gebracht werden: SeniorInnen sind vorwiegend verrentet, der Anteil der Frauen nimmt mit dem Alter stark zu und auch die formale Bildung ist unterdurchschnittlich zu jüngeren Altersgruppen. Folglich stellt die Nutzerschaft älterer Menschen eine ganz spezielle und selektive Gruppe dar.
Und das wird vermutlich auch noch längere Zeit so bleiben. Denn betrachtet man die Zuwachsraten der letzten Jahre, so nehmen zwar auch die Werte für die Gruppe 50+ zu, aber weitaus geringer als bei den jüngeren Altersgruppen: Von 18,2 Prozent im September 2001 stieg der Anteil um etwas über 4 Prozentpunkte auf 22,3 Prozent im September 2002, das sind etwa 1 Million Personen. Im Vergleich zur Gesamtnutzerschaft ist es dennoch unterdurchschnittlich: Von 42,8 Prozent stieg der Anteil um 7,5 Prozentpunkte auf 50,3 Prozent. Noch weit deutlicher wird die Unterrepräsentanz bei den über 70jährigen. Denn hier hat sich im Vergleichszeitraum kaum ein Wachstum ergeben. Lediglich um 0,2 Prozentpunkte beträgt deren Zuwachs (von 4,4 Prozent). Am stärksten nahm erwartungsgemäß der Zuwachs bei den jungen Alten zu: 2001 waren 34,3 Prozent der 50-59jährigen online, fast 8 Prozentpunkte weniger. In der Gruppe der 60-69jährigen gab es einen Zuwachs um knapp 5 Prozentpunkte.
Auch die ARD/ZDF-Online Studie von 2002 weist diese Entwicklungsverläufe auf (vgl. van Eimeren, Gerhard & Frees, 2002). Hatte man bis 2001 stetig wachsende Nutzerquoten in allen Altersgruppen, so gibt es 2002 allein in der ältesten Altersgruppe 60+ einen leicht rückläufigen Trend: 7,8 Prozent aller über 60jährigen nutzen demnach das Internet, 2001 waren es noch 8,1 Prozent. Zuvor verdoppelten sich die Werte nahezu jedes Jahr und nun Stagnation.
Nicht zuletzt zeigen auch Studien zu den Verweigerern bzw. Offlinern des Internets, dass ausgerechnet die älteren Menschen zu den zahlenreichsten und stärksten Ablehnern gehören. Laut der ARD/ZDF-Offline-Studie 2002 sind mittlerweile 48 Prozent der befragten NichtnutzerInnen über 60 Jahre alt (2001 waren es noch 41 Prozent) (Gerhards & Mende, 2002, S.363). Und gaben 2000 88 Prozent der über 60jährigen Offliner an, ganz bestimmt keinen Computer anzuschaffen, so waren es 2001 93 Prozent. Das sind mehr als doppelt so hohe Werte als in der Altersgruppe der 14-39jährigen (40 Prozent), der Durchschnitt liegt bei 76 Prozent (Grajczyk & Mende, 2001, S.399).
Allein diese Zahlenspiele sollen aufzeigen, dass das neue Medium Internet für 'die' älteren Menschen noch nicht so selbstverständlich und umfassend im Alltag verankert ist. Es ist eine selektive Gruppe von vornehmlich jungen, männlichen, noch berufstätigen älteren Menschen. Der Großteil älterer Menschen sieht noch keinen Nutz- und Mehrwert durch das Internet, bzw. scheut die Anschaffungskosten und die technischen Barrieren. Motive, die mit dem Alter stetig zunehmen. Zwar werden mit dem Nachrücken jüngerer Kohorten in die Gruppe der SeniorInnen diese Abwehrhaltungen und Barrieren zunehmend abgebaut werden, doch wird es vermutlich noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis auch sie eine ähnlich hohe Nutzerquote von über 80 Prozent erreicht haben wie heutzutage die 14-19jährigen. Und von einer Eroberung des Netzes durch die 'Silver-Surfer' kann wahrlich keine Rede sein.
Literatur:
Grajczyk, A. & Mende, A. (2001). Nichtnutzer von Online: Internet für den Alltag (noch) nicht wichtig. Media Perspektiven, 4, 189-201.
Mollenkopf, H. & Doh, M. (2002). Das Medienverhalten älterer Menschen. Sozialwissenschaften und Berufspraxis 4/02, Themenschwerpunkt Virtualisierung des Sozialen, 387-408.
van Eimeren, B., Gerhard, H. & Frees, B. (2001). ARD/ZDF-Online-Studie 2001: Internetnutzung stark zweckgebunden. Media Perspektiven, 8, 382-397.
Im Angebot der SDC seit 22.12.02 (mdo)
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