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Integration und Internet: Wie nutzen Migranten das Internet?

Attila Azrak, Freier Journalist

Attila Azrak, Freier Journalist Hörfunk und Print
Seit es den Volks-PC bei Discountern zu kaufen gibt, sind Begriffe wie E-Mail, Chatten und Surfen keine Fremdwörter mehr. Auch Migranten stehen Schlange, wenn das neueste Modell beim Supermarkt um die Ecke verkauft wird – meist mit Modem. So ist es nicht verwunderlich, allabendlich in verschiedensten Chaträumen mit slm' begrüßt zu werden oder auch zum Dank ein tsk' am Bildschirm zu lesen. Diese Abkürzungen für Hallo' und Danke' auf Türkisch werden tausendfach in Chats benutzt. Nicht der pensionierte Gastarbeiter hängt da über der Tastatur und tippt sich die Finger wund, sondern jugendliche Migranten aus fast allen Bevölkerungsschichten, der Azubi wie auch der Student, verbringen Stunden im Internet und surfen und chatten. Nach einer Studie von TNS-Emnid sind mehr als die Hälfte der Deutschen im Internet und nutzen das WWW. Eine vergleichbare Studie für Migranten gibt es nicht, allerdings hat die LabOne GmbH Türken befragt und stellt fest: 25 Prozent der Deutschtürken haben Zugang zum Internet. Davon verbringen wiederum 35,6 Prozent mehr als 7 Stunden im Netz der Netze. Aber nicht in erster Linie zum Chatten oder Einkaufen wird das Internet benutzt – die Mehrheit der befragten Surfer (71,2 Prozent) will ihren Informationsdurst stillen. Ob sie dabei rein türkische Angebote besuchen oder spezielle Angebote für Migranten aufsuchen, wurde nicht festgestellt. Angebote für Migranten Regelrecht verschlafen haben die deutschen Medien, spezielle Angebote für Migranten zu produzieren. Zwar gibt es schon seit 40 Jahren fremdsprachige Radioprogramme der ARD, aber die inzwischen auch nicht mehr in ganz Deutschland empfangbaren Sendungen haben keine Chance gegenüber dem TV-Angebot aus Italien, Ex-Jugoslawien oder gar der Türkei. Nur ein Radio wie der türkische Sender Metropol-FM in Berlin mit seinem 24-Stunden Programm hat Überlebenschancen – Dudelfunk auf Türkisch. Die Geschwister Tamer, Hasim und Akgün Kulmac und Ufuk Senay haben diese Marktlücke früh entdeckt und ihre Community-Plattform vaybee.de ins Leben gerufen. Der Erfolg des Internetportals lässt sich an den registrierten Usern messen. Mitte 2000 hatten sich gerade mal 13.000 Nutzer angemeldet, heute sind es knapp 300.000. Die Idee kam den Gründern – wie sollte es anders sein – im Internet. Damals haben sie im Internet Angebote für die türkische Gemeinde gesucht und nichts gefunden. Nun haben sie ihr eigenes Angebot ins Netz gestellt und bieten Nachrichten, Chats, Foren und Gewinnspiele, ergänzt durch eigene redaktionelle Beiträge. Inzwischen gibt es neben Vaybee!Online auch die Portale VAYBEE!Reisen, VAYBEE!Shop, VAYBEE!Mobile, VAYBEE!NET und VAYBEE!Solutions. Ähnlich ist auch die Entwicklung von germany.ru für in Deutschland lebende Russen oder polonium.de für Polen. Hier geht es auch etwa um Tipps und Tricks beim Behördengang oder um konkrete Beantwortung von Fragen, wie zum Beispiel Wie komme ich wieder aus der Schufa-Datei raus?' oder Wie bekomme ich einen neuen Pass?' – der alltagstaugliche Nutzwert steht hier ganz vorne. Jedoch bieten die meisten Ethno-Portale, auch wenn in Foren oder Chats durchaus ernste Themen zu lesen sind, hauptsächlich Unterhaltung, so kann man zum Beispiel auf asia-zone.de die Fotos von der letzten Asia-Party bewundern. Vereine und Verbände Neben diesem Angebot hat sich auch ein zweites, weniger frequentiertes Angebot etabliert. Viele multikulturelle Vereine und Verbände stellen ihre Arbeit im Netz vor und warten mit Kontaktmöglichkeiten, Informationen und Hilfsangeboten auf. Der Dresdner Verein für soziale Integration von Aussiedlern und Ausländern e.V. hat auf seiner Homepage seine Ziele zusammengefasst: Hilfe zur Selbsthilfe für die Teilnahme der nichtdeutschen BürgerInnen Dresdens am gesellschaftlichen Leben in Dresden; Abbau von Vorurteilen, Gewalt und Rassismus gegen AusländerInnen; Projekte zur Unterstützung der Pflege und Verbreitung der Kultur und Traditionen verschiedener Nationalitäten'. Allerdings vernachlässigt dieser Verein, wie viele andere auch, die Pflege seiner Seiten im WWW. Zwar kommt man über die Kontaktaufnahme zu den Betreibern durch, die Links verlieren sich im World Wide Nirvana und Projekte, die als aktuell beworben werden, sind schon längst abgeschlossen. Die Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung e.V. Köln e-migrantinnen.de dagegen, macht sich die Mühe und stellt mehrsprachige Seiten ins Netz. So erreicht die Beratungsstelle mehr Frauen, als sie das mit einem rein deutschsprachigen Angebot könnte. Wenn, ja wenn, die Zielgruppe einen Zugang zum Internet hätte. Äußerst engagiert ist das Bildungsportal turkischweb.de von Gönen Çibikçi, einem türkischen Grundschullehrer aus Unterfranken. Auf den eher bunten Seiten sind viele Informationen – gut versteckt. Bildungssystem, PISA, Bildung und Erziehung, Spracherwerb, Muttersprache, Mehrsprachigkeit, Migration, Türkische Kinder und Islamunterricht sind nur einige Stichworte, die auf turkischweb.de zu finden sind. Hier sind die Informationen allerdings auch teilweise nicht mehr aktuell. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bietet mit seiner Mitgliedorganisation Verband für interkulturelle Arbeit (VIA) ein nützliches Sprungbrett für weitergehende Informationen an. Neben aktuellen Informationen zur Integrationspolitik ist auch der Streit um das Kopftuch im öffentlichen Dienst thematisiert. Sprachprobleme Schwierig wird es allerdings für Migranten, wenn Sie mit einem rein deutschen Angebot konfrontiert werden. Die Infotainment Seiten wie Vaybee.de oder germany.ru machen es vor: Sie bieten zweisprachige Seiten an. Zwar stimmen die deutschen Inhalte meist mit den russischen oder türkischen Inhalten nicht überein, das ist aber gewollt. Probleme tauchen bei den Ortsvereinsseiten auf. Während junge Migranten sich in zwei Sprachen zuhause fühlen, ist die erste Generation in der Muttersprache zuhause und wird kaum Gebrauch von integrativen Internetangeboten machen. Die Digitale Spaltung zeigt sich hier, ähnlich wie in der deutschen Bevölkerung, auch zwischen jungen und älteren Bevölkerungsschichten. Mit einem Unterschied: Während für deutsche Senioren inzwischen jede VHS einen Kurs für’s WWW-Surfen anbietet, sitzt der pensionierte türkische Arbeiter bei TRT-INT vor dem TV-Gerät und die einzige Maus die er kennt, ist noch quicklebendig.


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