Knapp drei Prozent der regelmäßigen Internetnutzer in Deutschland, das sind rund eine Million deutsche User, sind internetsüchtig. Dies ist ein Ergebnis der repräsentativen Online-Studie des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Humboldt-Universität in Berlin. Die Forscher legen hierfür die Gesamtzahl von 41 Millionen regelmäßigen Nutzern des Internet zugrunde. Was Internetsucht ist und vor allem was Internetsucht bedeutet, hat Gabriele Farke, Leiterin der ersten deutschen Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige, am eigenen Leib erfahren.
Für mich sah der Tag so aus, sagt Gabriele Farke in einer < a href=http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-hoer-dlr/1782.html target=_blank class=navlinkunt>Radioreportage des Deutschlandradio Berlin am 26.02.2003, dass ich morgens den Rechner anmachte und meine E-Mails gecheckt habe, dann ein bisschen gechattet habe – und ich bin dann zuletzt auch immer sehr viel früher aufgestanden, damit ich die Zeit noch hatte – und dann während des Jobs gings auch weiter, dass ich dann zwischendurch immer gechattet habe, und zwischendurch immer E-Mails gecheckt habe – und dann nach Hause und wieder den Rechner an.
Die Folgen ihres zwanghaften Dauersurfens waren der Verlust der Arbeitsstelle, Kontaktverlust im realen Leben zu realen Personen und Einstellung jedweder anderer Aktivitäten außerhalb des Internet.
Dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein ist, bestätigt Professor Matthias Jerusalem, Leiter der Online-Studie, an der mehr als 10.000 Internetnutzer teilnahmen. 2,5 bis 3 Prozent der Nutzer in Deutschland sind süchtig nach dem Internet, so Jerusalem gegenüber Heise-Online. Ein besonders hohes Risiko bestehe für männliche Jugendliche unter 20 Jahren und für Singles. Gerade die allein Lebenden versuchen im Internet Kontakte zu knüpfen – schließlich gibt es dort unzählige Kontaktbörsen und Chatforen.
Von der kleinen Plauderei zur Sucht nach Kommunikation
In eben diesen Bereichen sieht Dr. Hans Zimmerl, Wiener Psychiater und Suchttherapeut, das höchste Suchtpotential. Von den 100 Prozent des Suchtpotentials im Internet sind knapp zwei Drittel im Kommunikationsbereich – und davon vor allem in den Chatrooms -, ein Drittel ist im Bereich der Onlinespiel, sehr stark der Rollenspiele vor allem auch, und nur knapp zehn Prozent im übrigen Bereich des Internet anzutreffen.
Bestätigt wird Zimmerl von André Hahn, der an der groß angelegten Studie über Internetsucht mitgearbeitet hat. Das was die Internetsüchtigen im Internet vor allem tun, auf Platz Nummer eins der Suchtpotentiale im Netz, ist das Chatten, sind diese virtuellen Diskussionssysteme – also alles, was mit Kommunikation zu tun hat. Also grundsätzlich erst mal eine Form, von der man sagen würde: Wieso, das ist doch wunderbar, in der realen Welt reden wir immer weniger miteinander, und dort treffen wir uns dann wieder.
Droge Internet – gibt es eine biologische Abhängigkeit?
Norwegischen Forschungsergebnissen zufolge sollen beim exzessiven Computerspielen in bestimmten Hirnregionen hohe Konzentrationen von Glückshormonen nachgewiesen worden sein. Das würde schon erklären, warum dieser Kick da ist, den diese Leute beschreiben – der es ihnen möglich macht, ohne scheinbare Ermüdung acht Stunden am Stück zu chatten oder zu spielen., sagt Dr. Zimmerl. Doch er warnt auch vor der Zweischneidigkeit dieses Glücks. Seiner Ansicht nach erfolgt im Internet eine Stärkung des Selbstwertgefühls aus selbst herbeigeführten Erfolgserlebnissen, die sich spätestens beim Abschalten des Computers als nicht real und damit nicht dauerhaft erweisen.
Denn wo, wenn nicht im Internet, kann man alles das sein, was man im wirklichen Leben nicht ist: schön, flexibel, ewig jung, erfolgreich. Selbst die Möglichkeit, das Geschlecht zu tauschen, ist gegeben. Denn schließlich: Mich sieht ja keiner. Problematisch wird es jedoch in dem Moment, in dem Mann oder Frau den Computer wieder abschaltet und die Realität unbarmherzig zuschlägt. Auf einmal ist man wieder einfach nur der, der man vorher war.
Fünf Suchtkriterien
Das Verhalten von Onlinesüchtigen lässt sich nach Angaben der Forscher vergleichen mit dem von Alkohol- und Spielsüchtigen. Ab welcher Grenze die Internetnutzung zur Sucht werde, lässt sich anhand von fünf Diagnose-Kriterien ablesen, die in Anlehnung an die Kriterien stoffgebundener Süchte im Rahmen der Universitätsstudie verwandt wurden. Hierzu zählen:
- psychische Entzugserscheinungen wie Unruhe, Reizbarkeit und Unzufriedenheit bei fehlender Internetaktivität,
- nahezu das gesamte Tageszeitbudget wird mit Internet bezogenen Aktivitäten verbraucht,
- trotz guter Vorsätze kann die Onlineaktivität nicht eingeschränkt werden,
- stetige Steigerung der im Internet verbrachten Zeit
und schließlich
- durch die Internetnutzung verursachte soziale Probleme mit dem Arbeitgeber, der Schule, der Familie oder der Freundin/dem Freund.
Die Studie ergab zudem, dass ein Onlinesüchtiger durchschnittlich 35 Stunden wöchentlich in der virtuellen Welt verbringt. Allerdings lässt sich nicht allein anhand der Zeit, die jemand im Internet verbringt, auf eine Sucht schließen. Ansonsten müsste bereits jeder Arbeitnehmer, der beruflich mit dem Internet arbeitet, als abhängig gelten.
Hilfe durch Selbsthilfe
Werner Platz, Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Humboldt-Universität, betont die in den vergangenen Jahren stark gestiegene Nachfrage nach professioneller Hilfe. Vor fünf Jahren haben wir zum ersten Mal einen Onlinesüchtigen behandelt – heute kommen sechs bis acht Betroffene pro Woche zu uns, um sich beraten zu lassen. Platz rät dabei zu einer kombinierten Therapie aus schrittweiser Verringerung der Internetnutzung und psychotherapeutischer Behandlung. Denn oftmals verbergen sich hinter der Onlinesucht Identitätsprobleme, Depressionen oder Manien. Der Weg zu einer Beratung und schließlich zu einer Therapie beginnt jedoch mit der Einsicht des Betroffenen.
Gabriele Farke ist von ihrer Internetsucht losgekommen. Ein Stückchen Seele ist auf der Strecke geblieben, das muss ich mir nicht noch einmal antun – und ich weiß nicht, ob ich heute nicht wieder was glauben würde, was der andere vielleicht gar nicht so ernst meint oder anders meint – von daher lass ich lieber die Finger davon. Heute ist das Internet das Medium, um anderen Tipps zu geben, aber nicht, um mich wegzuträumen. Auf der Website
www.onlinesucht.de bietet die Medientrainerin Informationen und Hilfestellung für Betroffene und Angehörigen an. In einem offenen Forum können NetJunkies, wie sie sich selber nennen, und Interessierte über die Sucht reden, sich beraten und Mut machen.
Der von Gabriele Farke gegründete Verein Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige musste mangels finanzieller Unterstützung im Sommer 2002 seine aktive Beratungstätigkeit einstellen. Anträge auf Förderung wurden von den verschiedensten Seiten abgelehnt. Beispielhaft für einige Ablehnungsgründe der Wortlaut der Landes Niedersachsen: Eine Landesfachstelle Onlinesucht sei nicht notwendig, weil es genügend Ärzte, Kliniken und Therapeuten gibt, die die Krankheit Onlinesucht,
sofern es sie denn geben sollte, therapieren können. Na, wenn sich das Land Niedersachsen da mal nicht geirrt hat.
Das Internet als Chance – aber auf die Dosierung kommt es an
Das Internet aufgrund der Zahl der Internetsüchtigen zu verteufeln wäre schlicht falsch. Wie bei jedem anderen Medium auch gilt es zu unterscheiden zwischen Gebrauch und Missbrauch. Der Nutzen des Internet liegt klar auf der Hand. Sei es die Informationssuche, E-Business oder E-Government, das Internet erleichtert das Alltagsleben. Auch die Kommunikation mit anderen (unbekannten) Menschen via Chatroom, Instant-Messenger, Mailinglist oder Forum ist an sich nichts Schlechtes. Auf die Dosierung kommt es an. Der Leiter des Münchner Therapiezentrums für Internetabhängige, Oliver Seemann, sagt hierzu, dass das Internet psychisch Gesunde nicht grundsätzlich krank mache. Internetsucht ist meist nur ein Symptom für ein tiefer liegendes Problem, erläutert er. Auch Dr. Zimmerl meint: Wir reden ja über die Suchtfalle. Man darf das Internet an sich keinesfalls dämonisieren, das ist völliger Unsinn – es bringt mehr Benefit als Schaden.