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Wie Senioren der Weg ins weltweite Datennetz geebnet wird

Ricarda Stiller, Stuttgarter Zeitung, Ressort Computer/Internet
Quelle: Stuttgarter Zeitung Nr. 226, Seite 10 vom 29.09.04

Frau am Laptop.
© FOTO ZAWiW
Dienstleister bieten älteren Komplettangebote für den Einstieg ins Internet - Hersteller von Notebooks und Handys entwickeln keine speziellen Geräte

Computer- und Internetkurse für Senioren sind sehr gefragt. Viele ältere Menschen wünschen sich zudem einfache Handys und schlichte PCs, die nur die nötigsten Funktionen bieten. Die Hersteller sehen jedoch wenig Anlass, Geräte speziell für Senioren herzustellen.

Dienstleister haben die Marktlücke längst entdeckt und bieten Komplettangebote für den einfachen Einstieg ins Internet. Volkshochschulkurse für Senioren sind oft Wochen vorher ausgebucht. Auch spezielle Software für Senioren ist bereits im Handel. Dabei werden die kompliziert erscheinenden Startbildschirme von einer übersichtlich gestalteten Oberfläche einfach überdeckt. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Projekt "Mit Gießbert ins Internet". Ein knuffiger älterer Herr begrüßt die PC-Neulinge älteren Semesters freundlich am Bildschirm.

Im August ist das Gießbert-Projekt gestartet, das vom Radiosender SWR 4 ins Leben gerufen wurde. Dass bereits 3500 Anfragen eingegangen sind, zeigt, wie groß der Bedarf an derartigen Angeboten ist. Das Paket für Einsteiger umfasst ein IBM-Notebook, Software, einen Internetzugang, von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderte VHS-Kurse sowie weitergehende ehrenamtliche Betreuung von Senioren für Senioren. "Niemand muss das gesamte Paket für 1335 Euroerwerben, jeder Baustein ist auch einzeln erhältlich." Darauf legt Projektleiter Jens Nagler vom Südwestrundfunk Wert.

Es sei vollkommen egal, ob man zu Hause den ausgemusterten PC der Kinder verwende oder den Internetzugang über einen beliebigen Anbieter wähle. Das Angebot sei lediglich eine Empfehlung. Gerade ältere Menschen, die bisher noch nie mit dem Computer zu tun hatten, wollen sich aber möglicherweise nicht mit der Suche nach dem passenden PC beschäftigen. "Wir wollen die Schwellenangst nehmen und mit dem vorgeschlagenen Musterweg ist das vielleicht leichter," sagt Nagler. Außerdem sind auf dem Notebook schon die wichtigsten Programme installiert: Word für die Textverarbeitung, Excel für Tabellen, Outlook für die E-Mails und der Explorer für das Surfen im Internet.

Unterstützt wird das Projekt auch vom Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWIW) der Universität Ulm, das sich um die Ausbildung der ehrenamtlichen Senior-Internethelfer kümmert. "Viele der Helfer kennen sich schon ganz gut aus mit der Technik", berichtet der wissenschaftliche Mitarbeiter Markus Marquard vom ZAWIW. "In unseren Schulungen geht es daher zunächst darum, methodisch-didaktische Fähigkeiten zu vermitteln." Denn häufig müsse bei den Einsteigern unter den Senioren erst einmal eine große Skepsis gegenüber der Technik abgebaut werden.

Bereits seit zwei, drei Jahren arbeiten unterschiedliche Initiativen im Land daran, dass Senioren sich gegenseitig helfen und sich über ihre Erfahrungen mit dem Computer und dem Internet austauschen können. Viele Initiativen beteiligen sich nun an dem Gießbert-Projekt des SWR. Das ZAWIW bildet in Tagesschulungen die Helfer aus, die das Erlernte dann an andere Helfer weitergeben sollen. Denn die Förderung von 20.000 Euro für die ZAWIW reicht nicht aus, alle ehrenamtlichen Internethelfer auszubilden.

Auch Banken haben inzwischen ein großes Interesse daran, dass ihre älteren Kunden auf Onlinebanking umsteigen. Der Stuttgarter Unternehmer Gerhard Zacharias hat diese Marktlücke entdeckt und verkauft Computer mit Rundumservice. Dazu gehört, dass er den PC nach Hause liefert, einen Internetzugang samt E-Mail-Adresse einrichtet und auf Wunsch auch die Homebanking-Software verschiedener Banken installiert.

Vor wenigen Wochen hat sich Gerhard Zacharias mit der Firma GZP Kommunikation selbstständig gemacht und kann bereits erste Erfolge verbuchen. Gemeinsam mit bisher vier Banken wendet er sich gezielt an Senioren. Die Dresdner Bank beispielsweise bietet kostenlos für ihre Kunden "Webführerschein-Kurse" an. Gerhard Zacharias wirbt auf diesen Veranstaltungen in Stuttgart mit seinem Angebot: Von 1400 Euro an bekommt man bei ihm wahlweise ein Notebook oder einen Desktop-PC - beide sind mit Tastaturen ausgestattet, die besonders geeignet für Senioren seien.

"Die Buchstaben auf den Tasten sind so groß wie die Tasten selbst." Außerdem ist darauf die nötigste Software installiert und wird individuell an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst. Wenn Probleme im täglichen Gebrauch auftreten, dann sind - kostenpflichtige - Besuche möglich. Gemeinsam mit zwei Partnern möchte er die Kunden auch nach dem Kauf nicht allein lassen.

Und wie sehen die Hersteller von Handys das Thema Senioren-Marketing? "Wir verfolgen das Konzept Design für alle" sagt ein Siemens-Sprecher. Zwar würde man nach der Miniaturisierung der vergangenen Jahre auch wieder verstärkt auf Ergonomie achten. Dennoch sei der Markt im Bereich "Mode und Fun" einfach größer. Man habe auch die Erfahrung gemacht, dass ältere Menschen gar keine anderen Geräte wollen als die jungen Kunden. Möglicherweise haben aber auch die Provider - die ja die Handys vertreiben - gar kein Interesse an simplen Modellen mit wenigen Funktionen. Verdient wird schließlich an den teuren Diensten. Und da bieten die neuen Modelle weitaus mehr Möglichkeiten.

Dass viele an ihrem modernen Handy nicht einmal mehr die Uhrzeit einstellen können, ist Tatsache. Aber da sind wohl auch die Dienstleister gefragt. Vielleicht sollte der Handy-Shop diesen Service anbieten. Auch beim Kauf eines neuen Handys könnte dort beispielsweise das Telefonbuch vom alten auf das neue Gerät übertragen werden.

Derzeit gibt es also weder einen Computer noch ein Handy, das speziell für Senioren konzipiert ist. Viele behalten daher ihr Handy aus den Zeiten als die Tasten noch größer waren. Bei einem Neukauf sollte der ältere Kunde vor allem auf den Abstand der Tasten achten. Bei größerem Abstand lassen sich auch kleine Tasten noch ganz gut treffen. Außerdem kann bei einigen Modellen die Schrift vergrößert angezeigt werden.

Tipps und Links
Senior-Internethelfer: Lokale Initiativen wollen dazu beitragen, dass die Internetnutzung durch ältere Menschen zunimmt. Unter dem Motto "von Senior(inn)en für Senior(inn)en" wird älteren Menschen beim Einstieg ins Internet und bei Fragen rund um den Computer geholfen. Kontakt: Senioren- Internet-Initiativen in Baden Württemberg c/o ZAWiW, Universität Ulm, 89069 Ulm. Telefon 07 31/5 02 31 94. Fax: 07 31/ 5 02 31 97. www.senior-internethelfer.de

Gießbert-Internetprojekt: Mit dem Projekt des SWR wird der Start ins Internet mit Notebook, VHS-Kursen und Internetzugang angeboten. Kostenlose Broschüre unter Tel. 01 80/5 92 94 44 (12 Cent/Minute). Weitere Informationen im Internet: www.swr4.de

Komplettangebote: PCs für den Einstieg ins Internet mit Onlinebanking-Software. Kontakt: GZP Kommunikation, Gerhard Zacharias, Stephanstraße 33, 70173 Stuttgart. Tel. 01 80/5 00 81 66 (12 Cent/Min).

50-Plus-ans-Netz: Die Initiative vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will die Beteiligung älterer Menschen an den neuen Informations- und Kommunikationstechniken durch Unterstützung verschiedener Projekte fördern. Tel. 05 21/1 06 73 50 (Mo, Mi und Do von 10 bis 17 Uhr). www.50plus-ans-netz.de

Seniorennet: Die Interessengemeinschaft ist in regionale Gruppen unterteilt und hat das Ziel, Senior(inn)en den Einstieg in die Welt der neuen Medien zu erleichtern. Tel. 0 89/7 00 33 78. www.seniorennet.de


Mehr erfahren Sie unter:
http://www.stuttgarter-zeitung.de

Im Angebot der SDC seit 08.10.04 (mam)

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