Veröffentlicht am: 04.05.10

EuroDig 2010 - Europäischer Dialog zu Fragen der Internet Governance

Jutta Croll

Am 29. und 30. April 2010 kamen rund 300 Expertinnen und Experten aus Europa in Madrid zusammen, um im Rahmen des European Dialogue on Internet Governance - EuroDIG Fragen der Entwicklung und Regulierung des Internet zu erörtern. Ziel war eine aktuelle Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation auf europäischer Ebene sowie die Entwicklung von Impulsen für das Internet Governance Forum, das vom 14. - 17. 09. 2010 in Vilnius stattfinden wird.

Neben wirtschaftlichen Aspekten wie den Fragen nach dem ökonomischen Wert des Internet und nach innovativen Geschäftsmodellen wurde auch die Diskussion um die Netzneutralität wieder aufgerollt. Wer trotz der langwährenden Debatte mit dem Begriff nichts anzufangen wusste, dem half ein von der Diplo-Foundation produzierter Videoclip auf die Sprünge. Cyberkriminalität und Cloud Computing wurden ebenso behandelt wie globale Standards für den Datenschutz. Im Workshop 'Children and Social Media - opportunities and risks, rules and responsibilities' ging es am Freitagvormittag darum, wer die Verantwortung für Kinder übernehmen kann. Mit der zunehmenden Popularität von Sozialen Netzwerken im Internet gerade auch unter jüngeren Kindern, stellt sich die Frage, wie man sie an eine sichere und verantwortungsbewusste Nutzung heranführt und wer welche Aufgaben dabei übernehmen kann und muss.

Zwei junge Vertreterinnen des Finnish Children’s Parliament eröffneten die Diskussion und berichteten, dass das Internet in den Gesprächen mit ihren Eltern oft ein Thema ist: Ihre Mütter wüssten genau, was sie selbst im Internet und auf Facebook tun.

Anders Johanson, vom Schwedischen Regulierer PTS ging mit seinem Beitrag in die selbe Richtung und forderte Eltern auf, ihre Kinder nicht nur zu fragen "Wie war es heute in der Schule?" sondern auch "Was machst Du heute im Internet?" In seiner eigenen Familie sei es seit langer Zeit üblich, während des Mittagessens über die Onlinegewohnheiten und erlebnisse zu sprechen.

Jutta Croll, Stiftung Digitale Chancen, ging mit ihrem Statement noch etwas weiter "Kinder auf dem digitalen Abenteuerspielplatz zu begleiten, ist eine Erziehungsaufgabe in der Informationsgesellschaft, die Eltern vor große Herausforderungen stellt. Zu allererst müssen sie verstehen, was das Internet für ihre Kinder bedeutet. Sie müssen selbst lernen, mit dem Internet umzugehen und wie man technische Unterstützung - z. B. durch geeignete Filtersoftware - und Gespräche mit den Kindern in Einklang bringt. Kinder unterscheiden heute nicht mehr zwischen ihrem Leben in der Realität und dem Internet. So lange Eltern das nicht nachvollziehen können, wird es schwierig sein, den Kindern als Ansprechpartner zur Seite zu stehen." Jutta Croll betonte, dass es wichtig sei, auch die Familien im Blick zu behalten, die nicht regelmäßig gemeinsam am Mittagstisch sitzen können, weil manchen Eltern die Zeit dazu fehlt und andere einfach kein Interesse am Internet haben.

Ana Luiza Rotta, eNACSO - European NGO Alliance for Child Safety Online, Copenhagen fügte hinzu, dass es eine Illusion sei, zu glauben, alle Eltern seien 'gute Eltern'. Es dürfe nicht sein, dass alle die Kinder, deren Eltern zu beschäftigt seien, um sich um die Onlinesicherheit ihrer Kinder zu kümmern, auf der Strecke blieben. Bei den Eltern müsse ein Bewusstsein für die Risiken geschaffen werden, gleichzeitig sind Unterstützungsangebote notwendig, um sie für einen angemessenen Umgang mit dem Thema zu befähigen.

Aus Moldawien wurde online die Frage in den Workshop übermittelt, wie man Eltern, die - wie für viele in Moldawien üblich - nicht an ihrem Wohnort tätig sind, darin unterstützen kann, trotzdem die Verantwortung für die Internetnutzung ihrer Kinder zu übernehmen.

Janice Richardson, INSAFE and European Schoolnet berichtete, dass das gleiche Problem aus Internatsschulen an sie herangetragen wurde. Auch dort sei es nicht möglich, eine Eins-zu-Eins-Gesprächsbeziehung mit den Schülerinnen und Schülern zu realisieren, wie sie im Idealfall Eltern ihren Kindern bieten könnten. In beiden Fällen sei eine Unterstützung erforderlich, die die besondere Situation dieser Kinder berücksichtigt.

María José Cantarino, Telefonica, Teachtoday.eu erklärte, welchen Beitrag die Wirtschaft leisten kann. Nicht nur gemeinnützige Organisationen, sondern auch Schulen und die Politik haben ihrer Ansicht nach eine Rolle zu spielen. Das von ihr vertretene Unternehmen hat bereits eine Menge getan und geht nun einen Schritt weiter, in dem es auch die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen im Wettbewerb sucht und die Anbieter Sozialer Netzwerke miteinbezieht. Man sei davon überzeigt, dass die derzeit festzustellende Digitale Spaltung zwischen den Erwachsenen und der jüngeren Generation einen großen Einfluss auf die Unterrichtssituation habe. Deshalb werde mit Teachtoday.eu ein Angebot bereitgestellt, um die Lehrer für ihre Aufgabe der Vermittlung von Medienkompetenz zu qualifizieren.

Nadine Karbach vom European Youth Forum wies darauf hin, wie wichtig es sei, Kinder fit zu machen für das Internet und ihnen dabei zu helfen, mit den Risiken und Gefährdungen selbst fertig zu werden.

Graham Ritchie, CEOP - Child Exploitation and Online Protection Centre, London lenkte die Aufmerksamkeit noch einmal auf die große Anziehungskraft, die soziale Netzwerke heute bereits auf jüngere Kinder ausüben. CEOP kümmert sich darum, wenn bei der Nutzung etwas schief läuft. Ritchie betonte auch noch einmal, dass die Wirtschaft und die Polizei ihre gemeinsame Verantwortung wahrnehmen müssten, um das Recht der Kinder auf Interneterfahrungen in einer ungefährdeten Umgebung sicherzustellen.

Yolanda Rueda, Fundación Cibervoluntarios berichtete über ein Internetsicherheitsprogramm, das von ihrer Organisation seit zwei Jahren durchgeführt wird. Das Programm mit dem Titel www.internetenfamilia.org setzt darauf, verschiedene Beteiligte - wie Schule und Familie, aber auch die örtliche Verwaltung miteinzubeziehen. In Workshops werden Gespräche mit Kindern geführt, wie sie soziale Netzwerke sicher und verantwortlich nutzen können.

Roberto Aparici, Universidad Nacional de Educación a Distancia (UNED), Spain hingegen empfahl, den Blick auf Lehrer als sogenannte Erziehungskommunikatoren (educommunicators). Sie müssten eine vermittelnde Rolle in der Interaktion und Kommunikation in Bildungsprozessen einnehmen. Dies sei unabhängig davon, um welche Medien es gehe. Zudem seien Kinder und Jugendliche heute sowohl Konsumenten als auch Produzenten medialer Inhalte, auch dies müsse in der Debatte berücksichtigt werden.

Aus dem Publikum wurde die Frage gestellt, inwieweit Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Filtersoftware vorliegen. Eltern und Erziehungsverantwortliche könnten durch valide Ergebnisse darin unterstützt werden, eine fundierte Entscheidung über den Einsatz derartiger Software auf Rechnern, die von Kindern benutzt werden, zu treffen, Sie könnten, wenn die Wirksamkeit der Software sichergestellt sei, durch die Nutzung ihrer Verantwortung für die Onlinesicherheit ihrer Kinder gerecht werden. Hier ist ein Verweis auf das SIP Benchmark angebracht. Die Europäische Kommission hat ein Konsortium, dem das Unternehmen INNOVA Europe, die Stiftung Digitale Chancen aus Deutschland und das Unternehmen Cybion aus Italien angehören, damit beauftragt, technische Instrumente der elterlichen Kontrolle auf ihre Wirksamkeit und Nutzbarkeit zu überprüfen. In den nächsten drei Jahren werden in einem Halbjahresrhythmus jeweils 30 Produkte auf ihre Tauglichkeit getestet; mehr Information zu diesem Projekt finden Sie unter www.digitale-chancen.de

Yuliya Morenets, TaC - Together against Cybercrime führte die Debatte zurück zum jugendlichen Onlineverhalten und regte an, eine Kultur der Cybersicherheit unter jungen Menschen zu fördern. Dabei sollten auch Jugendliche mit Migrationshintergrund als eine besonders gefährdete Gruppe einbezogen werden.

Die Jugendliche vom Finnischen Children's Parliament betonte, dass es wichtig sein, Kinder und Jugendliche zur Nutzung des Internet zu ermutigen, da es ihnen eine gute Möglichkeit bietet, sich gesellschaftlich zu beteiligen.

Auch Javier Garcia, der den Madrider Ombudsmann für Kinder vertritt, forderte, Kinder und Jugendliche in die Entscheidung über Sicherheitsmaßnahmen, die ihre Privatsphäre, den Datenschutz und die Nutzung sozialer Netzwerke betreffen, miteinzubeziehen.

Georgios Kipouros vom European Youth Forum appellierte dringlich, jetzt endlich zu handeln und nicht weiter nur über Onlinesicherheit von Kindern und Jugendlichen zu reden. Nach seiner Ansicht habe die Politik seit mehr als 10 Jahren nur abgewartet und nun sei man kurz davor, eine weitere Generation zu verlieren.

Abschließend betonte Narine Khachatryan, Media Education Center, Armenia die positiven Seiten des Internet. In ihrem Land, das sich gerade erst von totalitären Medien befreit habe, mache die Bevölkerung häufig aus Angst vor Risiken keinen Gebrauch vom Internet. Damit würden die Chancen auf Kommunikation, Bildung und freie Meinungsäußerung, die das Internet bieten, vertan.

Ein Zitat von María José Cantarino, Telefonica, fasst die Ergebnisse des Workshops, dessen Titel die Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken, aber auch Regeln und Verantwortung forderte, treffend zusammen:

"Die zunehmende Konvergenz von Diensten und Plattformen stellt uns vor neue Herausforderungen im Bezug auf Sicherheit, Privatsphäre und Inhalte, die die Nutzerinnen und Nutzer in gleichem Maße betreffen wie die Diensteanbieter. Die größte Herausforderung besteht darin, eine stabile Balance zu finden zwischen den Vorteilen, die Informations- und Kommunikationstechnologien in unser Leben bringen, und der Angst vor den Risiken, die mit einem Missbrauch einhergehen. Kinder müssen stark gemacht werden, damit sie lernen, mit Risiken in der Realität ebenso fertig zu werden wie mit denen in der virtuellen Welt. Dazu ist es auch notwendig, Eltern und andere Erziehungsverantwortliche fit zu machen. Um das zu erreichen, bedarf es der Anstrengungen aller Beteiligten: Regierungen, Institutionen, Wirtschaft, gemeinnützige Organisationen, Eltern, Erziehungsverantwortliche und natürlich auch Kinder und Jugendliche selbst.

Für das nächste Internet Governance Forum ist die Hauptbotschaft dieses Workshops, alle Beteiligten in die Entwicklung einer zwischen den Chancen und Risiken ausbalancierten Strategie einzubeziehen. Diese Strategie sollte auch einen ausgewogenen Umgang mit dem Recht von Kindern auf eine eigene Privatsphäre einerseits und der Wahrnehmung der Aufsichtspflicht durch ihre Eltern andererseits berücksichtigen, ein Aspekt, der bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Schließlich bietet das IGF eine hervorragende Plattform, um viele Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Bereiche zusammenzubringen. Aber es ist auch eine Erkenntnis aus dem Workshop, dass sich die Diskussionen in Vilnius weniger um das in der Vergangenheit Erreichte, sondern vielmehr um die zukünftigen Maßnahmen drehen sollten, um - wie es einer der Workshopteilnehmer ausdrückte, "nicht eine weitere Generation von Kindern und Jugendlichen zu verlieren".

Den englischen Text finden Sie auf unserem Portal "Youth Protection Roundtable".


Mehr erfahren Sie unter:
www.eurodig.org/

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