Die Domäne des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements ist der Verein. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 280.000 eingetragene Vereine. Mindestens jeder zweite Bundesbürger ist in einem Verein organisiert, die meisten sind sogar in mehreren Vereinen als aktives oder passives Mitglied registriert. Der Organisationsgrad liegt in Deutschland bei rund 60 Prozent, dabei sind deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Während ungefähr 75 Prozent der Männer einem Verein angehören, liegt der Grad bei Frauen nur bei rund 55 Prozent. Der typische Vereinsmeier ist aber nicht oder nicht nur ein deutsches Phänomen. Im europäischen Vergleich liegen Dänemark (86 %) und die Niederlande (75 %) erkennbar vor Deutschland. Angesichts einer derart hohen Erreichbarkeit der Bevölkerung über die Vereine erscheint es nur folgerichtig, deren Arbeit in die weiteren Schritte zur Erreichung der Digitalen Integration einzubeziehen.
Das Projekt OVO - Online Vereinsarbeit organisieren
In Baden-Württemberg und insbesondere im ländlichen Raum existiert eine große Vielfalt von Vereinen und Gruppen, die das soziale Leben in vielfacher Weise prägen. Im Rahmen des Projektes OVO soll durch Online-Tools zur Organisation von Vereinen und Gruppen das bürgerschaftliche Engagement gestärkt werden. Insbesondere sollen den Vereinen einfache Instrumente zur Anwendung partizipativer und demokratischer Entscheidungshilfen und -verfahren an die Hand gegeben werden. Das Projekt "Online Vereinarbeit Organisieren" ist ein gemeinsames Projekt der Alcatel SEL Stiftung, ISW Consult und der mimori technology group sowie der Städte Horb und Donzdorf und der Gemeinde Maselheim. Es wird gefördert im Rahmen des
Impulsprogramms doIT-regional durch das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg.
Praxis-Workshop im Kloster Horb
Am Samstag, 21. Januar trafen sich die Projektverantwortlichen gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der örtlichen Vereine zu einem ersten Praxis-Workshop im Kloster Horb. Auf der Tagesordnung standen die Beschäftigung mit grundsätzlichen Fragen der Vereinsorganisation und die Auseinandersetzung mit dem Problem der digitalen Spaltung innerhalb der Bevölkerung insbesondere im ländlichen Raum. In den drei beteiligten Modellgemeinden ist eine Vielzahl von Vereinen unterschiedlichster Zielsetzung und Ausrichtung anzutreffen. Jeweils rund zehn Prozent der Vereine sind bereits mit einer Website im Internet vertreten. Schaut man in den (N)Onliner Atlas 2005 so zeigt sich, dass die Zahl der Internetnutzer in Baden-Württemberg mit 57,2 % noch einmal deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 55,1 % liegt. Genügend Potential zur Nutzung der Online-Angebote von Vereinen sollte also vorhanden sein. Der (N)Onliner Atlas konstatiert allerdings auch eine nur um 50 % liegende Zahl von Internetnutzern in kleineren Gemeinden bis 5.000 Einwohner. Gerade hier sind aber die Vereine am stärksten vertreten und prägen das Bild der kommunalen Gemeinschaft.
Von allem ebbes
Die am Praxis-Workshop teilnehmenden Vereinsvertreterinnen und -vertreter schilderten zunächst, welche digitalen Möglichkeiten zur Kommunikation mit den Vereinsmitgliedern bisher bereits genutzt werden. Hier gibt es deutliche Unterschiede, die sowohl vom Vereinszweck und seiner Mitgliederstruktur als auch von den Ambitionen der Vereinsführung abhängig sind. Während für einen der örtlichen Traditionsvereine E-Mail nur bedingt als Kommunikationsmittel tauglich erscheint, wird dieser Weg von anderen Vereinen bereits intensiv genutzt. Selbst Vereinsmitglieder, die zu Hause über einen Internetzugang verfügen und mit einer E-Mail-Adresse bei ihrem Verein registriert sind, rufen nicht unbedingt regelmäßig ihre E-Mails ab und werden so häufig erst zu spät oder gar nicht erreicht. Eine SMS auf's Handy, die auf den Versand einer wichtigen Information per E-Mail verweist, wurde von den meisten Vereinsvertretern als eher lästig eingestuft. Die Sternfreunde Donzdorf nutzen allerdings gerade SMS, um sich schnell und spontan zur Beobachtung von Himmelsphänomenen zu verabreden. Alle Workshopteilnehmenden waren sich einig, dass die Kommunikation mit den Vereinsmitgliedern durch elektronische Medien deutlich vereinfacht und beschleunigt sowie auch kostengünstiger gestaltet werden könne. Allerdings müssten immer die Wünsche und Erwartungen der Vereinsmitglieder mit oberster Priorität berücksichtigt werden. Es könne zu vereinsinternen Auseinandersetzungen führen, wenn man einige Mitglieder
nur per E-Mail anspreche, während andere den als höherwertig empfundenen Brief auf dem Postweg erhielten. Insbesondere sei es wichtig, die vereinstypischen Kommunikationswege zu erkennen und auch bei den Internetanwendungen abzubilden. Nur so könne eine breitere Beteiligung der Vereinsbasis erwartet werden.
Und wer übernimmt die Würstchenbude?
Eine ganze Reihe von Vereinsvorgängen erscheinen durchaus geeignet, um künftig über das Internet realisiert zu werden. So sind die üblichen Aushänge am schwarzen Brett im Vereinsheim über das Internet schneller verbreitet, und die Planung von Arbeitseinsätzen beim Vereinsfest kann besser und effizienter online erfolgen. Uneins waren sich die Vereinsvertreter aber über die Verbindlichkeit, die die Eintragung in eine solche virtuelle Liste erzeuge. Für einige hat die soziale Verpflichtung, in der Vereinssitzung aufzustehen und eine Aufgabe zu übernehmen, dann doch das höhere Gewicht.
Virtuelle Vorstandswahl und Kandidatenkür
Das Internet bietet inzwischen - geeignete Tools vorausgesetzt - die Möglichkeit satzungskonforme Abstimmungen und Wahlen des Vereinslebens online durchzuführen. Dies hat die
Initiative D21 als erster eingetragener Verein in Deutschland im Dezember 2003 mit einer Onlinewahl der Vereinsvorstands gezeigt. Bei den in Horb anwesenden Vereinsvertreterinnen und Vertretern stieß allerdings auch diese Vorstellung auf unterschiedlichen Widerhall. Die Möglichkeit, sich bei bestimmten Sachverhalten schnell einen Überblick über das Meinungsbild der Vereinsmitglieder verschaffen zu können, wurde von den meisten positiv bewertet. Die Durchführung von Vorstandswahlen im virtuellen Raum können sich aber nur die wenigsten vorstellen, wenngleich es "scho' spannend wär, zu sehen, was dabei herauskäme", wie es ein Vereinsvorstand formulierte.