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Vor dem Welt-Gipfel zur Informationsgesellschaft: Es genügt nicht, überall einen Computer aufzustellen
Brigitte Pilz
Quelle: Wiener Zeitung vom 27.11.03
In den Industriestaaten ist die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien wie Handy und Internet zwischen Frauen und Männern ziemlich ausgeglichen. Je ärmer ein Land ist, um so größer ist die Kluft. In Senegal etwa sind nur 12 Prozent der Internet User weiblich, in Peru 24 Prozent. Eine neue Studie hat in Südafrika das folgende wenig überraschende Ergebnis gebracht: Der durchschnittliche Benutzer des Internet ist männlich, 28 Jahre alt, spricht Englisch und hat einen höheren Schulabschluss.
Ein paar Zahlen sollen verdeutlichen, dass wir von einer Kluft innerhalb einer immensen Kluft sprechen: Nur zwei Prozent der Weltbevölkerung sind Teil des "connected global village". 88 Prozent der Internetuser leben in reichen Ländern. In Südafrika befinden sich 95 Prozent aller Internet-Zugangsrechner des Kontinents. In Gesellschaften, in denen Frauen ohnedies einer Reihe von Benachteiligungen ausgesetzt sind, zum Beispiel bei Bildung, Selbstbestimmung, Besitz, Zugang zu Ressourcen und politischer Gestaltung, ist die digitale Kluft nur eine von vielen. Das Internet und andere Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verursachen nicht primär eine ungleiche Entwicklung zwischen Frauen und Männern, sie verstärken sie jedoch.
Wissen, Können und Zugang zu IKT schaffen Arbeitsmöglichkeiten und Einkommen, ermöglichen ein stärkeres Mitgestalten der Gesellschaft. Dieser Trend wird sich auch in den Entwicklungsländern verstärken. Schon heute ist die Mehrzahl der in Armut lebenden Menschen weiblich. Es genügt nicht, "mehr Zugang zu IKT in der Dritten Welt" zu fordern, auch nicht "Internet für alle". Es braucht maßgeschneiderte Lösungen für Frauen in bestimmten Lebenszusammenhängen.
Mehr als Handy und Internet
Auf einen Vorbereitungsseminar zum WSIS mit Blickrichtung Frauen, das kürzlich in Wien abgehalten wurde und von den beiden Entwicklungsorganisationen Frauensolidarität und Wiener Institut (vidc) organisiert worden war, wiesen Frauen aus dem Süden auf interessante Fakten hin. Susanna George von der internationalen Frauenorganisation ISIS mit Standort Philippinen betonte die Gefahr, durch die Fixierung auf das Internet andere Kommunikationsmittel außer Acht zu lassen. Gerade in armen Regionen ohne Strom, mit großer Sprachenvielfalt und hohen Analphabetenraten ist der Zugang zur Bevölkerung durch Medien wie Radio, Videos, aber auch Straßentheater, Tanzvorführungen und Geschichtenerzählern oft eher möglich.
"In Uganda haben wir eine CD-Rom für Frauen in ländlichen Gebieten entwickelt", berichtete Dorothy Okello, Organisatorin des Women of Uganda Network. "Diese leitet Frauen in ihrer Sprache Luganda und mit vielen Piktogrammen an, wie sie etwa die Haustierzucht erfolgreicher betreiben oder ihre landwirtschaftlichen Anbaumethoden ertragreicher gestalten können." In einem Telecenter lernen Frauen den Umgang mit dem Computer und gleichzeitig Fertigkeiten, die unmittelbar ihren Lebensunterhalt verbessern. "Computer, Internet oder Handys sind Werkzeuge", betont Susanna George, "wir müssen ihnen die richtigen Inhalte geben".
In Bangladesch ist die Grameen Bank seit Jahren erfolgreich tätig. Sie vergibt Kleinkredite an Kleinunternehmerinnen, die bei "normalen" Banken nicht kreditwürdig wären. 1996 wurde Grameen Telecom gegründet, mit dem Ziel: Niemand soll weiter als 2 Kilometer zum nächsten Telefon gehen müssen. "Phone Ladies" sorgen dafür. Sie haben mit Kredit ein Handy erworben. Um ein paar Cents kann jede Frau etwa die aktuellen Preise auf dem nächsten Markt eruieren und dadurch besser einschätzen, ob es sich lohnt, den Verkauf ihrer Produkte noch etwas zu verschieben.
In Mozambik fördert die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit das Radioprojekt "Stimme der Frauen". Mehr als 30 Frauen wurden bereits zu Radiojournalistinnen ausgebildet und machen Programme in 17 lokalen Sprachen. Oft gibt es in einem Dorf nur einen Empfänger. Dann trifft sich die Gemeinschaft zum gemeinsamen Radiohören und Diskutieren. Ob es die Lokalwahlen sind, das Problem HIV/AIDS, Gewalt gegen Frauen, die angesprochenen Themen gehen alle Zuhörerinnen und Zuhörer etwas an.
Weltweit stehen Frauenorganisationen dem bevorstehenden Gipfel kritisch gegenüber. Ihrer Ansicht nach stehen technische und marktorientierte Aspekte der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu sehr im Vordergrund der Diskussionen. Trotz Vorbereitungskonferenzen weiß man noch nicht genau, was in den Abschlusspapieren stehen wird, welchem Aktionsplan die Teilnehmerinnen und Teilnehmer letztlich zustimmen werden. Um Frauen speziell zu fördern, sollten dabei soziale und entwicklungspolitische Gesichtspunkte nicht vernachlässigt werden.
Mehr erfahren Sie unter:
http://www.wienerzeitung.at/frameless/kultur.htm?ID=M10&Menu=192986
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