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Internet kann bürgerschaftliches Engagement fördern

Jeanette Christu, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: EurekAlert und weitere Quellen vom 19.02.06

Amerikanische Universitätsstudie untersucht Online-Community von Jugendlichen

Eltern äußern häufig die Sorge, dass Kinder und Jugendliche zuviel Zeit im Internet verbringen. Sie befürchten, dass die Jugendlichen dadurch das Gefühl für die Wichtigkeit von echter sozialer Interaktion, von bürgerschaftlichem Engagement und für den Wert der sozialen Gemeinschaft verlieren. Eine aktuelle Studie der Northwestern University of Chicago zeigt, dass das Gegenteil der Fall sein kann - dass das Internet durchaus auch positive Effekte auf das politische, soziale und bürgerschaftliche Engagement junger Menschen haben kann. Die Ergebnisse von Prof. Justine Cassell zeigen, dass das Internet anfängt als Informationsquelle für politische und gemeinschaftsbezogene Aktivitäten und als Instrument zur Gemeinschaftsgründung zu dienen.

Untersucht wurde dafür eine von Wissenschaftlern des MIT (Massachusetts Institut of Technology) im Internet eingerichtete Online-Community von Jugendlichen, der 'Junior Summit 1998'. An diesem Gipfel der Jugendlichen nahmen über mehrere Monate 3000 Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren aus 139 verschiedenen Ländern und mit ganz unterschiedlichem sozio-ökonomischem Hintergrund und ebenfalls unterschiedlichem Computerwissen teil. Die Jugendlichen diskutierten darüber, welche Veränderungen für die Welt – vor allem für die Jugendlichen der Welt – notwendig wären. Auch die Auswirkungen von Internet und neuen Kommunkationstechnologien sollten Berücksichtigung finden. Ihre Vorschläge konnten die Jugendlichen in jedem beliebigen Format einbringen - als Video, Foto, Musikstück, Rede etc.

Die Community wurde von Justine Cassell, Professorin für Kommunikationsstudien und Direktorin des Programms 'Technologie and Social Behavior' der Northwestern University und ihren Kollegen David Huffaker von der Northwestern University und Dona Tversky von der Stanford University untersucht.

Cassell resümiert: "Für jugendliche Technikfreaks kann Engagement etwas anderes bedeuten, als sich an Treffen in der Sporthalle der Schule zu beteiligen oder sich mit anderen ans Lagerfeuer zu setzen. Ihr soziales und bürgerliches Engagement kann in Online Communities im Schein ihres heimischen Computerbildschirms stattfinden." Weiterhin führt sie aus: "Wir stellten fest, dass diese jungen Mitglieder der Online-Community in hohem Ausmaß gesellschaftliches Engagement zeigten. Mit Leidenschaft setzen sie sich für ihr soziales Umfeld und die Welt ein."

In der Online-Community kommunizierten die Jugendlichen über ein Online-Forum miteinander, ein von der Interaktion mit Erwachsenen fast freier Raum. Der Junior Summit gipfelte darin, dass aus der Onlinegemeinschaft 100 Anführer gewählt wurden, um die Community in der realen Welt vor politischen und industriellen Machthabern zu vertreten.

Die Forscher haben anschließend anhand von Sprachanalysen untersucht, wer zum Anführer gewählt wurde und welche Führungsstile die jugendlichen Onliner bevorzugten. Cassell stellt fest, dass die Jugendlichen nicht die Führungsstile von Politikern und Wirtschaftsbossen der Erwachsenenwelt kopieren. Verschiedene bestehende Studien weisen darauf hin, dass Führerschaft in der Online World dem Vorbild der physischen Offline-Welt gleicht. Cassell weist aber darauf hin, dass diese Ergebnisse sich auf Beobachtungen an Erwachsenen stützen. In der von ihr studierten Online-Gemeinde werden andere Führungsstile bevorzugt, die denen der erwachsenen Machthaber nicht gleichen.

Tatsächlich wurden in der Online-Community diejenigen zu Anführern gewählt, die sich als hochgradig sozial kompetent erwiesen. Die Sprachanalysen der online Kommunikation zeigten, dass besonders Personen gewählt wurden, die in ihren Äußerungen Ideen von anderen aufgriffen und zusammenführten. Sprachanalysen von erwachsenen Machthabern der realen Welt zeigen dagegen einen starken Bezug auf die eigenen Ideen und Fähigkeiten.

Der in der untersuchten Online-Community bevorzugte Führungsstil entspricht damit Cassell zufolge eher einem weiblichen Führungsstil (gemessen an Untersuchungen an Erwachsenen) - und tatsächlich wurden in der jugendlichen Online-Gemeinschaft mehr Mädchen als Jungen in Führungspositionen gewählt. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass Zusammenarbeit, soziale Kompetenz und Überzeugungskraft einen hohen Stellenwert hatten - auch dies wird in Studien mit Erwachsenen eher von Frauen als von Männern verkörpert.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Internet neue Formen von Demokratie, neue Formen von Gemeinschaft und neue Wege bürgerschaftlichen Engagements eröffnen kann. Zudem bietet die Online-Welt neue Möglichkeiten die enge Verbindung von Geschlechtszugehörigkeit und Machtposition aufzubrechen.



Ein Artikel zur Studie 'Youth Leadership Online: A New Paradigm for Civic Participation' ist im Journal of Developmental Psychology erschienen und kann auf der Webseite von Justine Cassell heruntergeladen werden:

Cassell, Justine, Huffaker, David, Tversky, Dona & Ferriman, Kim (2006): The Language of Online Leadership: Gender and Youth Engagement on the Internet. Developmental Psychology 42 (3)

Link: Webseite von Professorin Cassell: www.soc.northwestern.edu/justine/

Direkter Link auf die Publikations-Seite von Castell: www.soc.northwestern.edu/justine/jc_papers.htm


Im Angebot der SDC seit 27.06.06 (jch)

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