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Muss die Informationsgesellschaft nachhaltig sein ?

Thomas Schauer

Bäume wachsen aus einer CD
Zwei Trends stellen uns heute vor neue Herausforderungen: Die Entstehung der modernen Informationsgesellschaft wird das Leben der Menschen tiefgreifend verändern. Und mit der weltweiten Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung werden die globalen Auswirkungen von Produktion und Konsum ins Blickfeld gerückt. Doch wie wirken diese beiden Trends aufeinander ein? Gibt es Synergien, erleichtert die Informationsgesellschaft das Einschwenken auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad? Dabei stellt sich zunächst das Problem einer exakten Begriffsbestimmung.

Was kennzeichnet die Informationsgesellschaft?

Eine einheitliche Definition der Informationsgesellschaft gibt es nicht, dies musste auch die International Telecommunication Union (ITU) während der Vorbereitung des "World Summit on the Information Society" feststellen. Die verschiedenen Definitionen und Beschreibungen rücken unterschiedliche Aspekte der Informationsgesellschaft in den Vordergrund und unterscheiden sich vor allem durch eine verschieden starke Betonung technologischer oder gesellschaftlicher Aspekte. Die ITU formulierte schließlich:

Three elements can nevertheless be considered as constituting the basis of the information society, namely:
- Information and knowledge
- Proliferation of Information and Communication Technologies
- Access to and use of the ICTs

Die Europäische Kommission verfügt zwar über ein "Information-Society Directorate-General", aber auch dort arbeitet man weniger mit einer scharfen Definition als mit einer eher umstaendlichen Umschreibung des Begriffs der Informationsgesellschaft. Hilfreich ist demgegenueber eine recht einfache, kurze Definition.
Die Informationsgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die Kommunikation unter Zuhilfenahme elektronischer Hilfsmittel sowohl im privaten, als auch im öffentlichen und wirtschaftlichen Bereich eine herausragende Stellung einnimmt.


Nachhaltigkeit - Definitionen und "hidden agendas ?"

Eine Internetsuche mit Google ergibt für den Begriff "sustainable development" Millionen Treffer und man wird schwerlich eine Seite finden, auf der eine nachhaltige Entwicklung abgelehnt wird. Meist wird auf eine Definition Bezug genommen, die 1987 von der World Commission on Environment and Development, der Brundtland-Kommission, geprägt.
Nachhaltig ist eine Entwicklung, bei der die gegenwärtigen Generationen Wege finden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Möglichkeit zukünftiger Generationen, ebenfalls ihre Bedürfnisse zu befriedigen, zu beeinträchtigen.
Nachhaltige Entwicklung erscheint als universaler Konsens allerdings nur dann, wenn man auf einer sehr allgemeinen Ebene bleibt. Konkret gibt es sehr viele und sehr widersprüchliche Vorstellungen davon:

Eindimensionale Konzepte:
Radikale Ökologen definieren Nachhaltigkeit als Vermeidung von Eingriffen in die Natur. Wie Indianer sich bei einem Baum entschuldigen, bevor sie ihn fällen, sollten die Menschen nur absolut unvermeidliche Eingriffe vornehmen. Gemäßigte Ökologen akzeptieren menschliche Eingriffe, solange gewisse, bereits weiter gefasste ökologische Grenzen gewahrt bleiben.

Zweidimensionale Konzepte:
Diese Konzepte sind von der Erkenntnis geprägt, dass die Armen, wenn sie keine andere Möglichkeit haben, sich zu ernähren, dazu gezwungen sind, Raubbau an der Natur zu betreiben. Da somit ökologische Nachhaltigkeit ohne sozialen Ausgleich unmöglich ist, sind sowohl ökologische als auch soziale Grenzen (Leitplanken) zu beachten.

Dreidimensionale Konzepte:
Leitplanken oder Grenzwerte sind in der Wirtschaft nicht sehr beliebt, insbesondere dann nicht, wenn Unternehmen befürchten müssen, dass in einem nationalen Alleingang einseitig ökologische oder soziale Mindeststandards gesetzt werden, die die einheimische Industrie mit Kosten belasten und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Daher postulieren Industrievertreter meist 3 Dimensionen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales und Ökonomie.

Vierdimensionale Konzepte:
Heute wird vermehrt eine vierte Dimension, die kulturelle Nachhaltigkeit, diskutiert. Entsprechende Konzepte sind einerseits unterer Kulturschaffenden verbreitet und werden andererseits von Initiativen im Bereich der Informationsgesellschaft, die sich Sorgen um die kulturelle Diversität machen, verwendet.

Trotz einiger Nachteile (Relativierung der Oekologie) ist ein auf der Brundtland-Definition aufbauender, mehrdimensionaler Nachhaltigkeitsbegriff hilfreich, vor allem aus pragmatischen Gründen, denn die Informationsgesellschaft hat potenziell positive ebenso wie negative Folgen im ökologischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bereich:

Die ökologisch nachhaltige Informationsgesellschaft

Ökologische Nachhaltigkeit erfordert eine behutsame Einbettung der menschlichen Aktivitäten in die natürliche Umgebung. Der Natur kommt dabei eine Rolle zu, die über die bloße Bereitstellung von Ressourcen für die Menschen hinausgeht. Unsere natürliche Umwelt, unsere Mitlebewesen haben ein von ihrem Nutzen für den Menschen unabhängiges Existenzrecht. Daher sind der Beeinträchtigung der Natur durch den Menschen - sowohl der Gewinnung von Rohstoffen als auch dem Eintrag von Abfällen - Grenzen zu setzen.
In einer ökologisch nachhaltigen Informationsgesellschaft werden Informationstechnologien dazu verwendet, Produktion und Konsum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und zunehmend zu dematerialisieren. Der Verkehr auf den Straßen wird durch Datenströme ersetzt, gedruckte Dokumente durch elektronische Speichermedien. Dabei werden die neuen IT-Geräte in einer Weise konstruiert, dass bei ihrer Produktion, ihrem Gebrauch und bei Ihrer Entsorgung nur minimale Umweltbelastungen auftreten - und dies obwohl hunderte von Millionen dieser Geräte im Einsatz sein werden. Darüber hinaus wird die Informationstechnologie auch die Mittel bereitstellen, den Zustand unserer Umwelt zu überwachen und Frühwarnsysteme für mögliche ökologische Schäden einzurichten.

Die ökonomisch nachhaltige Informationsgesellschaft

Ökonomische Nachhaltigkeit erfordert die effiziente Nutzung der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden/Natur und die Optimierung der Allokation von Gütern und Dienstleistungen. Arbeitslosigkeit als Vergeudung des Produktionsfaktors Arbeit, das gegenwärtige Ausmaß an finanzieller Spekulation, die Ressourcen bindet, die dem produktiven Sektor fehlen sind damit ebenso unvereinbar wie die unkompensierte Ausbeutung öffentlicher Güter. Die Anwendung des Nachhaltigkeitsgedankens in der Wirtschaft erfordert eine Hinwendung von der betriebswirtschaftlichen zur globalen Perspektive.In einer ökonomisch nachhaltigen Informationsgesellschaft tragen die neuen Technologien zu einer effizienten Nutzung der Produktionsfaktoren bei. Märkte werden dadurch,dass eine Fülle früher nur schwer zu beschaffender Informationen leichter zugänglich wird, transparenter und damit leistungsfähiger.

Die sozial nachhaltige Informationsgesellschaft

Soziale Nachhaltigkeit erfordert eine Umverteilung der materiellen Güter in einer Weise, dass für die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft ein ausreichendes Auskommen gesichert wird, jedoch ohne dass dabei die stärkeren demotiviert werden. Gleichheit ist daher nicht zu maximieren, sondern zu optimieren.
In einer sozial nachhaltigen Informationsgesellschaft haben alle Menschen Zugang zu den neuen Medien und den im Internet gespeicherten Informationen, die digitale Spaltung zwischen "Onlinern" und denjenigen, die den Zugang zu den neuen Medien heute nicht finden, wird geschlossen sein. Die neuen Medien werden zudem als Mittel eingesetzt, eine Balance zwischen Arm und Reich nicht nur in der virtuellen,sondern auch in der realen Welt herzustellen.

Die kulturell nachhaltige Informationsgesellschaft

Kulturelle Nachhaltigkeit erfordert das Aushandeln eines Kompromisses zwischen dem Recht von Minderheiten auf ihre eigene kulturelle Identität und gemeinsamen, weltweit verbindlicher Wertvorstellungen. Die Vielfalt der Kulturen und damit der Identitäten, Denkweisen und Ideen ist ebenso überlebenswichtig wie die Einigung auf gemeisame ethische Grundlagen. In einer kulturell nachhaltigen Informationsgesellschaft spiegelt sich die Vilefalt der Kulturen auch in ihrer Präsenz im Internet wider. Gleichzeitig nutzen die verschiedenen Kulturen die neuen Medien, um ihre Identität zu stärken, so daß die Proäsenz in den virtuellen Welten auch den Zusammenhalt der Angehörigen einer Kultur in der realen Welt stärkt. Die Bedeutung einer nachhaltigen Informationsgesellschaft

Die Informationsgesellschaft durchdringt nach und nach alle unsere Lebensbereiche und inzwischen surfen weit mehr Menschen mit dem Computer im Internet als mit einem Surfbrett auf den Gewässern. Zudem breitet sich die Informationstechnologie rasant auf dem Globus aus, so dass eventuelle mit ihr verbundene Probleme sehr schnell zu globalen Problemen werden können.

Bereits heute haben einige Länder einen immensen Energieverbrauch, während sich andere noch in einem vorindustriellen Stadium befinden. 20% der Weltbevölkerung verbrauchen 80% der Ressourcen. Für die zukünftige Entwicklung der globalen Ressourcenverbräuche würde eine Erhöhung der Bevölkerungszahlen von heute 6 Milliarden auf 10 Milliarden im Jahre 2050 zu einem Wachstum um den Faktor 1,6 führen, allerdings nur dann, wenn sich an der Verteilung der Güter zwischen Arm und Reich nichts ändert. Würden jedoch bis 2050 alle Menschen unseren Lebensstil annehmen, würde allein daraus ein fast um den Faktor 7 höheren Ressourcenverbrauch resultieren. Effekte, die durch ein weiterhin an höherem Ressourcenverbrauch gekoppeltes Wirtschaftwachstum enstehen würden, sind bei dieser Abschätzung noch nicht berücksichtigt.

Damit wird offensichtlich: Die Frage, ob wird die Potenziale nutzen, die uns die Informationstechnologie zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs bietet, oder ob wir diese Technologie dazu verwenden, die Verbräuche immer weiter in die Höhe zu schrauben, wird für eine nachhaltige Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein.

Die Herausforderung wird letztlich darin bestehen, aus Maßnahmen, die sich in den einzelnen Dimensionen auswirken, ein ausbalanciertes Gesamtpaket zu erstellen. Denn im Gegensatz zu einer Äußerung der Europäischen Kommission, wonach eine win-win-win Situation vorliege, von der alle Dimensionen profitieren würden, führen in der Praxis positive Maßnahmen in einem Bereich zu negativen Folgen in den anderen Dimensionen. Eine Beschleunigung der Verbreitung des Internets würde auf der einen Seite die Problematik der digitalen Spaltung entschärfen, auf der anderen Seite aber die Umweltprobleme verschärfen, da die Hardware weit von umweltfreundlichem Design entfernt ist. Und die Förderung kultureller Vielfalt, etwa durch Gesetze, die in Europa die Mehrsprachigkeit von Webseiten zur Pflicht machen würden, könnte sehr bald die ökonomische Leistungsfähigkeit der Unternehmen gefährden.




Mehr erfahren Sie unter:
http://www.global-society-dialogue.org

Im Angebot der SDC seit 31.10.03 (tsc)

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