Die jungen Leute der DotNet-Generation sind politisch stärker involviert als man denkt - auf eine Weise, die Amerikas Politik ändern könnte.
Was macht die junge Generation? Sind die jungen Leute von heute apathisch und politisch inaktiv, wie ein gängiges Klischee vermutet? Sind sie zögerlicher als die vorherigen Generationen, sich in politischen Dingen und im öffentlichen Leben zu engagieren? Wie wird die amerikanische Politik aussehen, wenn sie schließlich ans Ruder kommen? Die Antworten fallen anders aus, als erwartet. Nicht nur gibt es Anzeichen für ein wachsendes Interesse der jungen Leute an den gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern das politische Engagement der heutigen Jugend ist in vielerlei Hinsicht ausgeprägt und markant.
Über wen reden wir überhaupt, wenn wir von der heutigen Jugend sprechen? Das ist nicht die Generation X'. Die jüngsten Mitglieder dieser Generation werden in diesem Jahr 30, und einige sind bereits über 40. Wir konzentrieren uns jedoch auf die nächste Generation, auf die im Teenager- oder Twen-Alter, die manchmal auch "Millenials", "Gen Y" oder "Generation Next" genannt werden. In der Studie des PEW-Center* werden sie wegen ihres hervorragenden Computerwissens als "DotNets" bezeichnet. Obwohl es keine deutliche Trennlinie zwischen einer Generation und der nächsten gibt, liegt eine Grenze bei ca. 1976. Die in und nach diesem Jahr geborenen Kinder wurden in den neunziger Jahren erwachsen und erlebten eine ganz andere soziale und politische Welt als die Generation X, deren prägende Jahre die achtziger waren.

In den letzten drei Jahrzehnten hat die Jugend sich tatsächlich von der konventionellen Politik zurückgezogen. Insbesondere die Wahlbeteiligung der jüngsten Bürger Amerikas ging über einen langen Zeitraum langsam zurück. In den meisten Wahlen, die seit der Zeit, als die 18- bis 20-Jährigen das Wahlrecht erhielten, durchgeführt wurden, ging die Wahlbeteiligung der jungen Amerikaner zurück und ist damit größtenteils für den Rückgang der Wahlbeteiligung in den USA in dieser Zeitspanne verantwortlich.
Junge Menschen zeigten ihr mangelndes Engagement am politischen Leben auch auf andere Weise. In Erhebungen des Pew Research Center in den letzten beiden Jahrzehnten stieg der Prozentsatz der jüngsten Alterskohorte, die einen vollständigen Mangel an politischem Interesse aufwies, von 12 % in den Jahren 1987/88 auf 24 % in den Jahren 2002/03. Ähnlich war es bei den Zeitungslesern: Während 1972 noch 47 % der jungen Erwachsenen täglich Zeitung las, fiel diese Zahl für die gleiche Altersgruppe auf 23 % im Jahr 2004. Die frühere Kohorte hat darüber hinaus das Zeitunglesen in gleichem Umfang beibehalten (sie sind jetzt zumeist über 50). Anscheinend ist das Zeitunglesen eine Gewohnheit, die man früh entwickelt. Wenn man in jungen Jahren damit angefangen hat, behält man es bei, aber wer nie eine Zeitung gelesen hat, wird sich auch später nicht mehr dafür interessieren.
Allerdings sind die Nachrichten nicht so schlecht, denn der Trend zu einer sinkenden Wahlbeteiligung kehrte sich im Jahr 2004 um. Von den wahlberechtigten Angehörigen der DotNet-Kohorte (Alter 18-29) wählten 49 %, ein Anstieg um 9 Prozentpunkte gegenüber 2000. Zwar liegen die jungen Leute immer noch hinter älteren Erwachsenen zurück, aber der Anstieg der Wahlbeteiligung der über 30-Jährigen lag auch nur bei bescheidenen 3 Prozentpunkten - von 65 auf 68 %.
Junge Leute waren auch in anderer Weise aktiv im Wahlkampf 2004 und entsprachen oder übertrafen damit die Baby-Boom-Kohorte bei einigen Wahlkampfaktivitäten wie z. B. beim Tragen von Anstecknadeln, Abzeichen oder bei Autoaufklebern, bei der Teilnahme an Kundgebungen oder dabei, andere in ihrer Wahlentscheidung zu beeinflussen.
Und die Aktivitäten während des Wahlkampfs sind nicht alles. Junge Leute sind auf verschiedene Weise im öffentlichen Leben aktiv, ohne dass dies in der Wahlstatistik zum Ausdruck kommt. Laut einer Pew-Studie von 2002 mit 3.246 Menschen - einschließlich 1.001 DotNets - engagieren sich viele in freiwilligen Aktivitäten ihrer Gemeinden und tragen dort zur Lösung lokaler Probleme bei. Noch mehr äußern ihre Meinung über öffentliche Angelegenheiten über das Internet und die konventionellen Medien.
Etwa vier von zehn DotNets geben an, sie hätten im vergangenen Jahr in irgendeiner Weise Freiwilligenarbeit geleistet, 22 % regelmäßig. Diese Zahlen entsprechen denen für andere Altersgruppen. Die jährliche Erhebung der UCLA bei College-Anfängern zeigte in den letzten 15 Jahren einen wachsenden Trend zu Freiwilligenarbeit.
Neben der Beteiligung an Wahlen versuchen Menschen sich zu einer Vielfalt von Themen Gehör zu verschaffen, und dies tun auch junge Leute. Die Pew-Erhebung zeigt, dass - verglichen mit den Angehörigen der Generation X und des Baby-Boom - realtiv viele der zwischen 15- und 25-Jährigen bei einer Zeitung oder einem anderen Nachrichtenmedium ihre Meinung ausgedrückt, eine Petition unterschrieben, an einer Protestaktion teilgenommen oder eine Firma oder ein Produkt aus politischen Gründen boykottiert haben. Junge Leute lagen nur, im Bezug auf Kontakt mit Amtspersonen hinter den älteren zurück; verglichen mit den Angehörigen der Baby-Boom-Generation haben nur halb so viele junge Leute im letzten Jahr eine Amtsperson angerufen, besucht oder angeschrieben (10 % gegenüber 20 %).
Kurz gesagt, das Klischee der politisch nicht engagierten jungen Generation stimmt nicht ganz. Es ist zwar schon seit längerem so, dass die jungen Leute bei der Wahlbeteiligung oder vielen anderen traditionellen Formen des politischen Engagements hinter den älteren liegen. Aber die Lücke zwischen den jüngeren und den älteren Bürgern verringerte sich 2004, und es gibt deutliche Zeichen, dass die jungen zunehmend andere Wege finden, um am öffentlichen Leben teilzunehmen - ein Engagement, dass sich im Laufe der Zeit vielleicht auf mehr Wahlbeteiligung und andere Wahlaktivitäten erweitert.
Welche Werte und Auffassungen bringen die Jungen von heute mit in ihr politisches Engagement? Wie werden diese Ansichten die amerikanische Politik und die politischen Maßnahmen beeinflussen, wenn die DotNet-Generation die verantwortlichen Positionen in der Regierung, im Geschäftsleben, in der Bildung und im gemeinnützigen Sektor übernimmt?

Die jungen Amerikaner sind bei vielen sozialen Themen liberaler als das Land insgesamt; dabei gibt es jedoch eine oder zwei überraschende Ausnahmen. Während sie allgemein den Regierungsaktivitäten positiver gegenüberstehen, betrachten sie auch die Geschäftswelt positiv. Im Hinblick auf die Parteien gibt es überzeugende Belege für eine Trennung der Generationen. Die jungen Leute von heute tendieren zu oder identifizieren sich viel stärker mit den Demokraten als mit den Republikanern, insbesondere im Vergleich mit der Generation X und den späten Baby-Boom-Zugehörigen, die heute zwischen 30 und 50 sind. Zum Beispiel gaben volle 51 % der 18-24-Jährigen in den Pew-Erhebungen der letzten anderthalb Jahre an, sie seien Demokraten oder tendierten dorthin. Nur 37 % sind Republikaner oder tendieren zu dieser Partei. Im Gegensatz dazu sind Republikaner und Demokraten bei den 40-44-Jährigen, die in den Regierungsjahren von Reagan erwachsen wurden, fast gleich stark vertreten (43 % Republikaner, 45 % Demokraten).
Tatsächlich spiegelt die Parteiausrichtung der DotNets heute die ihrer Eltern, von denen viele zu der ersten Hälfte der Baby-Boom-Kohorte gehören. Bei der Baby-Boom-Generation, die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre erwachsen wurden und jetzt zwischen 50 und 59 Jahre alt sind, ist die Identifikation mit einer Partei fast gleich wie bei den DotNets: 51 % demokratisch oder dorthin tendierend, 38 % republikanisch.
Insbesondere die Positionen zu sozialen Themen sind bei der jüngsten Generation ausgeprägt, vor allem bei Fragen wie der Homosexuellen-Ehe und Beziehungen zwischen den Rassen. Zum Beispiel ergab eine Pew-Erhebung im März, dass 58 % der 18-29-Jährigen dafür sind, dass Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen. In keiner anderen Altersgruppe war auch nur die Hälfte dafür. Ebenso ergab eine Pew-Umfrage vom Juli 2005, dass 48 % die Homosexuellen-Ehe befürworten, erheblich mehr als in jeder anderen Altersgruppe.
Diversity – die Unterschiedlichkeit der Mitglieder der Gesellschaft ist für die junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. In einer Pew-Erhebung von 2003 stimmten 68 % vollständig' damit überein, dass es in Ordnung ist, wenn Schwarze und Weiße sich miteinander verabreden'. Nur 42 % der Befragten über 30 waren dieser Meinung.
Aber die soziale Liberalität der jungen Menschen hört auf bei einem der Schlüsselthemen unserer Tage: Abtreibung. Nur 31 % der 18-29-Jährigen gaben an, dass Abtreibung generell erlaubt sein sollte. Bei den über 30-Jährigen waren 37 % dieser Ansicht.
Junge Amerikaner betrachten die Effizienz der Regierung und ihre Arbeit bei der Regulierung der Wirtschaft und der Hilfe für Benachteiligte generell positiver als ältere. In einigen Fragen sehen sie auch die Wirtschaft positiver. Junge Amerikaner stimmen auch eher als ältere dem Vorschlag von Präsident Bush zu, private Konten im Sozialversicherungssystem einzurichten.
Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass die Einstellungen der Jungen von heute später noch dieselben sein werden. Menschen ändern sich. Aber viele grundlegende Werte und politische Einstellungen werden im Laufe des Lebens gleich bleiben. Beispielsweise können wir immer noch deutlich sehen, welchen Einfluss die 60er und 70er Jahre auf die Parteienwahl der Baby-Boom-Generation hatten. Daher lohnt es sich zu überlegen, wie die Zukunft aussehen wird, wenn diese Gruppe junger Amerikaner das Land führt.
Angesichts des Anstiegs der Wahlbeteiligung der DotNets im Jahr 2004, ihres relativ hohen Niveaus an bürgerlichem Engagement und ihrer Bereitschaft, ihre Meinung der politischen Führung, den Medien und ihren Altersgenossen mitzuteilen, wird diese Kohorte von Amerikanern wohl kaum eine schweigende Generation sein.
* Scott Keeter, Direktor Umfrageforschung am Pew Center für the People & the Press, ist Ko-Autor von "A New Engagement? Political Participation, Civic Life, and the Changing American Citizen" (mit Cliff Zukin, Molly Andolina, Krista Jenkins und Michael X. Delli Carpini). Oxford University Press, Mai 2006.
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