Veröffentlicht am: 14.11.12

Das Sein und Onlinesein werden eins sein

Das siebte UdL Digital Roundtable Gespräch mit dem Titel Zehn Jahre Digitale Integration - vom Internetzugangsort zum Hosentaschenweb' am 11. Oktober im BASE_camp der E-Plus Gruppe war dem 10-jährigen Jubiläum der Stiftung Digitale Chancen gewidmet.

Der wissenschaftliche Direktor und Mitbegründer der Stiftung Professor Dr. Herbert Kubicek gab zum Einstieg in die Diskussion einen Rückblick auf die Entstehung der Stiftung und die Entwicklung ihrer Angebote und Projekte seit dem Jahr 2001. Ausgehend von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Frage, inwieweit eine Digitale Spaltung der Gesellschaft drohe angesichts von etwa 37 % Internetnutzern in Deutschland im Jahr 2001 und einem disproportionalen Wachstum der Nutzer in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, decke das Aufgabenspektrum der Stiftung heute verschiedene Bereiche und Zielgruppen ab. Ihre Arbeit sei seit ihrer Gründung darauf ausgerichtet, durch Zugang zum Internet und Vermittlung von Medienkompetenz bestehende soziale Unterschiede zu reduzieren, anstatt diese weiter zu vergrößern.

Welche Entwicklung die Aufgabe der Digitalen Integration in den vergangenen zehn Jahren erfahren hat und wie sie in Zukunft zu gestalten ist, darüber diskutierte der wissenschaftliche Direktor der Stiftung mit Dr. Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Donata Freifrau Schenk zu Schweinsberg, Vizepräsidentin des DRK und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Heike Troue, Geschäftsführerin Deutschland Sicher im Netz, Erika Mann, Director EU Affairs Facebook sowie Thomas Jarzombek, MdB CDU und Konstantin von Notz, MdB Bündnis90/Die Grünen, beide Mitglieder der Enquete-Kommission Internet und Gesellschaft' auf dem Podium und mit rund 70 interessierten Gästen.

In ihren Grußworten hoben die Podiumsteilnehmenden besonders die Strategie der Stiftung hervor, einen chancenorientierten Ansatz zu verfolgen und dabei potentielle Probleme und Risiken der Internetnutzung nicht außer Acht zu lassen. Dazu erklärte Donata Schenk vom DRK: "Die Aufgabe der Digitalen Integration ist auch für die nächsten zehn Jahre noch relevant. Chancen und Gefahren der Internetnutzung sind dabei gleichermaßen wichtig."

Auf Basis der Ergebnisse der Onlinediskussion unter www.alle.de/diskussionen spannte sich anschließend eine breite Debatte auf, in der zu Beginn der Frage nachgegangen wurde, ob ein Grundrecht auf schnellen Internetzugang in staatlicher Verantwortung zu gewährleisten sei und wie viel Eigenverantwortung die Bürgerinnen und Bürger zu tragen haben.

Medien sind Erfahrungsgüter', so Professor Kubicek. Diejenigen Nichtnutzer, die in Studien angeben, dass sie für sich keinen Nutzen im Internet sehen, könnten durch eine positive Nutzungserfahrung davon überzeugt werden, dass die Anfangsinvestition von Geld für den Erwerb der technischen Ausstattung und von Zeit für den Erwerb der benötigten Fähigkeiten im Umgang damit sich lohne. Heike Troue vom Verein Deutschland sicher im Netz e.V. ergänzte: "Entscheidend ist die Frage, was die Nutzung des Internet für mich persönlich bringt. Diese Wahrnehmung hat sich einerseits durch neue Anwendungen wie facebook und andererseits durch neue Endgeräte wie das iPad gewandelt. Darauf müssen künftige Maßnahmen reagieren."

Die hohe Geschwindigkeit, mit der sich das Internet weiterentwickelt, ist sowohl für die Nutzerinnen und Nutzer selbst als auch für Organisationen, die sich die Vermittlung von Medienkompetenz zur Aufgabe gemacht haben, eine Herausforderung. Die insbesondere für Jüngere praktisch nicht mehr vorhandene Unterscheidung von Offline- und Onlinewelt wurde von Konstantin von Notz auf die prägnante Formel gebracht: Das Sein und Onlinesein werden eins sein'.

Erika Mann von Facebook verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass mit der Selbstverständlichkeit der Nutzung sozialer Netzwerke die Notwendigkeit der Vermittlung entsprechender Kenntnisse und Fähigkeiten einhergehe. Der intuitiven und vermeintlich einfachen Bedienung sozialer Netzwerke liegen in Wirklichkeit hochkomplexe Systeme zugrunde, und die Nutzerinnen und Nutzer müssten verstehen lernen, welche konkreten Konsequenzen ein Klick nach sich ziehe. Nach Ansicht von Thomas Jarzombek von der CDU ist dies der Punkt, an dem sich die Unternehmen engagieren sollten. Er erklärte: "Die Anbieter und großen Unternehmen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Geschieht das nicht, muss der Gesetzgeber reagieren, ggf. auch schneller und präziser als das heute manchmal der Fall ist. Ein Vorgang wie der des Zugangserschwerungsgesetz sollte sich nicht wiederholen."

Die folgende Diskussion um Fragen der Privatsphäre und des Datenschutz erfuhr hohe Aufmerksamkeit. Dr. Verena Metze Mangold von der Deutschen UNESCO-Kommission erklärte: Normen ändern sich und Privatheit bedeutet heute etwas anderes als noch vor zehn Jahren. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird vielfach nicht in Beziehung gesetzt zum eigenen Verhalten im Internet.' Häufig würde im Staat der Retter in allen problematischen Datenschutzfragen gesehen, dabei sei es völlig klar, dass der Staat selbst ein großes Interesse an aggregierten Daten habe, weshalb die Nutzer eine aufgeklärtere Rolle einnehmen müssten. Professor Kubicek verwies darauf, dass das Datenschutzrecht zwar das Verhältnis zwischen Bürger und Staat und zwischen Bürger und Unternehmen regele, nicht aber den Datenschutz im Binnenverhältnis zwischen Bürgern untereinander, dies sei aber das eigentlich relevante Thema bei der Nutzung von Sozialen Netzwerken.

Heike Troue stellte mit Blick auf die Einführung des neuen Personalausweises fest, dass hier vor allem im Hinblick auf die Identifizierungsfunktion eine große Chance verpasst wurde. Gerade Jugendliche hätten eine sichere Möglichkeit der Online-Identifizierung gebraucht, die durch die Bereitstellung dieser Funktion erst für Über-18-Jährige nun nicht gegeben sei.

Inwieweit Nutzer überhaupt selbst die Verantwortung für die Abwehr von Risiken im Internet übernehmen können, wurde anschließend erörtert. Thomas Jarzombek vertrat die Ansicht, dass eine Firewall, ein Virenscanner, regelmäßige Updates der Virendefinitionen und gesunder Menschenverstand meist schon ausreichten, um sich im Internet sicher zu bewegen. Die anderen Diskutanten bezweifelten, dass bei den meisten Menschen das Wissen vorhanden sei, um entsprechende Gefahren abzuwehren; ihnen die Haftung aufzuerlegen, wenn zum Beispiel ihr Computer Teil eines Botnetzes geworden sei, wäre kaum angemessen.

Neben den technischen Herausforderungen bringen auch die Nutzungsbedingungen, Datenschutzbestimmungen und AGBs die Nutzerinnen und Nutzer an ihre Grenzen. Otto Vollmers von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia verwies auf den faktisch bestehenden Kontrahierungszwang. "Wenn man sein neu erworbenes Endgerät nutzen will, bleibt einem keine andere Wahl, als den AGBs mit einem Klick zuzustimmen. Wer kann schon auf dem Display eines Smartphones seitenlange Nutzungsbedingungen lesen und diese dann auch noch verstehen", so seine Aussage. Als eine Lösung wurden Audits angeregt, die im positiven Fall durch Verleihung eines Zertifikats den Nutzern signalisieren könnten, dass die jeweiligen Bestimmungen sich auf einer rechtlich einwandfreien Grundlage bewegen und er diesen somit unbedenklich zustimmen könne. Dagegen sprechen häufige Änderungen in den Bedingungen, die durch ressourcenaufwändige Audits kaum schnell genug erfasst werden können.

Prof. Dr. Herbert Kubicek schloss die Debatte mit dem Fazit, dass Erfahrungslernen gerade im Internet den schnellen technischen Entwicklungen kaum gewachsen sein kann. Aus diesem Grund werde stets ein intelligentes Zusammenspiel von Medienkompetenzbildung, politischer Regulierung und Anbieterverantwortung nötig sein. Die Stiftung Digitale Chancen werde auch in den nächsten zehn Jahren gerne die Aufgabe wahrnehmen, daran mitzuwirken.





UdL Digital Roundtable


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