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Ein sehr aktives Jahr - Interview mit Horst Frehe
Quelle: EU-Nachrichten Nr. 4 vom 31.01.03
Interview mit Horst Frehe
EU-Nachrichten: Wieviele behinderte Menschen gibt es in Deutschland?
Horst Frehe: Rund jeder Zehnte ist behindert, insgesamt sind 6,6 Millionen Schwerbehinderte mit Ausweis registriert. Doch es ist schwierig, von “den Behinderten” zu sprechen, denn es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe. Behinderung ist kein medizinisches Phänomen, sondern umfaßt drei Aspekte: gesundheitliche Schädigung, Funktionseinschränkungen der Mobilität oder Kommunikation und schließlich die Sicht anderer von behinderten Menschen.
Welche Altersgruppen sind betroffen?
Mehr als die Hälfte der Behinderten ist über 60. Der Anteil behinderter junger Menschen - sei es schon bei Geburt oder durch Unfall – ist relativ konstant, allenfalls leicht rückläufig.
Was für ein Problem hat der “normale” Bürger mit den Behinderten?
Festgefahrene Vorstellungen: Man hat den Rollstuhlfahrer vor Augen, mit Decke über den Knien, von einem Nichtbehinderten geschoben. Dieses Bild der Abhängigkeit und Unmündigkeit einzelner gilt es zu durchbrechen. Vielmehr dürfen die vielen Aktivitäten von Behinderten nicht durch Vorurteile, durch Grenzziehungen anderer eingeschränkt werden. Wir stellen die Bürgerrechte und Menschenrechte in den Vordergrund.
Wie sollen Vorurteile überwunden werden?
Wir müssen die reale Situation der Behinderten verändern und dadurch falsches Bewusstsein korrigieren - nicht umgekehrt. Wir haben in Deutschland mit dem Behindertengleichstellungsgesetz einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Das soll Thema werden. Was im Gesetzblatt steht, soll auch Realität werden. Zudem wollen wir die Gesetzgebung um ein ziviles Gleichstellungsgesetz ergänzen, ähnliches fordern wir von der EU. Mit einer UNResolution wollen wir die Menschenrechte für Behinderte weltweit sichern. Hierzu liegt ein Vorschlag Mexikos vor, den wir um einige Aspekte und klare Durchsetzungsmechanismen ergänzen wollen.
Was sind Ihre Schwerpunkte für 2003?
Hier unterscheiden wir uns etwas von der europäischen Ebene. Wir bieten weniger Zelebration und Kultur, dafür stellen wir Themen mehr in den Vordergrund: sechs Schwerpunkte (s. Seite 3) vor allem zu politischen und ethischen Fragen. Bei der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) etwa geht es auch um die Lebensrechte von behinderten Menschen. Es sollte mehr Arbeitsplätze geben. Wir wollen in der EU, auch in den Beitrittsstaaten, eine umfassende Gleichstellung der Behinderten, ausgehend von Artikel 13 des EU-Vertrags.
Sind Bund und Länder beteiligt?
Herausheben will ich die Kooperation mit dem Verkehrsministerium zum Gleichstellungsgesetz und mit dem Familienministerium zu Barrieren im Tourismus. Landesgleichstellungsgesetze gibt es inzwischen in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Bei den Ländern können wir uns noch mehr Engagement vorstellen.
Die Behinderten sollen das Jahr als ihr Jahr verstehen. Wie geschieht das hier?
Ein erster Schritt war ja, mich zum Leiter der Koordinierungsstelle zu berufen. Ich bin seit 1966 behindert, auf einen Rollstuhl angewiesen und in der Behindertenbewegung seit 30 Jahren aktiv. Bevor ich diese Aufgabe übernahm, war ich im Sprecherrat des deutschen Behindertenrates. Auf der Eröffnungsveranstaltung werden - außer dem Beitrag der Ministerin - nur behinderte Menschen reden. Wir wollen unsere Probleme selbst definieren, die wir in dem Jahr behandeln. Dieses ist Ausgangspunkt für sechs große Veranstaltungen mit verschiedenen Behindertenverbänden und weit über 150 Einzelveranstaltungen, die wir auch mitfördern. Geplant ist ferner eine Sommeruniversität in Bremen zu Forschung und Lehre aus der Sicht Betroffener.
1981 war das UNO-Jahr der Behinderten. Dort war ich auf der Seite der Protestierer, weil es über unsere Köpfe hinweg organisiert war. Ich möchte dieses Jahr die Fehler nicht nur vermeiden, sondern deutliche Akzente in eine andere Richtung setzen. Es zeigt sich bereits, dass das Jahr 2003 von den Behinderten her ein sehr aktives Jahr werden wird.
Horst Frehe ist Leiter der Nationalen Koordinierungsstelle beim Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung
Mehr erfahren Sie unter:
http://www.eu-kommission.de/pdf/eunachrichten/4_INTERNET.pdf
Im Angebot der SDC seit 05.02.03
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