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PC-Nutzer, Klasse Drei
Jörg Schmilewski , Süddeutsche Zeitung
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 04.08.01
PG-Nutzer, Klasse Drei
Staat und Verbände fördern den Computer-Führerschein als Qualifikationsnachweis – doch in Deutschland kennt man ihn kaum. Von Jörg Schmilewski
(SZ am 4.8.2001) Solide Computer-Kenntisse und Internet-Fitness: Das kann nachweisen, wer einen so genannten "Europäischen Computerführerschein" aus der Tasche zieht. Jedenfalls verspricht das eine Werbemitteilung des Cornelsen Verlags: Der hat nämlich eine siebenbändige Buchreihe zur individuellen Vorbereitung auf die Prüfungen herausgebracht.
Die Handbücher mit beiliegender CD-ROM beschäftigen sich mit den Grundlagen der Informationstechnik, mit Computernutzung und Betriebssystem-Funktionen, mit Word, Excel, Access, Powerpoint und mit der Nutzung des Internets. Genau die Bereiche, die beim Erwerb des Zertifikats abgeprüft werden.
EU-weite Werbung
Natürlich ist die "European Computer Driving License" (kurz: ECDL), wie das Zertifikat europaweit genannt wird, keine Erfindung des Cornelsen Verlags. Ebenso wenig hat ihn die Bildungsinitiative text&aktion erfunden, die sich seit Jahren für eine flächendeckende Einführung des Computerführerscheins einsetzt. Die Idee kommt vielmehr aus Skandinavien: Finnland war 1994 Vorreiter, und in Schweden hat der EDV-Führerschein mittlerweile die größte Verbreitung.
Inzwischen hat sich der Dachverband der europäischen Computergesellschaften die Idee zu eigen gemacht und wirbt in der gesamten EU dafür. In Deutschland ist die Dienstleistungsgesellschaft für Informatik (DLGI) der Lizenznehmer, der die Test-Zentren für die ECDL akkreditieren muss. Hier zu Lande fordern – seit dem vergangenen Jahr verstärkt – vor allem Handwerksverbände seine Einführung. Aber auch Politiker, Unternehmen und Gewerkschaften wollen einen solchen Nachweis von EDV-Kenntnissen, insbesondere für Sekretärinnen und für kaufmännische Tätigkeiten, einführen. Denn viele Arbeitgeber sind unzufrieden mit den Computer-Fertigkeiten ihrer Mitarbeiter.
Die Bundesregierung, die sich eine wirtschaftsfreundliche Politik auf die Fahnen geschrieben hat, verkündet, sie nehme solche kritischen Hinweise ernst. So hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn schon die Schirmherrschaft für die ECDL übernommen. Thomas Michel, Geschäftsführer der DLGI, kündigt gar eine "Alphabetisierung der Bevölkerung" in der EDV an. Die Bildungs-Offensive für die ECDL sei ein "altruistisches Verbandsziel", sagt Michel.
Zwei Jahre Rückstand
Weniger selbstlos erscheint es da schon, dass die Tests Geld kosten – für die Vorbereitung legt man laut Arbeitsamt München je nach Prüfinstitut zwischen 800 und 1200 Mark hin.
Rund 820 akkreditierte Trainingszentren zum Erwerb der ECDL gibt es in Deutschland derzeit, angesiedelt bei öffentlichen wie privaten Bildungsträgern. Etwa 70.000 Zertifikate wurden bisher ausgestellt. Das klingt nach viel, ist aber vergleichsweise wenig: Denn europaweit wurden schon fast eine Million Computer-Führerscheine ausgestellt.
Deutschland liege in der Entwicklung um mindestens zwei Jahre hinter seinen europäischen Nachbarn zurück, klagt Michel. Aber es gibt Hoffnung für die ECDL-Lobby: "Zurzeit nimmt die Zahl der Tests jeden Monat um etwa 20 Prozent zu", freut sich Claudia Ritsert-Clark, Geschäftsführerin des Frankfurter Firma TestStation, die Software für die Auswertung des Computerführerschein-Tests entwickelt. Von mehr als einer "Pilotphase der ECDL" mag Ritsert-Clark trotzdem noch nicht sprechen. Denn Tatsache ist, dass bisher nur wenige Volkshochschulen und eine Hand voll Großunternehmen Prüfungen zum Computer-Führerschein anbieten.
Zu den wenigen Firmen zählt der Münchner Siemens-Konzern: Seit dem vergangenen Jahr können Mitarbeiter dort den Computer-Führerschein freiwillig und als Zusatzqualifikation erwerben. Claudia Ritsert-Clark will noch mehr Personalabteilungen dafür gewinnen, "die ECDL künftig zum Einstellungskriterium zu machen".
Gegenwind
Allen Versuchen von Bundesregierung, Wirtschaftsverbänden und Unternehmen zum Trotz ist der Europäische Computer-Führerschein in Deutschland bisher kaum verbreitet. Nach Schätzungen haben gerade einmal 0,05 Prozent der Gesamtbevölkerung das Zertifikat erworben. Im EU-Land Schweden sind es immerhin schon 3,5 Prozent. Gegenwind kommt laut DLGI-Geschäftsführer Michel nicht zuletzt von den Industrie- und Handelskammern, die mit der Schaffung eines neuen Bildungsstandards ihr Ausbildungsmonopol gefährdet sähen.
"Es gibt ganz wenige IHK", sagt Michel, "die ECDL-Prüfungen anbieten." Und auch Angelika Ardelt von text&aktion fordert, "dass sich mehr Industrie- und Handelskammern zum Testzentrum für den Computer-Führerschein machen". Ardelt hat kürzlich willkürlich bei mehreren Firmen in Hessen angerufen und diese mit der Frage "Computerführerschein – was ist das?" konfrontiert. "Viele konnten mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen", erzählt sie.
"Geldschneiderei"
Auch an ganz anderer Stelle stößt das ECDL-Konzept auf Widerstand: bei Arbeitsämtern. Eicke Lenz, der als "Europa-Berater" des Arbeitsamts München "mobilitätswilligen Arbeitnehmern" Auskünfte gibt, bezeichnet die ECDL als "Geldschneiderei hoch fünf" und rät, doch besser den PC-Führerschein des Arbeitsamtes zu erwerben. Die Kosten für die ECDL stünden in keinem Verhältnis zum Ertrag.
"Wir bezahlen das nicht", meint auch Kollege Peter Pauli, Bereichsleiter für die Überprüfung beruflicher Weiterbildungsmaßnahmen. Denn ECDL vermittle "keine profunde Tiefe", sondern höchstens "Standardwissen, das bald jeder Grundschüler haben wird".
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http://www.sueddeutschezeitung.de/index.php?url=/karriere/weiterbildun g/18670&datei=index.php
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