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TELEKOMUNIKATION IN LÄNDLICHEN REGIONEN - MYTHOS ODER REALITÄT

Gerhard Berka, Verein zur Förderung gesellschaftlicher Innovationen durch neue Technologien
Quelle: telechance

Telekommunikation ist eines der meistgebrauchtesten Schlagwörter unserer Zeit. Will ein Politiker Modernität und Zukunftorientierung ausstrahlen, beschwört er die Telekommunikation: Setzen wir auf Telekommunikation und viele (wenn nicht alle) Probleme lassen sich lösen. Besonders die Politik in ländlichen Räumen zeigt große Anfälligkeit für den Slogan "Telekommunikation" als den Königsweg aus ihrer Benachteiligung. Was ist aber dran an dieser Telekommunikation? Zuerst eine Begriffsbestimmung: Unter Telekommunikation ist ein Bündel von Systemen zu verstehen, die alle Arten von Datenübertragung über Distanzen umfasst. Das reicht vom simplen Telefon bis zum Internet. Die technische Basis für die Datenübertragung bilden die Informations- und Kommunikationstechnologien (engl. Information- and Communicationtechnologies, kurz ICT). Wird Telekommunikation zu einem dominierenden ökonomischen Prinzip in der Gesellschaft, spricht man von der Informationsgesellschaft. Telekommunikation erzeugt nicht von ungefähr große Hoffnungen. Die Potentiale sprechen für sich: Telekommunikation kann unabhängig von Ort und Zeit eingesetzt werden. Der berühmte Standortvorteil wird bedeutungslos. Mit Telekommunikation kann man Arbeit zum Wohnort der Arbeitnehmer verlagert werden. Die Arbeit pendelt und nicht mehr der Mensch. Telekommunikation ist kostengünstiger als teure Bürostandorte und traditionelle Dienste (wie z.B. die Post). Betriebsabläufe lassen sich optimieren. Telekommunikation hebt die regionale Gebundenheit von Märkten auf. Selbst der Markt in der kleinsten ländlichen Region wird global. Diese Eigenschaften prädestinieren die Telekommunikation geradezu als wirtschaftliches Entwicklungsinstrument für ländliche Regionen. Tatsächlich fanden sich in den letzten Jahren genug Kommentatoren, die Telekommunikation als die große Chance beschworen. Zwei Beispiele aus der Flut von vielen: Franz-Reinhard Habbel, Experte für Informationstechnologien des deutschen Städte- und Gemeindebundes schreibt 1993: "Die Zukunft liegt im ländlichen Raum. Der Gegensatz von Stadt und Land wird obsolet.... Das Land wird zum Winner und die Metropolen zum Looser." Die Kommission selbst schreibt in ihrem Telework-Report 1998: "Telecommunications will help ... to create jobs and enable localities to promote a new set of comparative advantages (DG XIII)" Tatsächlich sieht die Realität anders aus. Im Ausbau der Infrastruktur bleiben die ländlichen Regionen hinter den städtischen Zentren zurück. Als Beispiel mögen hier die Erfahrungen des Autors dienen, der 1996 versuchte, ein Telekommunikationsprojekt im Süden des Burgenlandes zu organisieren. Es ging konkret um die Errichtung einer ISDN-Leitung durch die Post. Dieser Vorgang, der in Wien drei Tage benötigte, erforderte im Südburgenland drei Monate! Sechs Monate später wurde ein Telearbeitsversuch gewagt, der aber scheiterte. Grund: Die Post konnte den vorhandenen halben Telefonanschluß nicht innerhalb von zwei Monaten in einen vollständigen Anschluß umwandeln. Infrastrukturell erreicht das Burgenland erst jetzt jenen Standard, den Wien oder Graz bereits vor zwei Jahren besaßen. Noch schlimmer steht es um die Wirtschaft: Laut Studie der Wirtschaftskammer, kürzlich präsentiert, gehört die österreichische Wirtschaft zur Telekommunikations-Steinzeit. Die Hälfte der österreichischen Unternehmen benutzen E-mail, zweifellos ein Fortschritt. Doch 90% der Unternehmen sind aber der Meinung, dass ein Fax-Gerät genügt! Ebenso viele Unternehmen nennen zwar eine Homepage ihr eigen (erstaunlich hoch), doch wird sie praktisch nur als reine Präsentation benützt. E-Commerce bleibt ein Fremdwort. Die schlimmste Erkennntnis liegt darin, das sich die Telekom-Verweigerer eher am Land, denn in der Stadt finden. Die Realitäten lassen die Politik in den ländlichen Regionen in Richtung der Telekommunikation mit anderen Augen erscheinen. Es ist hier nicht der Platz, einen ausführlichen empirischen Beweis zu führen, aber das Land befindet sich immer noch im selben Rückstand zur Stadt, wie er schon immer bestanden hat. Bereits 1991 erschien eine Studie (Dörr/Karasz/Steszgal: Telematik im ländlichen Raum, Landwirtschaftliches Jahrbuch 5/91), die die Möglichkeiten von Telekommunikation für den ländlichen Raum untersuchte. Diese Studie kam zu folgenden Schlüssen: Die Entwicklungsrichtung wird von Großanwendern in Ballungsräumen bestimmt. Telekommunikation wirkt nicht als Trendsetter, sondern als Trendverstärker. Kommt es zu keinen wirksamen regionalpolitischen Maßnahmen, so wird der Unterschied zwischen Stadt und Länder anwachsen. Wenn man nur den Ausbau der technischen Infrastruktur bedenkt (von Internet-Technologien ganz zu schweigen), so hat das Burgenland kaum aufgeholt. Während in den Städten wie Wien und Graz Hochleistungsnetze zu Verfügung stehen, die jeden Haushalt erreichen, setzt sich im Burgenland der ISDN-Standard nur mühsam durch. Es geht nicht mehr darum, gleich zu ziehen, sondern nicht noch weiter zurück zu fallen. Wenn man dieses Faktum nicht akzeptiert, beginnt der Prozeß der Fetischierung. Hier setzt die Fetischierung der Technik ein, Technik wird zum Mittel: Telekommunikation wird zum Ersatz für eigene politische und wirtschaftliche Visionen. Natürlich ist es die Aufgabe von Politikern, Visionen zu entwickeln, um Perspektiven aufzuzeigen. Allerdings reduziert sich die Vision allzuoft auf die gängigen Schlagworte, beliebig austausch- und einsetzbar. Es genügt, aus den einschlägigen Publikationen die Zusammenfassungen zum Programm zu erklären (wobei im Kopf die jeweilige Region einzufügen ist). Telekommunikation wird zur Beschwörungsformel. Man predigt Telekommunikationsanwendungen und deren Einsatz, ohne die Rahmenbedingungen zu bedenken und einen konsistenten regionalen Entwicklungsplan auch nur in Angriff zu nehmen. Die oft diffizilen Zusammenhänge werden ignoriert (weswegen Politiker auch ihre Probleme mit nachhaltigen Wirtschaften haben). Dadurch wird Telekommunikation zu einem Zaubermittel. Wenn man lange genug den Fetisch Technik rituell beschwört (Wahlkampfveranstaltungen und Veranstaltungseröffnungen sind klassische Rituale der Politik), wird das Wunder schon kommen.


Im Angebot der SDC seit 17.09.01 (pko)

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Ländliche Regionen, Infrastruktur




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