Internationale Aspekte / Nachhaltigkeit > Artikel
Artikel
Zugang für alle zu allen Websites Europas
IST-Results, Übersetzung Anne Bausch
Quelle: IST vom 07.10.04
Die Websites der Europäischen Union müssen für alle zugänglich sein, einschließlich der 37 Millionen Europäer mit einer Behinderung. Dies war ein Ziel des E-Europe-Aktionsplans von 2002, der forderte, dass die öffentlichen Websites bis Ende Dezember 2001 an die internationalen Richtlinien der Web Accessibility Initiative (WAI) angepasst werden sollten. Drei europäische Projekte spielten bei diesem Vorhaben eine entscheidende Rolle.
Alle Mitgliedstaaten haben diese Richtlinien angenommen. Die Einführung von Maßnahmen zur Sicherstellung der Barrierefreiheit im Web unterscheidet sich jedoch von Land zu Land. Die WAI-Richtlinien sind noch nicht überall eingeführt worden. Aber in den letzten Jahren sind die Richtlinien und die Notwendigkeit, sie zu befolgen, in Europa sehr viel stärker ins Bewusstsein gerückt.
Die WAI befindet sich unter dem Dach des World Wide Web Consortium (W3C), das mehr als 350 Mitgliedsorganisationen umfasst. Die Initiative arbeitet an der Verbesserung der Barrierefreiheit in Bereichen wie Technik, Richtlinien, Tools und Bildung.
Aber was heißt "Barrierefreiheit"? "Es bedeutet die Gestaltung einer Website, die jeder bedienen und nutzen kann, ob jung oder alt. Menschen mit Behinderungen - sei es physisch, mental oder technisch - sollten ebenfalls von den Inhalten und Dienstleistungen der Websites profitieren können," erklärte Shadi Abou-Zahra, der europäische W3C-Experte für Barrierefreiheit.
Die Websites "sauber halten"
Der Inhalt einer Website sollte idealerweise ohne Probleme auf jedem Gerät - von Handy bis PC - und mit jedem Browser erscheinen. Um das zu erreichen, benötigte die Site eine "saubere Implementation" ihrer beiden Säulen: HTML (Hypertext Markup Language) für die Kontrolle der Struktur und Stylesheets für die Präsentation innerhalb von HTML. "Leider missbrauchen einige Leute die semantischen Elemente von HTML und erstellen eine Website, die zunächst gut aussieht, aber weniger barrierefrei ist," erklärt Abou-Zahra.
Die EU hat bei der Web Accessibility Initiative eine wichtige Rolle gespielt, da sie über ihre Forschungsrahmenprogramme drei Projekte förderte. Das größte Ziel der WAI-Projekte war es, in Europa das Bewusstsein im Hinblick auf Barrierefreiheit zu schärfen. Das Projekt 'Design for ALL' oder WAI-DA, ein Nachfolgeprojekt des früheren WAI-DE, dessen Ziel die Verbesserung der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen war, konzentrierte sich auf die Ausweitung der Barrierefreiheit des Internet in EU-Mitgliedstaaten und unterstützte und begleitete die bei der WAI im W3C durchgeführte Entwicklung von Technik und Richtlinien. Das darauf folgende Projekt, WAI-TIES, mit einer Laufzeit von drei Jahren hat ein ähnliches Ziel und läuft nun im Rahmen des IST-Programms. Dieses neue Projekt konzentriert sich ebenfalls auf Aktivitäten in den Bereichen Ausbildung, Bildung und Implementierung in europäischen Zusammenhängen.
Zur Erhöhung des Bewusstseins von der Barrierefreiheit gab WAI-DA ein elektronisches Mitteilungsblatt heraus. Es wurde im Nachfolgeprojekt weitergeführt und erreicht Organisationen in der gesamten EU, auch in den neuen EU-Mitgliedstaaten, die im Mai 2004 hinzukamen, die sich mit Behinderungen, politischen Maßnahmen und Softwareentwicklung beschäftigen. Ein typisches Bulletin enthält Nachrichten und Informationen über Möglichkeiten, barrierefreie Websites zu planen, gestalten und entwickeln und gibt Links auf detaillierte Dokumente auf der WAI-Website an.
Die WAI hat drei Sätze von Barrierefreiheitsrichtlinien für Leute, die Internetsites entwickeln und betreiben, erstellt. "Diese Richtlinien - für Webinhalte, Entwicklungswerkzeuge und User Agents - sind wichtig und müssen gut zusammenpassen. Durch das Projekt WAI-DA lernen viele europäische Website-Entwickler sie kennen," erläutert Abou-Zahra.
Laut WAI-Direktorin Judy Brewer befasste sich das Projekt auch mit der unzutreffenden Wahrnehmung in einigen EU-Mitgliedstaaten, die WAI sei einseitig auf die USA ausgerichtet und in die Richtlinien zur Barrierefreiheit sei kein Input aus Europa eingeflossen. "Die Qualität unserer Arbeit beruht auf der Unterschiedlichkeit der Perspektiven und wir wünschen uns, dass viele sich die WAI-Richtlinien zu eigen machen," erklärt sie. "In Europa führte dies zur Organisation von zusätzlichen Treffen dort zu Überprüfungen und Arbeitsgruppen; dies erhöhte die Teilnahme von EU-Akteuren."
Entwicklungswerkzeuge
Jeder kann eine barrierefreie Website erstellen, indem er kommerzielle Entwicklungswerkzeuge nutzt und die WAI-Richtlinien beachtet. Brewer empfiehlt die Verwendung von Werkzeugen, die den Authoring Tools Accessibility Guidelines (ATAG) der W3C/WAI entsprechen, da sie für Website-Entwickler mit Behinderungen besser zugänglich sind und auch die Erstellung von barrierefreien Websites besser unterstützen. Entwicklungswerkzeuge, die den ATAG entsprechen, können z.B. einem Website-Entwickler helfen, eine Audio-Datei mit Untertiteln zu versehen, mit dem die Geräusche oder Musik für diejenigen erklärt werden, die sie nicht hören können. Oder sie können Textäquivalente für Bilder bereitstellen.
Das WAI-DA-Projekt beschäftigt sich mit der Anpassung von Websites bzw. der Neugestaltung von vorhandenen Systemen. Das bedeutet, Websites werden evaluiert, beispielsweise unter Verwendung einer Folge von Hilfsmitteln, die von verschiedenen WAI-Arbeitsgruppen entwickelt wurde. Auf Bitten der Europäischen Kommission hat das Projekt verschiedene Europa-Seiten - von Regierungen, NROs und Medien - evaluiert. Es gibt verschiedene Wege, eine Website zu evaluieren; man kann z.B. damit austesten, wie Bilder und Texte von verschiedenen Browsern dargestellt werden.
Das Projekt verfügt darüber hinaus über eine wachsende Datenbank von mittlerweile über 30 Evaluationstools. Diese Tools beschreiben, welche Tests bei einer Website durchgeführt werden können und wie man die Ergebnisse dieser Tests auswertet. Einige der Arbeitsgruppen für die WAI-Richtlinien haben auch Checklisten erstellt, mit deren Hilfe man die Übereinstimmung mit den Webzugangsrichtlinien feststellen kann; es sind Dokumente mit den Techniken einschließlich Mustercode, die Website-Entwickler nutzen können. Zusätzlich entwickelt die für die Richtlinien für die Barrierefreiheit von Webinhalten zuständige Arbeitsgruppe eine Testreihe, um eine genauere Evaluation der Barrierefreiheit zu ermöglichen. Abou-Zahra betont jedoch, dass WAI-TIES selbst keine Software herstellt.
Ein weiteres Merkmal des Projekts ist die Betonung von Best Practices. An verschiedenen Orten Europas wurden einige Praxis-Workshops abgehalten, um Best Practices zur Barrierefreiheit zu verbreiten und auszutauschen.
Ein Plädoyer für Harmonisierung
Das WAI-TIES-Projekt hat seine Arbeit sorgfältig mit der der weltweit tätigen Standardisierungsgremien abgestimmt. "Harmonisierung ist ein großes Thema," erklärt Abou-Zahra, "denn kein Website-Entwickler kann all die verschiedenen in Europa gültigen nationalen Normen erfüllen, und Hersteller von Entwicklungstools haben Probleme damit, die Vielzahl von ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Richtlinien zu berücksichtigen. Die Europäische Kommission unterstützt die Harmonisierung der Anforderungen an Barrierefreiheit in Europa sowie die Entwicklung von gemeinsamen Methoden für die Evaluation der Konformität der Websites, um für alle Mitgliedstaaten vergleichbare Daten zu erhalten. Dies ist nach wie vor ein Ziel des Aktionsplans E-Europe 2005." Er fügt hinzu, dass viele europäische Organisationen die Barrierefreiheit ihrer Websites verbessern und die WAI-Richtlinien als Grundlage ihrer Arbeit verwenden. "Wir wünschen uns ein Verhältnis, bei dem beide Seiten profitieren, wobei mehr barrierefreie Websites für die Kunden besser verwendbar sind und mehr Endgeräte erreichen."
Mehr erfahren Sie unter:
http://istresults.cordis.lu/
Im Angebot der SDC seit 03.11.04
- Verwandte
Themenbereiche:
- Nachhaltigkeit, Internationale Aspekte, Mediennutzung durch Menschen mit Behinderungen / Aktivitäten für Menschen mit Behinderungen, Zielsetzung, Vorgehensweise zur Überwindung der Digitalen Spaltung