Veröffentlicht am: 21.07.03

Der menschliche Faktor

Derek Parkinson
Quelle: Headstar.com vom 14.07.03

Eine zunehmende Anzahl von Websites weist stolz darauf hin, dass sie sich der Barrierefreiheit verpflichtet haben, indem sie Logos für automatisierte Accessibility-Prüftools wie Bobby, WAVE oder A-Prompt anzeigen.

Unten auf den Homepages zusammengedrängt, erwecken diese Banner den Eindruck, dass die Sites so barrierefrei sind, wie man vernünftigerweise erwarten kann. Aber ein automatisiertes Prüftool ist kein Allheilmittel. Allgemein gesprochen teilen sie dem Gestalter der Site mit, wo Änderungen fällig wären, und einige fortgeschrittenere Produkte bieten Optionen für die Lösung der Probleme an, aber sie bewerten nicht den Gesamtzusammenhang der Site, und einige Aspekte der Barrierefreiheit können einfach nicht mechanisch bewertet werden.

Das liegt zum Teil daran, dass bei den meisten Prüftools die Site-Analyse auf anerkannten Standards wie der Web Accessibility Initiative (WAI) basieren, und die Standards selbst bieten kein einfaches Rezept für Barrierefreiheit an. "Man muss bedenken, dass WAI nur ein Satz Richtlinien ist, keine Regel und keine Checkliste," so Julie Howell von RNIB (Royal National Institute of the Blind). "In den Richtlinien wird beispielsweise empfohlen, dass Bilder auf einer Site mit Textbeschreibungen unterlegt sind, aber das ist keine Garantie dafür, dass die Beschreibungen klar und nützlich sind," erklärt sie. "Ich glaube, alle sind sich einig, dass Prüftools allein nicht ausreichen."

Um effektiv zu sein, müssen Prüftools Teil eines umfassenderen Prozesses sein, bei dem eine Person mit einschlägigem Wissen auf die Empfehlungen reagiert. "Die Überprüfung der Barrierefreiheit ist so ähnlich wie die Rechtschreibprüfung eines Dokuments. Das Rechtschreibprüfungstool kann die falsch geschriebenen Wörter nach den ihm bekannten Mustern feststellen. Aber dann wird ein Mensch benötigt, der die endgültige Entscheidung fällt," sagt Wendy Chisholm, Leiterin der Arbeitsgruppe für Evaluationstools bei WAI.

Heißt das, ein fähiger Web Designer, der ein Prüftool verwendet, produziert eine barrierefreiere Site? Nicht unbedingt, laut einer kürzlich durchgeführten Untersuchung der Stanford University in den USA. In einer der ersten Studien dieser Art übergab das Team erfahrenen Web Designern zwei Gruppen von Sites zum Bearbeiten, wobei sie die erste nur mit Hilfe ihres eigenen Wissens und die zweite nur nach Hinweisen von den drei am weitesten verbreiteten Prüftools Bobby, LIFT und Validator verändern sollten.

Die modifizierten Sites wurden von sehbehinderten Freiwilligen getestet und die Ergebnisse verglichen. Vielleicht ist es überraschend, aber mit dieser Studie wurde festgestellt, dass mit Hilfe eines Prüftools modifizierte Sites nicht barrierefreier waren als nicht veränderte Sites oder Sites, die der Designer nach eigenem Wissen geändert hatte. "Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass die drei automatischen Evaluationstools die Designer bei der Verbesserung von Usability und Accessibility der Websites nicht sehr effektiv unterstützt haben," so die Studie.

Nach Angaben der Experten gibt es jedoch einige Möglichkeiten, diese enttäuschende Leistung zu verbessern. "Es muss mehr Forschung betrieben werden, um den Nutzen der Richtlinien und der Tools selbst zu verbessern," heißt es in dem Stanford-Bericht. "Die Richtlinien sind oft zu lang oder zu vage, als dass Designer ohne Kenntnisse des menschlichen Faktors sie verstehen könnten. Daher haben Designer Schwierigkeiten, sie zu interpretieren, was dazu führt, dass sie nicht die richtigen Änderungen implementieren können." Laut Wendy Chisholm sind nun verschiedene internationale Gruppen damit beschäftigt, die Testkriterien zu harmonisieren: "Nächstes Jahr ist eine größere Einigkeit über die für die Evaluation von Inhalten notwendigen Tests und eine bessere Übereinstimmung der Tools zu erwarten."

Es sind noch weitere Vorteile von der besseren Integration der Accessibility-Tests in den Prozess der Inhalteproduktion zu erwarten. "Ich war nicht überrascht von den Ergebnissen dieser Studie. Es gibt eine große Lücke zwischen dem Feststellen der Fehler und dem Verstehen, welche Änderungen erforderlich sind," erklärte Helen Petrie, Professorin für Mensch-Computer-Interaktion an der City University in London. "Wenn ein Designer, der Webseiten erstellt, die einzige für Veränderungen verantwortliche Person ist, gibt es Schwierigkeiten. Es ist besser, wenn der Autor diese Arbeit macht. Der Autor weiß besser, was der Inhalt aussagen soll."

Vielleicht die größte Gefahr ist die Annahme, dass automatische Tools die Beteiligung von Menschen an der Verbesserung der Barrierefreiheit ersetzen können. "Benutzt diese Tools auf jeden Fall, aber denkt daran, dass sie nur ein Teil des Handwerkszeugs sind," fordert Julie Howell. "Arbeitet bei den Testreihen mit Menschen mit Behinderungen, und wenn es geht, beratet Euch vorher mit den Leuten." Wenn es um Barrierefreiheit geht, ist letztlich der menschliche Faktor entscheidend.


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