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Der ländliche Raum und die Informationsgesellschaft- Trends, Fakten, Auswirkungen -

Eberhard Sinner, CSU Main-Spessart
Quelle: Internationale Herbsttagung Bayerische Akademie ländlicher Raum – Leopold-Kohr-Akademie vom 22.10.99

Deutschland soll Nummer 1 in Europa werden Um Deutschland einen Spitzenplatz im digitalen Zeitalter zu sichern, sollen durch die gemeinsamen Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft innerhalb der nächsten fünf Jahre nach dem Aktionsprogramm der Bundesregierung folgende konkreten Zielmarken erreicht werden. Beim Zugang zu den neuen Medien: Steigerung des Anteils der Internetabonnentinnen und -abonnenten an der Gesamtbevölkerung von 9 % im Jahr 1999 auf über 40 % im Jahr 2005. Im Bereich von Bildung und Ausbildung: Ausstattung aller Schulen mit multimediafähigen PC und Internetanschlüssen bis zum Jahr 2001; Ausweitung des Ausbildungsvolumens in den neuen IT-Berufen bis 2003 auf 40.000 Plätze; Steigerung des Fachkräfteangebots für qualifizierte IT-Aufgaben bis zum Jahr 2005 um weitere 250.000; Steigerung des Frauenanteils an IT-Berufsausbildungen auf 40 % und des Anteils der Studienanfängerinnen an Informatikstudiengängen auf 40 % bis 2005. Bei Anwendungen und Infrastruktur: Verdopplung der Zahl der Multimedia-Unternehmen bis zum Jahr 2001; Verdopplung des Anteils der Telearbeit bis 2003; Entwicklung neuartiger breitbandiger Mobilkommunikationssysteme mit Zugriffsmöglichkeit auf multimediale Dienste zu jeder Zeit an jedem Ort bis 2005; drahtloser Internetzugang ab 2002. Für die Modernisierung des Staates: Entwicklung einer IT-Strategie der Bundesregierung für die Informationsdienstleistungen der Bundesverwaltung bis zum Sommer 2000; breitenwirksamer Einsatz der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien in der öffentlichen Verwaltung; breite Einführung der elektronischen Steuererklärung im Bereich der Finanzverwaltung ab dem Jahr 2000; Einführung elektronischer Angebote und Vertragsabschlüsse im öffentlichen Auftragswesen ab dem Jahr 2001. Steigerung der Verbreitung und Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechniken in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft; Mobilisierung und Erschließung des gesamten verfügbaren Qualifikationspotentials von Frauen und Männern; Gewährleistung der Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen und gleiche Chancen von Männern und Frauen an der umfassenden Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechniken. Schutz der Menschenwürde, Schutz von Kindern und Jugendlichen, Schutz von Verbrauchern und des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Durchgängige Modernisierung schulischer und beruflicher Ausbildungssysteme. Erhaltung und Ausbau des hohen Niveaus in der Grundlagenforschung und in der Entwicklung neuartiger Anwendungen. Ausschöpfung der Potentiale, die mit der Entwicklung und Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien für eine ökologische Modernisierung verbunden sind. Ausbau der informations- und kommunikationstechnischen Infrastrukturen. Steigerung der Verbreitung innovativer Formen der Arbeits- und Unternehmensorganisation. Modernisierung des Staates durch umfassende Nutzung der Informations- und Kommunikationstechniken in allen Bereichen der öffentlichen Hand. Die Technik ist Schrittmacher Jeder dritte der weltweit 14,4 Mio. ISDN-Anschlüsse ist in D. Deutschland liegt mit ISDN-Anschlüssen 1998 bei 53 pro 1000 Einwohner weltweit an der Spitze. Es folgt F mit 26. Die USA ist mit 6 nicht besser als Spanien. Auch bei den Wissenschaftsnetzen liegt D in der Spitzengruppe. Das Deutsche Forschungsnetz (DFN) stellt eine flächendeckende Infrastruktur für Multimedia zur Verfügung. Die Weiterentwicklung ist das B-WIN das Breitbandwissenschaftsnetz, das auf der CEBIT 96 vorgestellt wurde. ATM-Technik - Asynchrone Transfer Modus - ermöglicht eine bessere Ausnutzung der Datenübertragung. 500 Einrichtungen hängen am B-Win mit dem 155 Megabit/s übertragen werden können. Der Ausbau des B-WIN zum G-Win im Gigabitbereich ist im Jahr 2000 vorgesehen. Dank Glasfaser und ATM wurden 1998 2,4 Gigabit erreicht. Europaweit ist das Trans European Network TEN-155 das Rückgrat der nationalen Wissenschaftsnetze. Zwischen den Kontinenten sind die Übertragungsraten gering "nur" 60 Megabit/s. Die weitere Entwicklung wird auch davon bestimmt sein, inwiefern die dritte Mobilfunkgeneration, das Universal Mobile Telecommunications System, kurz: UMTS, von der Bevölkerung angenommen wird. Mit UMTS steht uns ein Quantensprung in der breitbandigen mobilen Datenkommunikation bevor. Durch die breitbandigen Kanäle ermöglicht UMTS u.a. den ortsunabhängigen Zugang zum Internet. Überall können E-mails empfangen und versandt werden, ortsbezogene Infos abgerufen oder mobile Arbeitsgruppen gebildet werden. Auch das mobile Bildtelefon wird mit UMTS Realität. Mit dem Ausbau der Netze vergrößern sich die Chancen des ländlichen Raumes entscheidend. Die Initiative D21 Trotz dieser Voraussetzungen gibt es harsche Kritik: Herbert Kircher, Entwicklungschef von IBM Deutschland: "Die Politiker sehen keine Notwendigkeit, sich um das Internet zu kümmern". Doch nicht nur die Politik sitzt auf der Anklagebank: "Die zum Teil heute noch geringe Akzeptanz der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie ist in unserem Land ein gesellschaftliches Phänomen, an dem auch die Hochgebildeten unserer Gesellschaft nicht unschuldig sind. Gerade die Hochgebildeten stehen hierzulande der Technik als solcher mit besonders großen Vorbehalten gegenüber. Diese Gruppe tritt nicht selten eher als Bremser auf. Wer über etwas lamentiert, braucht sich schließlich nicht zu ändern. Doch Änderung tut not. Denn die weltweite informationstechnologische Vernetzung gibt dem sogenannten info age eine globale Dimension. Die aktive Nutzung von moderner Informations- und Kommunikationstechnologie in allen Bereichen unserer Gesellschaft entscheidet in Zukunft über viele neue und sichere Arbeitsplätze". Im internationalen Vergleich ist offensichtlich, daß Deutschland beim Übergang in die Informationsgesellschaft nicht zu den führenden Nationen zählt und sogar weiter an Boden verliert. Das zeigen einige wichtige Kennzahlen: Laut Fachverband Informationstechnik betrugen die Pro-Kopf-Ausgaben für Informations- und Telekommunikations-Technik (IuK) 1998 in der Schweiz 3.985 DM, in Dänemark 3.061 DM, in Schweden 2.994 DM, in Großbritannien 2.463 DM, in Frankreich 2.134 DM, in Deutschland nur 2.096 DM. Ein anderes Beispiel ist die Zahl der Internet-Nutzer. Nach Angaben des Fachverbandes Informationstechnik wird die Zahl der Internet-Nutzer in Westeuropa von 24 Millionen in 1997 auf über 66 Millionen im Jahre 2001 steigen. Aussagekräftiger sind entsprechende Prozentwerte der Internetnutzer im Verhältnis zu Einwohnerzahlen: 1998 lag Deutschland bei 9 %. Frankreich bei 13 %, Großbritannien bei 14 % und die USA bei 27 %. Diese Zahlen sollen bis 2001 auf ca. 20 % für Deutschland, 21% für Großbritannien, 21,5% für Frankreich und 40% für die USA steigen. Nach Herbert Kirchner fehlt in Deutschland eine übergreifende Strategie für den Übergang in das Informationszeitalter. Nach seiner Meinung gibt es bis heute keine passende Antwort auf die Frage, wie wir die Chancen der Informationsgesellschaft nutzen oder wie wir mit den Risiken umgehen. Deshalb hat IBM Deutschland branchenübergreifend die INITIATIVE D21 auf den Weg gebracht. Dem Gründungsaufruf haben sich mehr als 100 Chefs namhafter Unternehmen angeschlossen. Am 27. Juli 1999 wurde in Stuttgart die "Initiative D21 e.V." ins Leben gerufen. Neben IBM sind u. a. Alcatel SEL, AOK Baden Württemberg, Dresdener Bank, Hewlett Packard, debis, Siemens und Preussag vertreten. Zum Vorsitzenden wurde Erwin Staudt, Vorsitzender der Geschäftsführung von IBM Deutschland, gewählt. Der Ehrenvorsitz soll dem früheren Bundespräsidenten Roman Herzog angetragen werden. Zur Übernahme des Beiratsvorsitzes hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder bereit erklärt. D21 hat vier zentrale Ziele: 1.Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft entwickeln optimale Rahmenbedingungen für den Wandel ins Informationszeitalter. 2.Der Staat und seine Einrichtungen sind Vorbild bei der Nutzung moderner Technologien. 3.Bildung und Qualifikation sind Grundlage für Leben, Arbeiten und die Wertschöpfung in der Wissensgesellschaft. 4.Staat und Wirtschaft fördern die Akzeptanz von Technik und der neuesten Informations- und Kommunikationstechnologien. Auch die Akademie Ländlicher Raum in Bayern sollte sich überlegen, ob sie sich der Initiative D21 anschließt. Chancen für die Demokratie Zu Recht verweist Herbert Kircher auf die Chancen der Demokratie im Informationszeitalter. Vor 50 Jahren konnten in Deutschland die Printmedien, aber auch der Rundfunk, leicht kontrolliert werden, kritische Blätter wurden verboten und der Bevölkerung vorenthalten. Heute und in Zukunft kann über das World Wide Web jeder mit jedem kommunizieren und interagieren. Die Welt wird zum globalen Dorf, auf dessen Marktplatz Menschen aus allen Regionen der Welt zusammenarbeiten, Güter und Dienstleistungen produzieren, Handel treiben und Informationen austauschen. Dazu kommt die Möglichkeit via Satellitenantenne, Fernsehsendungen aus der ganzen Welt zu empfangen. Eine Diktatur ist Dank der modernen Informationstechnologie schon heute kaum noch in der Lage zu verhindern, dass sich die Bevölkerung aus den verschiedensten Quellen informiert, diese Informationen untereinander oder weltweit austauscht. Dies war auch eine der Voraussetzungen für den Fall der Mauer am 9. November 1989 und den anschließenden Verfall der kommunistischen Diktaturen, denen Reformdemokratien in Osteuropa folgten. Der Weg zur digitalen Demokratie entspricht einer politischen Vision, die von den Visionären (noch) nicht genügend getragen wird.


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