Brücken zu bauen, muss zu den natürlichen Beschäftigungen der Norweger zu gehören – angesichts der unzähligen Fjorde, die es in diesem Land zu überwinden gilt. Und so war es nicht verwunderlich, dass zum Auftakt des Sokrates/Grundtvig-Seminars in Bergen die Teilnehmenden aufgefordert wurden, gemeinsam aus Papier Brücken zu bauen, um die digitale Spaltung zu überwinden.
Die Vermittlung von Medienkompetenz als Inhalt von Maßnahmen der Erwachsenenbildung stand im Fokus des viertägigen Seminars, an dem vom 14. – 18. September 2005 rund 40 Gäste aus siebzehn verschiedenen Ländern teilnahmen. Gemeinsames Ziel war es, Projekte zu entwickeln, die im Rahmen des EU-Programms Sokrates/Grundtvig über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren hinweg gefördert werden und zusammenarbeiten.

Die Teilnehmenden waren mit unterschiedlichem institutionellen Hintergrund nach Bergen gekommen. Neben klassischen Einrichtungen der Erwachsenenbildung wie Volkshochschulen waren vorwiegend aus den skandinavischen Ländern auch öffentliche Bibliotheken vertreten. Sie haben einen sehr breit gefächerten Bildungsansatz und adressieren insbesondere auch diejenigen Erwachsenen, die eher bildungsfernen Schichten angehören und kaum Zugang zu Kursen oder sonstigen Weiterbildungsangeboten finden. Schnell kristallisierte sich in den Workshops heraus, dass die Digitale Integration in allen vertretenen Nationen diese Gruppe noch nicht erreicht hat. Selbst Länder wie Finnland oder Schweden mit einer Internetdurchdringung von rund 75 Prozent der Bevölkerung verzeichnen ein zu geringes Niveau der Medienkompetenz gerade bei den Bevölkerungsteilen, die auch sonst von sozialer Benachteiligung betroffen sind.
Gemeinsam entwickelten die Teilnehmenden des Seminars Strategien und Maßnahmen, um auf verschiedenen Wegen das Problem anzugehen.
Web on wheels

Web on wheels ist das Schlagwort des Internetbusses Netti-Nysse, der den Einwohnern von Tampere in Finnland die Schwellenangst vor den neuen Medien nehmen will. Nachbarschaftsgruppen, Clubs oder wer auch immer Interesse hat, kann den Bus kostenlos buchen und in das eigene Viertel beordern. Verbunden mit dem stadtweit verfügbaren Wlan ermöglichen die PCs im Bus den Zugriff auf alle Internetangebote. Ein Team von Mitarbeitenden des Busses hilft den Besucherinnen und Besuchern bei den ersten Schritten ins Web. Dafür wurde ein achtstündiges Anfängerprogramm entwickelt, das die Elemente 'Nutzung von Maus und Keyboard', Internet', 'E-Mail' und 'Onlinebanking' umfasst. Im Team sind Bibliothekarinnen ebenso vertreten wie ehemalige Bankangestellte, die hier eine neue Aufgabe gefunden haben.
"Wir schulen unsere Mitarbeitenden für den Umhang mit den Internetneueinsteigern", sagt Elina Harju, die Leiterin des Projektes. "Wichtig ist, dass sie eine Dienstleistungsmentalität mitbringen, nur technisch versierte Experten sind nicht unbedingt gute Lehrer für die ungeübten Anfänger, Geduld und Humor bleiben die wichtigsten der benötigten Eigenschaften."
Öffentliche Internetzugangs- und Lernorte
Wie der Internetbus von Tampere kann auch jede stationäre Einrichtung, die öffentlichen Zugang zum Internet anbietet, zum Lernort werden. Viele Bildungseinrichtungen kämpfen heute angesichts knapper öffentlicher Kassen um's Überleben, und Internet- und Medienkompetenzkurse werden oft als zusätzliche Belastung des Personals angesehen. Unvorbereitet sind die Mitarbeitenden kaum in der Lage, sich mit den neuen Angeboten zu beschäftigen und medienpädagogische Konzepte allein zu entwickeln. Aber gerade bei der Vermittlung von Medienkompetenz an Erwachsene spielt informelles Lernen eine entscheidende Rolle, und Einrichtungen, die sich damit auseinandersetzen und ihren Nutzerinnen und Nutzern entsprechende Angebote machen, können neue Aufgaben in der Bildungslandschaft übernehmen und so eine neue Legitimation und Anerkennung erlangen.
E-Learning als Instrument der Erwachsenenbildung
Für diejenigen Organisationen die sich an geübtere Nutzerinnen und Nutzer wenden, sind die Instrumente des E-Learning und Blended Learning besonders interessant. Auch dazu wurden im Rahmen des Seminars einige neue Ansätze entwickelt, die insbesondere darauf zielen, die Trainer und Tutoren mit den entsprechenden Aufgaben vertraut zu machen. Klassische Einrichtungen des Bildungswesens versuchen mit derartigen Angeboten neue Zielgruppen zu gewinnen. Andere Einrichtungen wie die 'Second Chance School of Serres' in Griechenland setzen darauf, durch fachübergreifende Bildungsangebote möglichst viele Menschen für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
Besondere Maßnahmen für besondere Zielgruppen
International versuchen inzwischen viele Erwachsenenbildungseinrichtungen, durch Medienkompetenzvermittlung besondere Zielgruppen wie Inhaftierte und ehemalige Straftäter zu erreichen. So fanden sich während des Seminars Johan Floean von der Erwachsenen-Schule in Trondheim und Vaidas Virsilas aus Klaipeda, Litauen mit anderen Kolleginnen und Kollegen zusammen, um ein Programm zu entwickeln, das ihrer Zielgruppe einen Weg in die Informationsgesellschaft eröffnet.
Best Practice der Medienkompetenzvermittlung
Wenn die in Bergen konzipierten Projekte im Sommer 2006 mit ihrer Arbeit beginnen, werden zunächst der Austausch von Erfahrungen und gegenseitige Besuche auf dem Programm der Partner stehen. In der Zusammenarbeit sollen dann Best-Practice-Beispiele der Medienkompetenzvermittlung identifiziert und verbreitet werden, so dass auch Bildungseinrichtungen in anderen Ländern von den Ergebnissen profitieren können. Die Stiftung Digitale Chancen wird ihre Erfahrungen mit öffentlichen Internetzugangs- und Lernorten und der Entwicklung von Curricula für Trainingsmaßnahmen in die Kooperationen einbringen.
Lesen Sie hier den
Artikel in englischer Sprache.