Veröffentlicht am: 17.12.11

Mädchenfußball und Medienkompetenz in den Slums von Nairobi

Jutta Croll & Hans-Georg Gutknecht, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: eigener Bericht vom 17.12.11

Girls Soccer and Digital Literacy in the slums of Nairobi (english version of the article)

Aktuelle Informationen zum Kibera Projekt

Kibera in Nairobi ist der größte Slum in Ostafrika, das Gelände von wenigen Quadratkilometern grenzt direkt an die Stadt Nairobi an und ist dicht mit Wellblechhütten bebaut. Geschätzt leben in Kibera 1 Mio Menschen auf engstem Raum zusammen. Die Räume in den Hütten sind meist weniger als zehn Quadratmeter groß und beherbergen die mehrköpfigen Familien ohne Infrastrukturversorgung wie Wasser, Abwasser oder elektrische Leitungen. Entsprechend groß ist die Verschmutzung des Gebiets, und aufgrund mangelnder Hygienemöglichkeiten ist die Krankheitsrate unter den Bewohnerinnen und Bewohnern hoch: Tuberkulose, Malaria, Dengue und Gelbfieber treten besonders häufig auf. Im Oktober 2011 haben wir hier die Kibera Girls Soccer Academy (KGSA) besucht, eine Schule für Mädchen aus den Slums.

Klassenraum in der Kibera Girls Soccer Academy

Das Bildungssystem in Kenia ist dreigliedrig. An eine achtjährige Grundschulzeit (Primary School) schließt sich für die, die es sich leisten können, die vierjährige weiterführende Schule (Secondary School) an, darauf folgt die vierjährige College-Ausbildung. Im Jahr 2003 sorgte eine Schulreform für die Abschaffung der Schulgelder an den staatlichen Grundschulen. Das hat zu einem starken Ansturm auf die Unterrichtsangebote geführt, dem die Schulen und Lehrkräfte kaum gerecht werden können. Erstmals wurde es nun auch Kindern aus den Slums möglich, eine Schule zu besuchen. Bei einem Verhältnis von einer Lehrkraft für etwa hundert Schülerinnen und Schüler ist allerdings kaum ein sinnvoller Unterricht möglich, die Schulen sind schlecht ausgestattet und die Gebäude zu klein. Wohlhabende Familien schicken ihre Kinder daher bereits im Grundschulalter in eine der kostenpflichtigen Privatschulen. Für die weiterführenden staatlichen oder privaten Schulen ab der neunten Klasse ist grundsätzlich ein Schulgeld zu entrichten. Dadurch endet der Bildungsweg der Jugendlichen aus Kibera spätestens nach der Grundschule. Oft haben die Kinder auch vorher kaum den Unterricht besucht, denn sie müssen die Eltern beim Erwerb des Lebensunterhaltes unterstützen. Sie sortieren Abfall oder Holzkohlenreste und verkaufen, was noch Wert hat, auf der Straße. Familien, die sich das Schulgeld leisten können, investieren zuerst in die Ausbildung ihrer Söhne. Mädchen in den Slums haben kaum eine Chance auf einen ordentlichen Schulabschluss, der Besuch eines Colleges und das Erlernen eines Berufs bleiben für viele ein Wunschtraum.

Die Kibera Girls Soccer Academy wurde im Jahr 2006 gegründet, um diese Ungleichheit zu bekämpfen. Im Jahr 2011 werden dort etwa 130 Mädchen von zehn bis zwölf freiwilligen Lehrkräften unterrichtet. Neben den klassischen Unterrichtsfächern, die für die Anerkennung der staatlichen Prüfungen erforderlich sind, stehen Journalismus, Theaterspiel und Menschenrechte auf dem Stundenplan - und eben Soccer. Fußball spielen hat in der KGSA eine besondere Bedeutung: Für die gesundheitlich gefährdeten Mädchen ist die körperliche Betätigung ein wichtiger Ausgleich und gleichzeitig fördert der Mannschaftssport den Teamgeist und ihre Fähigkeit, Regeln zu akzeptieren. Vor allem aber gibt der Erfolg in der Männerdomäne Fußball den Mädchen eine Chance, Ungerechtigkeiten zu überwinden und selbstbestimmt ihren eigenen Lebensweg zu gehen. Einen Fußballplatz gibt es nicht zwischen den eng platzierten Hütten in Kibera, deshalb werden die Matches auf dem Feld einer nahe gelegenen Gemeinde ausgetragen, die - man muss sehen, wo man bleibt - für jede Nutzung einen Mietpreis erhebt. Dennoch ist das KGSA-Team sehr erfolgreich, die Mannschaft hat in den letzten Jahren regelmäßig den John Packard Family Cup gewonnen und in 2011 erstmals eine Spielerin zur Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosen in Paris gesandt.

Fußballspielerin Doreen Nabwire

Voraussetzung für den Schulbesuch in der Kibera Girls Soccer Academy ist nicht nur, dass dort kein Schulgeld erhoben wird. Während der Schulzeit müssen die Mädchen auch mit einer Mahlzeit versorgt werden, da kaum eine etwas zu Essen von zu Hause mitbringen kann. Die in Kenia obligatorischen Schuluniformen wurden vor ein paar Jahren von einem französischen Ehepaar gespendet, erzählt uns der Schulleiter und zeigt uns die so genannte Küche, in der gerade das Mittagessen vorbereitet wird. Wer keinen Teller besitzt, erhält seine Portion Kartoffel-Bohneneintopf in einer Plastikschale, die wir als Wegwerfgemüseverpackung kennen, gegessen wird im Klassenraum.


Essenausgabe in der Kibera Girls Soccer Academy

Vor den Prüfungen kommen die Mädchen oft auch am Wochenende und außerhalb der Unterrichtszeiten in die Schule, da sie zu Hause keinen Platz haben, um zu lernen und die Bücher nur in der Schulbibliothek vorhanden sind. Sie sind lernbegierig, denn ein formaler Bildungsabschluss ist der erste Schritt heraus aus den Slums.

Damit die Abschlussprüfungen der Kibera Girls Soccer Academy staatlich anerkannt werden, hat die Schule für den Unterricht für die naturwissenschaftlichen Fächer einen Laborraum eingerichtet, einer der wenigen Orte in Kibera mit fließendem Wasser.


Laborraum in der Kibera Girls Soccer Academy

Die Nutzung von Computer und Internet gewinnt auch in kenianischen Schulen immer mehr an Bedeutung. Und künftig wird die formale Anerkennung der Schulabschlüsse der KGSA davon abhängen, dass Computer in mindestens einem Unterrichtsraum zur Verfügung stehen. Internetzugang kostet nicht viel in Nairobi, mit einer Mobilfunkverbindung kann man für umgerechnet etwa zehn Cent den ganzen Tag über online sein. Neue Lernangebote können so im Unterricht genutzt werden und die Mädchen können Fähigkeiten erwerben, die ihnen später den Start ins Berufsleben erleichtern.

Die Stiftung Digitale Chancen möchte die Kibera Girls Soccer Academy dabei unterstützen, das Internet stärker in die Unterrichtsprozesse zu integrieren. Die Qualifizierung der Lehrkräfte wird durch die Stiftung Digitale Chancen organisiert; eine Laptopausstattung für einen der Klassenräume ist eine weitere Voraussetzung. Deshalb bitten wir um Spenden unter dem Stichwort 'Kibera' auf das Konto der Stiftung Digitale Chancen bei der Commerzbank Berlin, BLZ: 120 800 00, Kto-Nr.: 40 523 008 00. Spenden an die Stiftung Digitale Chancen sind steuerlich abzugsfähig. Bis zu einer Höhe von 200,00 Euro genügt die Vorlage des Kontoauszuges beim Finanzamt. Bei höheren Beträgen geben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse an. Wir senden Ihnen dann gern eine Spendenbescheinigung.

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