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Digital auf dem Lande - (Un)begrenzte Möglichkeiten?

Jutta Croll, Stiftung Digitale Chancen

Das Internet ist ein globales, weltweites Medium. Beim Zugriff auf die im web gespeicherten Daten ist es egal, ob der genutzte Rechner in New York, Hongkong oder auf den Malediven steht. Unterschiede bestehen allerdings bei der Netzanbindung, die auf Kosten und Übertragungsgeschwindigkeiten einen entscheidenden Einfluss hat. Schneller Netzzugang ist nicht überall verfügbar, und so sind es Deutschland gerade die ländlichen Regionen, in denen die Nutzer auf den breitbandigen DSL-Zugang verzichten müssen, wie die aktuelle Ausgabe des (N)Onliner Atlas belegt. Die im Frühjahr 2005 erhobenen Daten zeigen darüber hinaus, dass in den ländlich strukturierten Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt deutlich weniger Menschen online sind als im Bundesdurchschnitt. Dieses Bild findet sich auch in anderen Ländern Europas, insbesondere aber in den neuen Beitrittsländern der EU wie Polen oder Litauen.

Die Stiftung Digitale Chancen hat daher im Juni 2005 die Mitglieder der ERDE-Lernpartnerschaft im Sokrates/Grundtvig-Programm der EU zu einem Erfahrungsaustausch nach Berlin eingeladen. Bereits zum zweiten Mal haben sich damit im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Berliner Gespräche zur Digitalen Integration Expertinnen und Experten gemeinsam mit rund 80 geladenen Gästen mit der Frage der Internetnutzung unter der Bevölkerung ländlicher Regionen befasst. Am 20. Juni standen in Berlin die Entwicklung in verschiedenen Ländern Europas und die Chancen der Internetnutzung für die Erwachsenenbildung im Fokus des Interesses.

Wie in Deutschland, wo die Stiftung Digitale Chancen rund 7.200 öffentliche Internetzugangsorte in einer Datenbank verzeichnet hat, spielen derartige Einrichtungen auch in den anderen Ländern eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Internet in der Bevölkerung im ländlichen Raum. So gibt es z. B. in Ungarn eine Vielzahl von so genannten Telecottages, in denen Computer und Internet genutzt werden können. Nach Einschätzung des ungarischen Referenten, Prof. István Bessenyei von der westungarischen Universität Sopron werden die Potenziale allerdings bei weitem nicht ausgeschöpft und insbesondere die Angebote des E-Learning, die der Landbevölkerung einen chancengleichen Zugang zu Bildung und Wissen ermöglichen könnten, werden bisher zu wenig genutzt.

Während in Litauen und Polen die Infrastruktur im ländlichen Raum noch nicht in ausreichenden Maß vorhanden ist, um die weitere Internetverbreitung zu ermöglichen, sind es in Großbritannien häufig die Unkenntnis der Angebote und fehlende Medienkompetenz, die die Landbevölkerung von der Internetnutzung abhalten. Hier wie auch in Österreich werden Telezentren als ein geeignetes Instrument betrachtet, um die Menschen an das Medium heranzuführen und ihnen die Chancen, aber auch die Risiken zu verdeutlichen. So warnte David Wortley aus dem Dorf Lubenham in den East Midlands in Großbritannien davor, dass die unreflektierte Nutzung des digitalen Mediums zum Abruf von Dienstleistungen jeglicher Art auch zu einem weiteren Abbau bisher noch vorhandener Angebote im ländlichen Raum führen kann. Die Wachstumsraten des Onlinebuchhandels und die zunehmende Verbreitung des Online-Banking bedrohen heute bereits die kleineren Institutionen in den Filialnetzen des Buchhandels und Bankgewerbes.

Die Mitglieder der ERDE-Lernpartnerschaft, Organisationen aus Großbritannien, Litauen, Österreich, Polen, Slowenien und Deutschland haben während der zweijährigen Projektlaufzeit einen regen Austausch von Erfahrungen initiiert und verschiedene Einrichtungen in den Partnerländern besucht, um sich einen Eindruck von der Situation vor Ort zu machen. Gemeinsam ist allen die Erkenntnis, dass über das Instrument der Erwachsenenbildung ein wesentlicher Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung ländlicher Lebensräume geleistet werden kann: ERDE steht für European Rural Development by means of Education. Die Digitalisierung der Inhalte und das Internet als Transportmedium ermöglichen Formen der Erwachsenenbildung, die bisher die Bevölkerung im ländlichen Raum nur schwer erreichten. Über das weltweite Netzwerk können Wissen und Erfahrung ausgetauscht und so gemeinsame Problemlösungen gefunden werden. Zugleich werden durch sie Menschen befähigt, als Multiplikatoren zu fungieren und so ihr persönliches Erfahrungswissen vielen zugänglich zu machen.

Bevor diese Vision allerdings Wirklichkeit wird, ist es notwendig, den Prozess des Wissenstransfers zu gestalten und dafür geeignete Personen und Institutionen zu identifizieren. Die ERDE-Lernpartner haben dazu das Konzept des Regional Information Coachs (RIC) entwickelt. Regional Information Coachs fungieren vor Ort im ländlichen Raum als Mediatoren zwischen der (noch) technikfernen Landbevölkerung und den durch Techniknutzung zugänglich gemachten Inhalten und Informationen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, benötigen Regional Information Coachs sowohl eine fundierte Ausbildung im Umgang mit Computer und Internet als auch einen persönlichen Erfahrungsschatz in einem für das Leben auf dem Lande relevanten Inhaltsbereich sowie die Fähigkeit, die adressierten Bevölkerungsgruppen in ihrer Sprache anzusprechen.

Die Bevölkerung im ländlichen Raum ist im Hinblick auf Alter, Bildung und Geschlecht eine inhomogene Gruppe. Über Ländergrenzen hinweg ist den dort lebenden Menschen aber die Konfrontation mit vergleichbaren Problemlagen gemeinsam: Abbau von örtlichen Infrastrukturen, geringes Arbeitsplatzangebot, mangelnde Bildungseinrichtungen und unzureichende Verkehrsanbindung an die Metropolen. Die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien ist ein Mittel, um die Attraktivität des ländlichen Raums neu zu beleben, die Abwanderung der jungen Generation zu verringern und die Trennung von Lebens- und Arbeitsraum, die für eine Vielzahl von Pendlern Realität ist, zu überwinden. Damit dieses Potential der Informations- und Kommunikationstechnologien genutzt werden kann, ist die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen durch politisches Handeln und das Aufsetzen von Förderprogrammen ebenso erforderlich wie unternehmerisches Engagement zum Aufbau der technischen Infrastrukturen und zur Ansiedlung geeigneter Wirtschaftsbetriebe, die den ländlichen Raum nicht belasten, sondern stärken.

Referenten und Veranstalter der 1. Internationalen Berliner Gespräche zur Digitalen Integration




Mehr erfahren Sie unter:
http://www.digitale-chancen.de/berlinerG

Im Angebot der SDC seit 14.07.05 (jcr)

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Themenbereiche:
Nachhaltigkeit, Ländliche Regionen, Zielsetzung, Vorgehensweise zur Überwindung der Digitalen Spaltung, Infrastruktur




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