Veröffentlicht am: 06.09.04

'Guido' für Gehörlose - Avatar als virtueller Gebärdendolmetscher

Margit Kaiser, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: stern.de vom 29.08.04

Der Virtuelle Guido dolmetscht für GehörloseDie Universität Hamburg hat in ihrem Projekt eSign ein Programm entwickelt, das es künftig Gehörlosen erleichtern soll Texte im Internet zu verstehen. Es basiert auf einer Datenbank von rund 10.000 Wörtern, die von einem Avatar, einer möglichst lebensnahen Abbildung eines Menschen, in die deutsche Gebärdensprache übersetzt werden.

Für 80.000 Gehörlose in Deutschland ist Gebärdensprache die Muttersprache, in der sie sich verständigen, Schriftdeutsch können viele von ihnen nur begrenzt lesen, denn es ist für sie praktisch eine Fremdsprache. "Die meisten können nur einfache Sprache lesen, etwa die Bildzeitung." erläutert der selbst gehörlose Gerald Brunk. Mit "Guido" werden Gehörlosen die Texte auf Websites in ihrer Sprache vermittelt, sie können so zu weit mehr Informationen Zugang erhalten.

Der Vorteil des Programms liegt im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand. Gerade für Anbieter von Websites, deren Inhalte sich häufiger ändern, ist "Guido" eine interessante Alternative zu Gebärdensprachvideos, die aufgrund des vergleichsweise hohen Aufwandes eher für andere Einsatzgebiete geeignet sind. "Guido" erkennt auf der Website die Wörter selbständig und übersetzt diese in die Gebärdensprache. Dabei liegt der Übersetzung ein komplexes System, das Hamburger Notationssystem (HaNoSys), zugrunde, das ähnlich der Lautschrift Laute und Wortteile in Zeichen umwandelt. HaNoSys basiert auf 220 Zeichen, die Auskunft nicht nur über das eigentliche Handzeichen geben, sondern ebenso über die Stellung der Hand, das Zusammenspiel beider Hände, sowie genauen Angaben dazu, wo sich die Hände/die Hand bei der Zeichengebung befinden soll/en (neben dem Körper, vor dem Körper und weitere).

Der Virtuelle Guido  besitzt ein digitales Rastergerüst

Der Nachteil von "Guido" ist der jeder herkömmlichen Übersetzungssoftware. "Guido" übersetzt nur das, was er gelernt hat. Da sich Sprache durch die Mehrdeutigkeit von Wörtern auszeichnet, deren Sinn sich erst aus dem Zusammenhang ergibt, kann es bei "wörtlicher" Übersetzung zu völlig sinnlosen Aneinanderreihungen von Wörtern kommen.

Die Entwickler von "Guido" haben großen Wert darauf gelegt, den Avatar in seiner Gebärdensprache so lebensnah wie möglich zu darzustellen. So machten sie Videoaufnahmen von Gehörlosen, die in Gebärdensprache kommunizierten (rund 700 Stunden Videomaterial), und ordneten die jeweilige Kopf- und Körperhaltungen den entsprechend verwendeten Ausdrücken zu.

"Gebärdensprache ist seit Jahrhunderten eine Face-to-Face-Sprache. Sie funktioniert nur im Zusammenspiel mit Mimik und Gestik, weshalb auf dem Computer eine möglichst genaue Darstellung notwendig ist." erklärt Thomas Hanke vom Institut für Deutsche Gebärdensprache.

Zusätzlich kompliziert wird die Übersetzung dadurch, dass es in der deutschen Gebärdensprache keine einheitliche Vorschrift für die genaue Ausführung einer Handbewegung gibt. "Es gibt hier einfach keine richtige Grammatikforschung oder Lexika mit eindeutigen Zuordnungen.", so Hanke. Dennoch, in einem ersten Test sollen fünf von sechs Gehörlosen von "Guido" übersetzte Texte verstanden haben.

Ende September 2004 will die Stadt Hamburg auf ihrer Website www.gebaerden.hamburg.de "Guido" dazu einsetzen, gehörlosen Internetnutzern Informationen zu Behördengängen zu geben. Dahinter steht die Vorgabe, dass Behörden gemäß dem Beschluss des Behindertengleichstellungsgesetzes von 2002 bis Ende 2005 ihre Onlineauftritte allen Behinderten barrierefrei zugänglich machen müssen. Will man alle Behindertengruppen berücksichtigen ist die Entwicklung solcher barrierefreien Websites zumeist aufwändig und kompliziert. Viele Ämter und Behörden scheitern bereits an den gesetzlichen Richtlinien. Insofern könnte "Guido" die Barrierefreiheit des Internet für Gehörlose vorantreiben und die Entwicklung barrierefreier Websites erleichtern.

Auf der Website der Universität Hamburg stehen einige Demos von "Guido" unter dem Projektnamen eSign zur Verfügung. Die Beschreibung erfolgt in englischer Sprache.


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