Veröffentlicht am: 04.08.04

Barrierefreies Internet: Zwischen Notwendigkeit und Vision

Stefan Blanz, Berater und Entwickler für barrierefreie Internetanwendungen, Wertewerk

Guido Karl hat ein geflügeltes Wort geprägt, das an dieser Stelle gerne nochmals zitiert sei: "Wie man sieht, dass eine Website barrierefrei ist? Gar nicht. Das ist ja das Schöne!" Der Internetverantwortliche der Landespolizei in Nordrhein-Westfalen weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er zusammen mit seinem Dienstleister Dr. Michael Charlier der bisher einzige Gewinner einer goldenen BIENE, der höchsten Trophäe für barrierefreie Internetauftritte.

Freie Sicht auf die Informationsgesellschaft?
In Guido Karls Aussage kommen gleichermaßen Fluch und Segen dieses zunehmend prominenten Begriffs zum Ausdruck: Barrierefreiheit ist en vogue. Es handelt sich aber nicht nur um einen Modebegriff. Dahinter stecken handfeste Notwendigkeiten und Bemühungen, die Internetangebote in vielseitiger Weise an einen Scheideweg führen. Die jüngsten technischen Fortschritte erlauben die Frage, ob das Internet als das angewendet wird, wofür es ursprünglich konzipiert wurde: als ein kommunikatives Instrument, in dem Inhalte so strukturiert werden können, dass sie für alle erreichbar werden. Barrierefreiheit lässt sich (heute) als integriertes Gesamtkonzept aus Zugänglichkeit, Nutzerfreundlichkeit, Inhaltsverwaltung, interaktiven Dialoglösungen und Design verstehen. Die damit einher gehenden Wertschöpfungen sind nicht zu unterschätzen.

Initiativen zum barrierefreien Internet
Vermutlich am bekanntesten ist die Internet-Plattform www.einfach-fuer-alle.de der Aktion Mensch. Hier werden neben dem "Access[b]log" mit tagesaktuellen Informationen und Links zahlreiche Artikel und Anleitungen geboten. Die Aktion Mensch ist auch in Zusammenarbeit mit der Stiftung Digitale Chancen Initiatorin und Mitverantwortliche für den BIENE-Award. BIENE steht für "Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten", findet 2004 zum zweiten Mal statt und prämiert besonders gelungene Internetseiten. Ähnliche Ziele verfolgt das Informationsportal www.wob11.de des Aktionsbündnisses für barrierefreie Informationstechnik (AbI). Die Partner und Unterstützer konzentrieren sich unter der Ägide des Bundessozialministeriums auf arbeitsrelevante Angebote. Das Kompetenzzentrum Barrierefreie Informations- und Kommunikationstechnologie für Alle (BIKA) des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) access.fit.fraunhofer.de betreibt eine Mailingliste zum Thema. Hier pflegen Entwickler, Entscheider, Betroffene und alle weiteren Interessierten einen offenen Austausch. In Österreich gibt es das Netzwerk www.web-barrierefrei.at, das im Rahmen eines EU-Projektes ein breites Beratungs-, Test- und Schulungsangebot bietet. Ähnliche Anliegen verfolgt der prominenteste Vertreter in der Schweiz: www.web-for-all.ch.

"Think Web": Die Beseitigung von Barrieren und die Folgen
Die Darstellung von Inhalten und ihre Wahrnehmbarkeit bestimmt sich im Internet durch eine Vielzahl von Faktoren, die durch das Angebot selbst, den Benutzer oder die verwendeten Ausgabegeräte charakterisiert werden. Dieser Umstand fordert von allen Beteiligten nicht zuletzt eine internetgerechte Denkweise. Es gilt, sich weiter von vielen Wahrnehmungsgewohnheiten zu lösen, die verständlicherweise durch den jahrhunderte langen Umgang mit Printmedien geprägt sind. Angebote im Internet folgen technisch und gestalterisch anderen Regeln. Beispiele verdeutlichen dies:

Hilfreiche Selbstversuche
Den mobilen Technologien wird zurecht eine große Zukunft vorhergesagt. Mobiltelefone oder Handhelds werden zunehmend auch Zugangsgeräte ins Internet sein. Solche Geräte verfügen nicht über eine Maus. Es muss also mit der Tastatur oder Touchsticks navigiert werden. Ein Selbstversuch ohne Maus mit einer beliebigen Webseite macht die Möglichkeiten leicht nachvollziehbar. Daneben haben Mobilgeräte einen sehr schmalen Bildschirm. Eine Umsetzung, die grundlegend und konsequent die Trennung von Inhalt und Layout verfolgt, wird zukünftig durch ein zusätzliches Stylesheet den vollen Zugang ermöglichen. Der Anbieter ist also nicht gezwungen, für solche Geräte eine eigene Website zu betreiben. Die Geräteunabhängigkeit trifft im positiven Sinne auch Spezialgeräte wie beispielsweise Braillezeilen oder Vorlesegeräte. Diese können bei barrierefreier Umsetzung ebenfalls auf die selbe Seite zugreifen wie ein grafischer Browser.

Kostengünstige Zukunft
Zugleich wird die standardnahe Umsetzung die Größe der Ausgabedaten wesentlich verkleinern. Bezogen auf die Umsetzungsmethoden der letzten zehn Jahre lässt sich der Datendurchsatz um rund 50 Prozent reduzieren. In Zeiten großer Sparmaßnahmen eigentlich schon ein mitentscheidendes Argument. Ein weiterer Vorteil: Pflege und Redesign werden unaufwändiger. Sie tragen ebenfalls zu geringeren Kosten bei. Die erhöhte Leistungsfähigkeit durch kürzere Ladezeiten kommt allen Benutzern zu Gute, die beispielsweise aus Kostengründen noch nicht über einen DSL-Anschluss verfügen. In Deutschland sind das aktuell immer noch um die 85 Prozent und nichts ist dem Besucher lästiger als zu warten, sei es im Supermarkt an der Kasse oder eben beim Aufruf einer Internetseite.

Accessibility for the masses
Weitere Einsichten öffnet auch ein Blick auf demoskopische Zahlen. Die körperlichen Aspekte, die landläufig nicht unmittelbar zu den Behinderungen gezählt werden, spielen bei der Benutzerfreundlichkeit von Internetseiten und ihren Erfolgsabsichten durchaus eine gewichtige Rolle. Die Generation 50+ beteiligt sich stärker denn je am Internet. "Silver Surfer", die heute noch nicht zur "Cyber-Community" gehören, wachsen zunehmend in diese hinein. Man denke nur an nachlassende Sehkraft, Kurz- und Weitsichtigkeit oder an die Rot-Grün-Farbfehlsichtigkeit. Von ihr sind alleine fünf bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen. Und weil die Kaufkraft zunehmend auch in dieser Altersstufe liegt, wird Barrierefreiheit nicht nur für Informationsplattformen, sondern auch für kommerzielle Anbieter zu einem wichtigen Thema. Schließlich ist die Konkurrenz nur einen Maus-Klick entfernt. Wer hier auf Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit setzt, wird auch der wettbewerbsfähigere Anbieter sein.

Optimiert ist nicht immer optimal
Die Gestalter von Websites "optimieren" gerne für eine Bildschirmauflösung von 1024x768 Pixel und bestimmte Browser. Aktuell liegt der Anteil zwar bei rund 80 Prozent. Die verbleibenden 20 Prozent, die andere Zugangsarten wählen (müssen), werden aber mit lästigen Einschränkungen konfrontiert. Wie lange Besucher bei solchen Umständen zu halten sind? Besser nicht darauf ankommen lassen: tragfähige Konzepte wie beispielsweise skalierbare Schriftgrößen und flexible Layouts schaffen Abhilfe.

Inhalte sinnvoll transportieren
Doch Barrierefreiheit meint nicht nur körperliche oder technische Aspekte. Oft sind Inhalte selbst mit Barrieren behaftet. Dies kann die grafische Gestaltung, Multimedia-Applets oder Fotografien ebenso betreffen wie die sprachliche Umsetzung. Beispielsweise werden nicht selten Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder niedrigem Bildungsniveau durch unverständliche Wortungetüme ausgegrenzt. Adäquate Alternativen für Bilder und eine allgemein verständliche Sprache sind hier für alle förderlich.

Heterogene Perspektiven auf ein heißes Eisen
Es ist kein Zufall, dass durch die Vielzahl der Beteiligten ein sehr divergentes Bild entsteht. Barrierefreiheit ist glücklicherweise alles andere als eine esoterische Bewegung. Wer aber sinnvollerweise auf die Unsichtbarkeit von Barrierefreiheit setzt, wird sich einerseits freuen können, andererseits sorgen müssen. Letzteres betrifft vor allem Entscheider, die sich fragen, wie sie denn zu den passenden Konzepten, Dienstleistern und Anwendungen kommen.

No Business like Show Business?
Eines sollte nicht vergessen werden: Barrierefreiheit befindet sich zuweilen mehr auf den Fahnen ihrer Vermarkter denn in ihren Produkten und Lösungsangeboten. Konsequent verfolgt endet die Verbreitung des "Buzz-Word" in Bloßstellungen von öffentlich Verantwortlichen durch geschäftstüchtige PR-Spezialisten. So beispielsweise geschehen bei umfangreichen Aktualisierungen kommunaler Internetauftritte, als Bürgermeister durch vollmundige Presseerklärungen zumindest in Fachkreisen der Lächerlichkeit preisgeben wurden. Andererseits ist den Beteiligten gar nicht unbedingt ein Vorwurf aus den zahlreichen Mängeln zu machen. Denn das dazugehörige Wissen ist weder unaufwändig auf dem neuesten Stand zu halten noch in didaktischen Medien oder Schulungsangeboten besonders verbreitet. Und Verlage scheuen häufig das finanzielle Risiko, kompetenten Autoren die Türen zu öffnen.

Falsche Ängste und Ansichten
Das heterogene Umfeld der "Szene Barrierefreiheit" lässt sich erweitern: Designer fürchten um Beschränkungen in der Umsetzung ihrer kreativen Ideen, manche Programmierer setzen zuweilen fast rigide auf die Umsetzung internationaler Webstandards. Andere Kollegen sehen sich mit massiven Umbauten Ihrer Applikationen konfrontiert und treiben ihre Geschäftsführer in Rentabilitätszweifel. Interessenvertreter von Behinderten, deren Klientel ein Teil der großen Nutznießer dieser Standards sein sollen, stehen eben diesen Standards zuweilen gleichgültig gegenüber, solange die Inhalte irgendwie erreichbar sind. Abgerundet wird das Spektrum durch Idealisten, die Barrierefreiheit in Form eines moralischen Rigorismus ohne Rücksicht auf die rechtlichen, wirtschaftlichen und arbeitszeitlichen Zusammenhänge vertreten. Und nicht zuletzt halten potentielle Anbieter Barrierefreiheit für eine "Randgruppenthematik". Sie bewerten sie als "für unsere Zielgruppe nicht notwendig" oder stufen sie als "wirtschaftlich unattraktiv" ein. Hier sind alle Beteiligten aufgefordert, zusammenzuarbeiten und an einem Konsens mitzuwirken.

Nicht nur für Behinderte
Im Rahmen der gesetzlichen Richtlinien und Zielvereinbarungen wird Barrierefreiheit im Sinne der Gleichstellung bzw. zu unterbindenden Diskriminierung Behinderter vertreten. Dies ist zweifelsohne notwendig. Dennoch trägt es zu Missverständnissen bei. Im Mittelpunkt steht, wie der Name schon sagt, die Befreiung von Barrieren im Internet. Sie sind "keineswegs nur ein auf sozialem Engagement basierendes Minderheitenprogramm. Es ist längst bekannt, dass weitgehend barrierefreie Seiten für alle besser benutzbar sind", betont Eva Papst, engagierte Beraterin in Sachen Barrierefreiheit aus Wien.

Gesetzliche Rahmenbedingungen
Eine gewisse Prominenz im öffentlichen Bewusstsein hat mittlerweile die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) erlangt. Im Zuge des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) wurden 2002 die Maßnahmen festgelegt, die zu ergreifen sind, um digitale Angebote aller mittelbaren und unmittelbaren Behörden des Bundes bis Ende 2005 barrierefrei umzusetzen. Die Länder befinden sich hier im Rahmen der Ländergleichstellungsgesetze teilweise noch in der Gesetzgebungsphase. Aber auch hier steht ein Erlass der BITV an. Die Behörden auf Landes- bzw. kommunaler Ebene werden also mit sicherer Voraussicht denselben Richtlinien unterstellt werden. Die Verordnung orientiert sich an den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Konsortiums (W3C), die auch im Aktionsplan "eEurope" der EU-Kommission übernommen wurden. eAccessibility bietet also eine internationale Grundlage für die Umsetzung von Webstandards und Zugänglichkeit.

Aufklärung tut Not
Eines sollte hervorgehoben werden: barrierefreie Internetseiten bieten höhere Reichweite und Auffindbarkeit, stärkere Leistungsfähigkeit, wirtschaftlichere Effizienz und zukunftsfähigere Technologie. Glücklicherweise setzen sich hier die Einsichten zunehmend durch. Auch privatwirtschaftliche und nicht-staatliche Anbieter setzen zunehmend ohne "Dekret von oben" auf standardnahe Realisierung. Prominenteste Beispiele in Deutschland sind der Stern oder die Deutsche Post. Sie sind zugleich hervorragende Beispiele dafür, dass Standardkonformität und Design längst keine Ausschlusskriterien mehr sind - im Gegenteil. Gewiss kranken diese Seiten noch an der einen oder anderen Stelle in Sachen Zugänglichkeit. Trotzdem: durch den beschrittenen Weg haben sie sich optimale Voraussetzungen geschaffen, diese Entwicklungen weiter verfolgen zu können.

Komplexe Angebote brauchen komplexe Lösungen
Zur Sache: Wie sieht die praktische Umsetzung in der Realität aus? Anbieter von umfangreichen Informationen verwenden heute in aller Regel ein Web Content Management System (WCMS), um ihre Internetauftritte leichter verwalten und pflegen zu können. Zahlreiche Anbieter engagieren sich in diesem Bereich. Sie offerieren Lösungen, die sich als barrierefrei ausweisen. Diese werden beispielsweise mit automatisch generierten Text-Versionen umgesetzt. Diese sind nicht nur kostenintensiver, sondern auch meist nicht einmal barrierefrei. Solche Vorgehensweisen sind weder sinnvoll noch notwendig, fördern die "digitale Spaltung" und demonstrieren genau genommen nur Unverständnis für die Thematik. Schließlich genügt bei angemessener Umsetzung ein Quelldokument für alle Ausgabegeräte und Benutzergruppen.

Mehr als nur Vermarktung
Einige Systeme sind mittlerweile durchaus in der Lage, validen und standardkonformen Code auszuliefern. Sicherlich ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Doch das reicht meist noch nicht aus, um Barrierefreiheit nicht nur in schönen Worten, sondern auch in Ergebnissen zur Verfügung zu stellen. Ansgar Hein von Anatom5 in Düsseldorf, warnt: "Was bisherige Ansätze demzufolge leisten, ist nichts anderes, als Barrierefreiheit als Marketing-Instrument zu nutzen, um das eigene System von anderen Anbietern zu differenzieren." Und der Marketingberater betont, "dass Autorensysteme für deren Benutzer in jeder Hinsicht zugänglich sein müssen und darüber hinaus barrierefreien Code ausgeben und den Redakteur bei der Erstellung von barrierefreien Inhalten so weit wie möglich unterstützen." Hier sind zweifelsohne die Entwickler gefragt. Es gilt, noch viele Potentiale auszuschöpfen.

Auch Onlineredakteure sind gefordert
Eines sollte man sich ebenfalls vergegenwärtigen: selbst bei allen denkbaren Automatisierungen wird ein/e RedakteurIn nicht umhin kommen, ein gewisses Grundverständnis für Barrierefreiheit zu entwickeln. Einige Aspekte der Barrierefreiheit lassen sich ausschließlich über die Eingabe der Inhalte verwirklichen. Aber der damit verbundene Lernaufwand sollte nicht unbedingt zu scheuen sein: zum einen garantiert er Qualitäts- und Marktvorteile, zum anderen eröffnen sich sogar Perspektiven im Arbeitsmarkt. Schließlich könnten bei einem umfassend barrierefreien Content Management System auch behinderte Mitarbeiter eingesetzt werden, sei es in der Entwicklung oder in der Redaktion.


"Raus aus dem Elfenbeinturm und rauf auf Nachbars Tellerrand" - so sollte die Devise der Zukunft lauten. Denn durch allgemeine Zugänglichkeit werden Inhalte auf eine breite Basis gestellt, setzen kommunikative Dynamiken frei und tragen nachhaltig zum Erfolg eines Angebots bei.


Mehr erfahren Sie unter:
www.wertewerk.de

Verwandte
Themenbereiche:
Mediennutzung durch SeniorInnen / Aktivitäten für SeniorInnen, Mediennutzung durch Menschen mit Behinderungen / Aktivitäten für Menschen mit Behinderungen, Barrierefreiheit