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Nutzen der Telekommunikation im ländlichen Raum
Eberhard Sinner, CSU - Main-Spessart
Quelle: Internationale Herbsttagung - Bayerische Akademie ländlicher Raum – Leopold-Kohr-Akademie vom 22.10.99
In der Geschichte hat es - so Daniel Bell - in der Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, vier
Revolutionen gegeben:
Die Sprache war das Verständigungsmittel in der Zeit der Jäger und Sammler
Die Schrift ist das Mittel der Verständigung in der Agrargesellschaft und wurde auch
Fundament für urbane Gesellschaften.
Die Drucktechnik war kennzeichnend für die Industriegesellschaft und Voraussetzung für
schulische Bildung der Massen
Die Telekommunikationstechniken sind kennzeichnend für die postindustrielle
Informationsgesellschaft.
Jede Gesellschaft ist durch drei unterschiedliche Formen der Infrastruktur verknüpft:
Transport,
Energieverbund
Kommunikation
Jede dieser Infrastrukturformen hat für die Entwicklung von Arbeitsplätzen ganz entscheidende Impulse
gegeben. Das Gewicht der genannten Elemente verändert sich jedoch durch die Einführung neuer
Technologien ganz entscheidend.
Was ist Nutzen?
Nutzen ist sehr subjektiv auf den bezogen, der mit einem Medium wie der Telekommunikation umgeht.
Einer bereitet virtuell eine Reise vor und informiert sich auf den Spuren von James Joyce über die Pubs
in Dublin. Ein anderer sucht nach Kochrezepten über Bärlauch, ein Dritter findet im Internet sehr
schnell den 127. Psalm, ein Wallfahrtslied Salomos, das er zu mitternächtlicher Stunde für eine Rede
braucht. Definieren wir Nutzen einmal mit "more fun, more money".
Nutzen für ländliche Räume kann sich natürlich nicht in diesen banalen Beispielen erschöpfen. In der
Bewertung der Konkurrenzfähigkeit ist der ländliche Raum generell im Nachteil wegen seiner
Marktferne, wodurch hohe Transportkosten entstehen. Entwicklungsachsen entstehen in der Regel
an Transportachsen entlang von Flüssen, Bahnstrecken, Autobahnen.
Ein gravierender Nachteil des ländlichen Raumes ist die geringe Bevölkerungsdichte < 100 E/qkm.
Bei zurückgehender Bevölkerungszahl wird sehr schnell die kritische Masse für manche Einrichtungen
der Daseinsvorsorge, wie Schulen, Krankenhäuser unterschritten.
In der Energieversorgung hat die Elektrifizierung den ländlichen Raum schon in eine verbesserte
Wettbewerbsposition gebracht. Dennoch sind auch heute noch die Unterschiede im
Arbeitsplatzangebot zwischen städtischen und ländlichen Räumen beträchtlich.
Die Telekommunikation in allen ihren Formen kann Wettbewerbsnachteile des ländlichen Raumes
ausgleichen, ja sogar verlorenen Boden wiedergewinnen. Eine Trendumkehr erscheint möglich.
Der entscheidend technische Fortschritt ist dabei die Digitalisierung, die als carrier für Sprache,
Schrift, Bild und Ton = Multimedia nahezu ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat. Bits und Bytes sind
kleinste Bausteine aus deren unterschiedlicher Kombination die verschiedensten multimedialen
Produkte entstehen können, die mit nahezu unglaublicher Geschwindigkeit, die menschliches
Vorstellungsvermögen übersteigt, weltweit verfügbar sind.
Auch in der Natur sind kleinste Bausteine die genetischen Informationen, die in unendlichen
Kombinationsmöglichkeiten unterschiedlichste Geschöpfe hervorbringen. Ein Vergleich drängt sich auf:
Die künstliche Welt des Cyberspace folgt dem genialen Konstruktionsprinzip des Lebens in der realen
Welt.
Eine Vision für das nächste Jahrtausend verheißt uns:
Wir können von jedem Punkt der Welt mit unseren Produkten und Dienstleistungen an
jedem Punkt der Welt Konkurrenz machen, wir sind aber auch an unserem Standort der
weltweiten Konkurrenz ausgesetzt.
Allein die Produktion von Informationsgütern sowie die Verarbeitung und Verbreitung von
Daten könnte bald schon die halbe volkswirtschaftliche Wertschöpfung in den
postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften generieren
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home running your own business over the Internet or from your own kitchen table.
Wird dies Wirklichkeit?
Telearbeit
Die Bundesregierung berichtet über ein Projekt "Telearbeit im Mittelstand".
Für dieses Vorhaben wurde zusammen mit der Deutschen Telekom insgesamt 23 Millionen DM
ausgegeben. Überwiegend finanzierten die mittelständischen Betriebe selbst.
An dem Projekt haben sich rund 400 Unternehmen beteiligt. Es wurden 1700 Telearbeitsplätze
geschaffen, davon 500 völlig neue Arbeitsplätze! Dies zeigt, dass
Telearbeit einen ganz erstaunlichen, unvermuteten Zusammenhang mit der Schaffung von
Arbeitsplätzen hat.
Über zwei Drittel der Teilnehmer hatten keine Erfahrung im Umgang mit Telearbeit und 90% derjenigen,
die diese Projekte gestaltet haben, schätzen die Effekte als wirtschaftlich positiv ein. Telearbeit ist
kein Privileg von Frauen. Sie umfasst alle Altersklassen, alle Gruppen in der Gesellschaft
gleichermaßen: Über ein Drittel der Teilnehmer gehörten zum Management und fast zwei Drittel
verfügten über ein abgeschlossenes Studium.
Telearbeit führt zu einer drastischen Verringerung nicht notwendiger gesellschaftlicher Mobilität.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat einmal ganz mutig hochgerechnet und kommt auf eine
Einsparung von 10 Millionen Fahrtkilometern von 1700 Telearbeitern pro Jahr. Dies macht deutlich,
dass Telearbeit nachhaltig zu einer besseren Nutzung von Arbeitszeit und zu einer besseren
Umweltverträglichkeit von Wissensproduktion und unternehmerischer Tätigkeit beitragen kann! Eine
interessante und vielleicht auch wichtige Perspektive, die das Thema Transport beleuchtet und
Chancen aufzeigt, wie die damit bisher verbundenen Standortnachteile ländlicher Räume deutlich
vermindert werden könnten.
Ein zweites Projekt der Bundesregierung betrifft Telearbeit in der kommunalen Verwaltung. Wir
sind noch weit davon entfernt, diese flächendeckend eingeführt zu haben. Wir wissen, dass die
Kommunen noch große Fortschritte in diesem Bereich machen können. Bisher sind Maßnahmen, die
derartige Projekte betreffen, nur in 3% der Städte umgesetzt und erst in 28% der Städte geplant.
Das Bundeswirtschaftsministerium wird mit dem Programm "Datensichere Telearbeit in kommunalen
Verwaltungen" rund 50 Kommunen fördern. Dies soll durch einen Wettbewerb geschehen, maximal 50
% der Kosten trägt der Bund. Die Zuwendungen werden rund 60.000 DM pro Arbeitsplatz betragen.
Schon heute besitzen nach einer Studie des Bonner Empirica-Instituts 2,16 Mio. einen
Telearbeitsplatz. 20,9 Mio. sind an einem Telearbeitsplatz interessiert.
In einer Umfrage unter 7700 Beschäftigten wurden von den Telearbeitern vor allem der Gewinn an
persönlicher Freiheit als positiv herausgestellt.
Den höchsten Anteil an Telearbeitern hat Finnland mit 10,8 Prozent, EU-Durchschnitt ist 4,0.
Schlusslicht ist Irland mit 1,9%, D liegt mit 4,4 Prozent knapp über dem Durchschnitt.
In vielen Branchen wird in den nächsten Jahren ein deutlicher Anstieg der Telearbeitsplätze erwartet.
Damit steigen auch die Chancen der Bewohner ländlicher Räume. Entweder siedeln sich Betriebe auf
dem Land an oder das Arbeitsplatzangebot von Ballungsräumen wird für das Land verfügbar.
Neue Wertschöpfung und Arbeitsplätze
Der Vorstandsvorsitzende von Mannesmann Arcor, Harald Stöber, hatte 1992 für das Jahr 2000 eine
Kundenzahl von gut einer Million prognostiziert. Bereits heute hat das Unternehmen mehr als acht
Millionen Mobilfunkkunden.
Heute gibt es rund 75.000 offene Stellen in der gesamten Informationswirtschaft. Nach internationalen
Studien fehlen allein für Netzwerkqualifikationen bis 2002 in Deutschland 180.000 Fachkräfte.
Insbesondere an Informatikern besteht ein erheblicher Bedarf. Die Bundesregierung erwartet, dass bei
konsequenter Umsetzung ihres Aktionsprogramms, das am 20. September 1999 in Berlin
beschlossen wurde, bis zum Jahr 2002 insgesamt 350.000 zusätzliche Arbeitsplätze allein in der
Multimediabranche entstehen können.
1998 war nicht ohne Grund das Boomjahr für Neuanschlüsse ans Internet.
Ende 1998 hatten 7,5 Millionen Deutsche oder neun Prozent der Bevölkerung einen Internetzugang.
Und für dieses Jahr wird nach neueren Schätzungen mit einem kräftigen Zuwachs auf mindestens elf
Millionen gerechnet.
Durch den breiteren Internetzugang verbessern sich die Möglichkeiten für E-Commerce. In diesem
Markt wird ein Wachstum von derzeit 2,6 auf knapp 100 Milliarden Mark im Jahr 2002 erwartet.
Der Telekommunikationsmarkt ist aber mehr als ein bloßes Vehikel für die neuen Dienste. Er ist
selbst ein umsatzstarker und weltweit einer der dynamischsten Märkte. 1998 wuchs der weltweite
Markt für Telekommunikationsdienste Schätzungen zufolge um 12,4 Prozent und erreichte ein
Volumen von 1,4 Billionen Mark. Auf Deutschland entfielen hiervon rund 106 Milliarden Mark.
Rund 88 Milliarden Mark wurden mit dem Angebot von Telekommunikationsdienstleistungen
umgesetzt, weitere 16 Milliarden Mark für Telekommunikationsgeräte ausgegeben.
Bei den Telekommunikationsdienstleistungen machte mit knapp 46 Milliarden Mark der
Sprachtelefondienst im Festnetz den größten Anteil aus.
Mit Mobilfunkdiensten wurde ein Gesamtumsatz von 19 Milliarden Mark erzielt. Bis 2007 wird damit
gerechnet, daß rund 60 Prozent der Bevölkerung an das Mobilfunknetz angeschlossen sind.
Im Jahre zwei nach Marktöffnung wird sich der Umsatz mit Telekommunikationsdienstleistungen
gegenüber 1998 reduzieren.
Dies ist im Wesentlichen auf die Preissenkungen im Festnetzmarkt zurückzuführen.
Nach den massiven Preissenkungen im vergangenen Jahr wurden die Tarife 1999 nochmals um bis zu
50 Prozent zurückgenommen. Dieser Preiseffekt verbirgt jedoch die tatsächliche Dynamik des
Marktes.
Die Kunden werden gegenüber 1998 um gut fünf Milliarden Mark entlastet. Damit ist auch ein
wesentlicher Faktor, nämlich die Kosten für den ländlichen Raum als positiv abzuhaken.
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