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Aus ganz Deutschland haben sich im September im Familienerholungszentrum in der Wuhlheide Expertinnen und Experten zusammengefunden, um zu erörtern, wie eine bessere Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund an der Informationsgesellschaft erreicht werden kann und welche Kompetenzen dazu erforderlich sind.
Das Kompetenzzentrum Technik, Diversity, Chancengleichheit aus Bielefeld, das für die Veranstaltung verantwortlich zeichnet, stellte erste Ergebnisse einer Bestandsaufnahme vorliegender Primär- und Sekundärstudien zur Onlinekompetenz von Migrantinnen und Migranten vor.
Seit das Statistische Bundesamt mit dem Mikrozensus 2005 erstmals eine neue Erhebungsmethode anwendete, die über die Staatsangehörigkeit hinaus weitere Merkmale der Zuwanderung und des Migrationsstatus erfasst, kann der tatsächliche Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung in Deutschland erhoben und eine Differenzierung vorgenommen werden. Dadurch ist es möglich, die Gesamtgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund zu unterteilen in diejenigen ohne deutsche Staatsbürgerschaft (als Ausländer bezeichnet) und diejenigen mit deutscher Staatsbürgerschaft bei vorliegendem Migrationshintergrund (Aussiedler und Spätaussiedler, Eingebürgerte, Deutsche nach Ius-Soli-Regelung und Deutsche mit einseitigem Migrationshintergrund).
Studien zur Situation von Migrantinnen und Migranten in Deutschland haben damit eine neue Grundlage erhalten, auf der auch die erstmals vorgenommene Sonderauswertung des (N)ONLINER Atlas zu Internetnutzung und Migrationshintergrund in Deutschland basiert. Wie die bisherigen Studien bestätigen auch die Ergebnisse des (N)ONLINER Atlas, dass die Digitale Spaltung weiterhin entlang der Merkmale Bildung, Alter und Geschlecht verläuft. Im Rahmen der 52.503 Interviews, die für den (N)ONLINER Atlas 2008 durchgeführt wurden, äußerten 9,1 % der Befragten, dass sie selbst über Migrationserfahrung verfügen, bei 6,2 % der Stichprobe ist zumindest ein Elternteil nach Deutschland migriert. Während das Durchschnittsalter der Befragten des (N)ONLINER Atlas ohne Migrationshintergrund bei 48,9 Jahren liegt, ist die Migrantenstichprobe deutlich jünger, 39,5 Jahre bei eigener Migrationserfahrung und 38,4 bei Migrationserfahrung der Eltern. Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis, dass die Internetnutzung der Menschen mit Migrationshintergrund, die hier befragt wurden, höher ist als bei der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund, nicht erstaunlich, denn die Korrelation von Alter und Nichtnutzung ist durch den (N)ONLINER Atlas belegt. Während von den Befragten ohne Migrationshintergrund 64,3 % zu den Onlinern zählen, sind dies bei denjenigen mit eigener Migrationserfahrung 66,8 % und bei Migrationserfahrung der Eltern 75,3 %. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass bei der telefonischen Befragung nur diejenigen Migrantinnen und Migranten zu Wort gekommen sind, die über ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen.
Die Teilnehmenden der Fachtagung betonten dementsprechend die Notwendigkeit, gerade denjenigen Gruppen unter den Migrantinnen und Migranten besondere Aufmerksamkeit zu widmen, über deren Internetnutzungsverhalten und Online-Kompetenz nur wenige Erkenntnisse vorliegen. Durch Vorträge und Diskussionsrunden näherte man sich am Donnerstag der Aufgabenstellung, die am Freitag in zwei Workshoprunden zu bearbeiten war. Dabei ging es darum, differenziert nach Alter, Geschlecht und Herkunft den Nutzen des Internet für die jeweilige Gruppe herauszukristallisieren, Hindernisse aufzuzeigen und Handlungsempfehlungen zu formulieren. Diese Differenzierung in Teilgruppen erweist sich nach Ansicht der Expertinnen und Experten als sinnvoll, da die verschiedenen Gruppen in unterschiedlicher Weise von der Internetnutzung profitieren können und gleichzeitig einen ganz individuellen Förderungsbedarf haben. Nur spezifische Angebote, die sich an den Bedürfnissen der Teilgruppen orientieren, können langfristig zum Erfolg führen. Während Maßnahmen für Kinder und Jugendliche an deren Interesse für Medien anknüpfen können, ist für die Eltern eine Sensibilisierung hinsichtlich der Chancen und Risiken des Internet erforderlich. Für Seniorinnen und Senioren steht die Motivation zur Nutzung an erster Stelle, dies kann ebenso die Kommunikation mit dem Herkunftsland wie der Wiedereinstieg in das Lernen durch passende Bildungsangebote sein.
Geschlechterunterschiede im Nutzungsverhalten können auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. Frauen sehen unabhängig von ihrer Herkunft einen geringeren Anreiz darin, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Bei vielen Angeboten bleibe der Ertrag der Nutzung unklar, so die Expertinnen, die zugleich aber auch eine Qualifizierungschance für Mädchen durch das Internet sehen. Mit bisherigen Maßnahmen zur Vermittlung von Medienkompetenz wurden zumeist mehr weibliche als männliche Teilnehmende erreicht; Frauen sind in der Regel eher bereit, Kurse und Lernangebote anzunehmen. Hier bedarf es neuer Strategien, zu denen auch die Einbeziehung von Medienpädagogen, die selbst über Migrationserfahrung verfügen, gehört, denn man kann erwarten, dass dadurch die Bedürfnisse der Zielgruppen besser adressiert werden können.
Im Hinblick auf die Herkunft der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund und deren Online-Nutzungsverhalten zeigen sich deutliche Unterschiede. So verfügen z. B. italienischstämmige Menschen in Deutschland weder in der Offline- noch in der Onlinewelt über eine ausgeprägte Community, wie sie für die Menschen aus der Türkei und diejenigen aus der ehemaligen Sowjetunion selbstverständlich ist. Bei den Letzteren erschwert allerdings die Heterogenität der Gruppe das Bilden von Gemeinschaften. Gerade Portalen für kleinere Teilgruppen kommt daher eine besondere Bedeutung zu. Solche Angebote zu fördern wird als staatliche Aufgabe angesehen, da hier vielfach eine intensive Beratungsleistung erbracht wird, die eigentlich in der Verantwortung der Behörden und Wohlfahrtsorganisationen des Aufnahmelandes liegt.
Angesichts der für alle Migrantengruppen festgestellten Korrelation von Bildungsniveau und Teilhabe an der Informationsgesellschaft, betonten die Expertinnen und Experten die öffentliche Verantwortung, den Zugang zu Bildung und Medienkompetenz für alle gesellschaftlichen Gruppen sicherzustellen. Öffentliche Internetzugänge spielen dabei ebenso eine Rolle wie Bildungsangebote, die die Bedürfnisse der Zielgruppen berücksichtigen und diese dort abholen, wo sie stehen.
Integration sei nur möglich, so die Expertinnen und Experten weiter, wenn die Gesellschaft und die Medien in Deutschland sich interkulturell öffneten. Mit dem Appell, sich von einem defizitorientierten Blick auf die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund zu verabschieden und stattdessen Migration als Zeichen von Veränderungsfähigkeit zu begreifen, endete die Fachtagung.