Veröffentlicht am: 16.10.07

Die Diffusion des Internets unter älteren Menschen in Deutschland - Sekundäranalyse des (N)Onliner-Atlas von 2002 bis 2007

Michael Doh, Netzwerk AlternsfoRschung (NAR), Heidelberg
Quelle: (N)Onliner-Atlas, TNS Infratest vom 16.10.07

Anhand von Sekundäranalysen aus der bundesweit größten repräsentativen Internetstudie, dem (N)Onliner-Atlas von TNS Infratest, werden folgend altersbezogene Ergebnisse zur Entwicklung der Internetnutzung und Ausmaß der Digitalen Spaltung' in Deutschland zwischen 2002 bis 2007 präsentiert.

Hintergrund
Seit der Freigabe des World Wide Webs (WWW) durch das Europäische Kernforschungszentrum CERN (Genf) im Jahre 1993, expandierte das Internet global in einer medien-historisch beispiellosen Weise. In Deutschland zählen mittlerweile über 60% zu den Onlinern'. Auch ältere Personen haben in den letzten Jahren das Internet entdeckt: So nahm z.B. bei den über 60-Jährigen der Anteil an Internetnutzern zwischen 2002 und 2007 von 10% auf 25% zu. Dennoch findet bis heute eine Adoption des Internets nicht in allen Bevölkerungssegmenten gleichermaßen statt. Insbesondere im höheren Lebensalter lassen sich anhand sozioökonomischer Faktoren, wie Bildungsstatus, finanziellen Ressourcen, Geschlecht und Berufsstatus deutliche Unterschiede im Adoptionsniveau beschreiben. Es besteht weiterhin eine digitale Spaltung' der Gesellschaft, die vor dem Hintergrund einer zunehmenden Digitalisierung des Alltags zu einer sozialen Exklusion' internetdistanter Gruppen führen kann.

Damit auch ältere Offliner die Möglichkeit bekommen, die Chancen und Potentiale dieses Mediums (Bildung, Information, Kommunikation, Partizipation, Kreativität, Selbstständigkeit) zu nutzen, bedarf es verstärkt bildungs- und wirtschaftspolitischer Maßnahmen.

Quelle: (N)Onliner-Atlas von TNS Infratest, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Initiative D21. Die Stichprobe umfasst Personen ab 14 Jahren. Jährliche Erhebung im Frühjahr. 2002 (N=30.318); 2003 (N=30.116); 2004 (N=30.096); 2005 (N=48.497); 2006 (N=50.718); 2007 (N=49.135).

Ergebnis 1: Diffusion der Internetnutzung nach Alter zwischen 2002 und 2007
Der Anteil an Onlinern nimmt mit dem Alter kontinuierlich ab. Während 2007 über 80% der 14-49-Jährigen das Internet nutzen, sind es bei den 60-69-Jährigen 35%, bei den über 80-Jährigen erst 7%. 25% der über 60-Jährigen sind Onliner; davon entfallen über drei Viertel auf Personen zwischen 60-69 Jahre und nur 3% auf Personen über 80 Jahre.

Abbildung 1: Entwicklung der Internetnutzung nach Alter, 2002-2007

Entwicklung
Anmerkung: Onliner = Nutzer des Internets, unabhängig von Ort und Grund der Nutzung. Nutzungsplaner = Nichtnutzer mit der Absicht, innerhalb der nächsten 12 Monate das Internet zu nutzen. Offliner = Nichtnutzer ohne Nutzungsplanung.

Mit dem Alter nimmt zudem die Kluft in der Internetadoption zwischen Männern und Frauen zu. Während z.B. 24% der 70-79-jährigen Männer das Internet nutzen, sind es nur 7% der Frauen. Ähnlich nimmt mit dem Alter die Kluft zwischen den Bildungsgruppen und Einkommensgruppen zu.

Abbildung 2: Internetnutzung nach Alter und Geschlecht, 2007

Internetnutzung

Ergebnis 2: Bundesspiegel 2007 für Onliner 65+
Der Bundesspiegel zeigt in welchem Bundesland der Internetanteil der über 65-Jährigen überdurchschnittlich (grün) bzw. unterdurchschnittlich (rot) ist. Er beschreibt ein Gefälle zwischen dem Nord-Westen und dem Osten und dem Süden Deutschlands. Ausnahmen sind Berlin und das Saarland mit überdurchschnittlichen Anteilen.

Abbildung 3: Bundesspiegel 2007 für Onliner 65, referenziert auf Bundes-Niveau

Bundesspiegel

Der zweite Bundesspiegel setzt den Internet-Anteil der älteren Menschen ab 65 Jahren in einem Bundesland zum Bundesland insgesamt (ab 14 Jahren) in Bezug. Er zeigt, dass in Bundesländern mit einem insgesamt niedrigem Internet-Diffusionsniveau das Internet-Diffusionsniveau älterer Menschen noch deutlicher ausgeprägt ist als in Bundesländern mit relativ hohen Internetanteilen

Abbildung 4: Bundesspiegel 2007 für Onliner 65, referenziert auf Länder-Niveau

Bundesspiegel

Ergebnis 3: Verlauf der Digitalen Spaltung' zwischen 2002 und 2007
Um das Ausmaß der digitalen Spaltung' in Deutschland zu bestimmen, wurde ein Internet-Index berechnet, der die Diffusionsanteile in vier Risikogruppen' zu denen in der Gesamtbevölkerung in Beziehung setzt: ältere Menschen (ab 65 Jahren), formal niedrig Gebildete (Volks-, Grund-, Hauptschule), Einkommensschwache (<1.500€ HH) und Frauen. Das Mittel aus den vier Indexwerten der Risikogruppen' beschreibt den Grad der digitalen Spaltung'.
Ergebnis: Es zeigt sich, dass im Verlauf die kumulierte Benachteiligung der Risikogruppen zur Gesamtbevölkerung allmählich kleiner wird (Internet Divide Index 2002: 53 zu 2007: 65). Auch die Gruppe der älteren Personen holt im Vergleich zum Bundesmittel auf (Indexwert 2002:16 zu 2007: 32); allerdings bleibt diese Personengruppe deutlich hinter allen anderen Risikogruppen' zurück.
Tabelle 1a: Verlauf der Digitalen Spaltung' zwischen 2002 und 2005

Verlauf
Tabelle 1b: Verlauf der Digitalen Spaltung' zwischen 2006 und 2007

Verlauf

Abbildung 5: Verlauf der Digitalen Spaltung' zwischen 2002 und 2007

Verlauf

Ergebnis 4: Veränderung der Relevanz der Prädiktoren von 2002 bis 2007
Die relative Bedeutsamkeit der beschriebenen vier Prädiktoren für die Internetdiffusion wurde in einem ersten multivariaten Analyseschritt im Verlauf von 2002 bis 2007 geschätzt.
Ergebnis: Trotz einer Zunahme der Internetadoption um fast 20 Prozentpunkte, behalten die Prädiktoren Alter, Geschlecht, Bildungsstand und monatliches Haushalts-Nettoeinkommen ihre Relevanz bei und verfügen weiterhin über ein Konkordanzmaß von über 80%. Die konstant und mit großem Abstand bedeutsamste Determinante ist in diesem Modell das Alter: Die Wahrscheinlichkeit dass Personen unter 49 Jahre zu den Onlinern zählen, ist stets um mindestens das 16-fache höher als bei Personen ab 65 Jahren. Aber auch der Bildungsstatus und die finanziellen Ressourcen sind außerordentlich bedeutsame Prädiktoren mit Odds Ratios von über 4.

Tabelle 2: Veränderung der Relevanz der Prädiktoren von 2002 bis 2007

Veränderung
Anmerkung: Berichtet werden die geschätzten Odds-Ratio-Werte für die Einzelprädiktoren wie auch der Anteil übereinstimmender Vergleiche von vorhergesagten und beobachteten Internetnutzern als Gesamtmaß der Vorhersagegüte des Modells (Konkordanzmaß). Odds-Ratio-Werte über 3,0 sind grün hervorgehoben.
Anmerkung: Bildungsstatus: niedrig = Volks-, Grund- und Hauptschule; mittel: weiterbildende Schule ohne Abitur; hoch: Abschluss von Abitur, FH, Studium; HH-Nettoeinkommen im Monat: niedrig: < 1.500 €; mittel: 1.500€ bis < 3.000€; hoch: > 3.000€.

Ergebnis 5: Prädiktoren differenziert nach Altersgruppen für 2007
In einem weiteren multivariaten Analyseschritt wurden für 2007 die relativen Einflussfaktoren in verschiedenen Altersgruppen – querschnittlich - geschätzt.
Ergebnis: Im Alters-Querschnitt nimmt die Anzahl und Bedeutung der einzelnen Prädiktoren zu. Während bei den unter 49-Jährigen hauptsächlich eine hohe formale Bildung zur Unterscheidung zwischen Onlinern und Offlinern beiträgt, diskriminiert bei den älteren Personen auch der Berufsstatus, das Haushalts-Nettoeinkommen und das Geschlecht. Vor allem ob jemand noch berufstätig ist, ist ab 70 Jahren für die Wahrscheinlichkeit einer Internetnutzung relevant. Tatsächlich sind in diesem Alterssegment von den 2% noch Berufstätigen 43% Onliner (Ø 70+: 13% Onliner).

Tabelle 3: Prädiktoren differenziert nach Altersgruppen für 2007

Prädiktoren


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