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Politische Beteiligung, bürgerschaftliches Engagement und das Internet

Interview mit Prof. Dr. Claus Leggewie, ZMI - Zentrum für Medien und Interaktivität

C. Leggewie
Prof. Dr. Claus Leggewie ist Gründungs-Direktor des ZMI - Zentrum für Medien und Interaktivität und Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Stiftung Digitale Chancen: Durch das Internet sind neue soziale und politische Beteiligungsmöglichkeiten entstanden. Mobilisiert das Internet Menschen zur Beteiligung, die sich ohne diese neuen Möglichkeiten nicht engagieren würden?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Darauf kann man zweierlei antworten: Zum einen, dass sich Personenkreise, die sich mit 'technischen' und 'juristischen' Fragestellungen rund um das Netz beschäftigen, man denke an die Flatrate-Diskussion oder das Thema Informationsfreiheit, sich nun gewissermaßen en passant auch in politische Diskussionen einschalten, die sich über das Netz bieten. Über netzbezogene Fragestellungen finden damit beschäftigte Personen via Internet eine Plattform für politische Beteiligung, die sie auf herkömmlichem Wege nicht zeigen würden.
Zum anderen gibt es einen gewissen 'Jugend-Effekt' bei der Mobilisierung von politischer Beteiligung via digitale Medien.

Stiftung Digitale Chancen: Also spielt das Internet nach Ihrer Ansicht eine besondere Rolle für die soziale und politische Beteiligung der jüngeren Generation?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Zahlreiche Studien zeigen, dass sich die 14- bis 30-Jährigen inzwischen stärker auf das Internet als auf das Fernsehen und erst recht die Zeitungen beziehen, um sich politisch zu informieren. Politische Beteiligung ist hier ein 'Side-Effekt' der routinierten Nutzung des Internet. Aber dafür kommen wohl nicht mehr als 2-3 Prozent der Nutzer in Frage. Und vielen ist das Tool auf Dauer auch zu kompliziert und aufwändig - da wachsen dann wieder Zugangsbarrieren. Vermutlich beteiligen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen über neue Medien, die ohnehin und über herkömmliche Medien besonders aufgeschlossen und engagiert sind.

Stiftung Digitale Chancen: Justine Cassell hat ja aus der Auswertung verschiedener internationaler Beiträge einen Trend zu verstärkter Beteiligung von jungen Erwachsenen abgelesen. Lässt sich dieses Bild auf Deutschland übertragen?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Vermutlich ja - aber ich habe dafür keine empirischen Belege. Das Giessener ZMI arbeitet ja auf anderen Gebieten. Cassell hat allerdings auch nicht nur amerikanische Jugendliche zugrunde gelegt, ihre Ergebnisse - dass sich neue Formen von Gemeinschaft herausbilden - dürften also auf Deutschland übertragbar sein.

Stiftung Digitale Chancen: Welche Chancen bietet Ihrer Ansicht nach das Internet für politische Beteiligung als eine Ausdrucksform bürgerschaftlichen Engagements?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Das Internet ist ein probates Instrument für die Kommunikation demokratischer Eliten. Damit meine ich nicht Eliten qua Bildung, Geburt, Titel oder Funktion etc. Legt man ein Pyramidenmodell zum Verständnis bürgerschaftlichen Engagements zugrunde, dann gibt es einen breiten Sockel von Menschen, die sich überhaupt nicht interessieren und beteiligen, in der Mitte das Segment der konventionellen Beteiligung (per Wahlen, Bürgerinitiativen, Vereinen etc.) und darüber die sehr schmale Spitze der politisch Hochengagierten, die so genannten "Aktivbürger". Sie nenne ich demokratische Elite, die man quantitativ nach Erkenntnissen der Parteienforschung mit höchstens ein bis zwei Prozent ansetzen kann, die aber als Meinungsführer und Multiplikatoren den Sauerteig der Demokratie bilden.

Für dieses Segment ist das Internet nun in der Tat ein hervorragendes Medium, da es im Unterschied zu den herkömmlichen Massenmedien diskursive bzw. deliberative Formen der politischen Beteiligung erlaubt und Ansätze einer interaktiven Demokratie hervorbringt. Es wird zwar immer behauptet, dass sich an Web-Foren niemand beteiligt, aber es beteiligen sich unterm Strich wohl mehr daran als an Bürgerversammlungen. In diesem Zusammenhang spielen neuerdings auch Blogs eine Rolle.

Stiftung Digitale Chancen: Können Sie die Rolle der Blogs etwas genauer beschreiben?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Blogs sind in der Breite, in der sie genutzt werden, eine interessante Innovation - aber sie sind in der Regel nicht besonders nachhaltig. Sie reproduzieren etwas, was man sowieso in der Massenkommunikation vorfindet - eine eher monologische Form des Ausdrucks. So entsteht in den Blogs meist kein 'Thread', es erfolgt dort in der Regel keine Erarbeitung und Weiterentwicklung von Themen und Inhalten. Die persönliche Äußerung steht stark im Vordergrund statt des Aufbaus eines konsistenten und verzweigten Diskussionsfadens. Blogs sind sehr egomane Veranstaltungen, Ich-AG's - auf die Beiträge von anderen wird nicht besonders geachtet.

Manche Blogger sind regelrechte 'Rampensäue'. Sie finden eine Bühne, und es ist ihnen relativ egal, was die Leute dazu sagen. Aber im Vergleich mit traditionellen Talkshows, die ja ebenfalls Bühnen der Eitelkeit und 15-Minuten-Prominenz sind, erscheinen Blogs jetzt als hippe und moderne Form des Selbstausdrucks. Und einige Blogger haben nun auch exemplarisch deliberative Formate entwickelt.

Wichtig sind meines Erachtens die so genannten Wikis - bekannt ist z. B. Wikipedia. als kollaborative Schreibprojekte. Man muss sich überlegen, ob dieses Format auf das politische und bürgerschaftliche Engagement übertragbar ist. Bei Wikis gibt es per se diesen dialogischen Akzent. Und Gemeinschaftsbildung ist hier nicht bloße Rhetorik.

'Internet für alle' ist eine wichtige Forderung, aber ich stehe ich auf dem Standpunkt, dass es in der flexiblen Netzarchitektur auch das 'Internet für Wenige' geben muss, das mittelfristig durch offenen Zugang, offene Software und kollaborative Formate die Funktion der öffentlich-rechtlichen Medien übernehmen muss.

Stiftung Digitale Chancen: In Deutschland wird die Frage der Nutzung des Internet für politisches Engagement immer auch im Zusammenhang mit der Gefahr des politischen Extremismus gesehen. Überwiegen die Chancen oder die Risiken, wenn das Internet zunehmend als Instrument der Beteiligung fungiert?

Prof. Dr. Claus Leggewie: Eine typisch deutsche Frage. Dagegen bin ich radikaler Anhänger der 'Free Speech' und sehe keine besondere Gefahr der Förderung rechtsradikaler Tendenzen dadurch, dass diese Gruppierungen ihre Ansichten im Netz verbreiten. Das Internet wird schon viel zu viel kontrolliert und observiert. Rechtsradikale Inhalte sind ein Risiko, das man im Blick auf die Chancen politischer Kommunikation einfach in Kauf nehmen muss. Es stimmt, dass die rechte Szene über das Netz kommuniziert und auch Versammlungspunkte ausmacht - aber dann weiß man wenigstens, was sie denkt, wo sie sich trifft.

Die Fragen stellte Jeanette Christu.


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