Veröffentlicht am: 27.01.14

Abschlusskonferenz "Digital Literacy 2.0" - Soziale Inklusion durch digitale Integration

Barbara Blum, SDC
Quelle: eigener Bericht

Final Conference "Digital Literacy 2.0" - Social Inclusion through Digital Inclusion (english version of the article)

Fachleute diskutieren Best-Practice-Beispiele im Hinblick auf Informationsethik bei der Abschlusskonferenz des EU-Projekts "Digital Literacy 2.0" in Berlin

Fast 100 Vertreter aus Erwachsenenbildung, Bibliothekssektor, Sozialer Arbeit und Politik haben am 22. Januar 2014 an der Abschlusskonferenz des multinationalen Projekts "Digital Literacy 2.0" im verschneiten Berlin teilgenommen. Die Projektpartner - Bibliotheken und Netzwerkorganisationen aus sieben europäischen Ländern, koordiniert von der Stiftung Digitale Chancen - stellten die Ergebnisse des Projekts vor und diskutierten mit den Teilnehmern Nutzungsmöglichkeiten der Projektstrategie und -materialien in weiteren Bildungszusammenhängen. In einer abschließenden Podiumsdiskussion u.a. mit Informationsethik-Spezialist Prof. Rafael Capurro, der Vizepräsidentin der deutschen UNESCO-Kommission Dr. Verena Metze-Mangold und Barbara Lison, Vorstandsmitglied der internationalen Bibliotheksvereinigung IFLA, wurde der Projektansatz im Hinblick auf den offenen Zugang zu Bildung debattiert. Das Schlusswort gab Peter Birch, der Leiter der Bereiche IKT, Sprachen und Roma bei der Europäischen Kommission.

Nutzt nicht jeder in Europa das Internet? 1 - Nein. Laut Zahlen von Eurostat sind 24% der Europäer noch immer Offliner. Sie sind: hauptsächlich ältere oder sozial- und bildungsbenachteiligte Menschen. Da immer mehr Aspekte unseres privaten und öffentlichen Lebens - darunter auch immer mehr behördliche Dienste - digital stattfinden, droht sich diese "digitale Spaltung" zwischen jenen, die im Stande und motiviert sind, sich zu bilden und gesellschaftlich einzubringen, und jenen, die es nicht sind, zu vergrößern. Leider sind diejenigen, die über weniger Möglichkeiten verfügen, auch besonders schwer durch Aufklärungs- und Bildungskampagnen zu erreichen.

Bei der Abschlusskonferenz des Projekts "Digital Literacy 2.0" stellte das multinationale Projektteam den Teilnehmern den Ansatz des Projektes vor, dieses Problem zu adressieren. Er besteht darin, Fachkräfte und Ehrenamtliche, die bereits mit der Zielgruppe arbeiten, zu Multiplikatoren für den Umgang mit Webanwendungen zu qualifizieren - insbesondere kommunikativen Anwendungen, die es ihren Nutzern erlauben, mit wenig Aufwand ihren Alltag zu erleichtern. Bibliotheken, Mehrgenerationenhäuser, Gemeindezentren und sonstige soziale Einrichtungen wurden so zu non-formalen Bildungseinrichtungen.

Die Projektpartner präsentierten das Lerner-orientierte "Digital Literacy 2.0"-Curriculum, das im Rahmen des Projekts entwickelt wurde. Durch seine modulare und dadurch extreme flexible Struktur kann es sehr einfach an die individuellen Bedürfnisse der entsprechenden Lernenden angepasst werden 2. Die Projektpartner veranschaulichten die Flexibilität und Effektivität des Projektansatzes, indem sie mit Hilfe von Vorträgen, Fotos und Videos die unterschiedlichen Umsetzungen der Trainingskampagne in ihren Ländern vorstellten.

In interaktiven Workshops, die sich auf verschiedene Zielgruppen und Umsetzungsorte konzentrierten - "spezielle Zielgruppen" wie Migranten oder von Armut, Arbeitslosigkeit, häuslicher Gewalt oder anderen sie benachteiligenden Faktoren betroffenen Menschen; Senioren; und Bibliotheken - hatten die Konferenzbesucher die Möglichkeit, herauszufinden und auszutesten, wie sie die Strategie von "Digital Literacy 2.0" in ihrer eigenen Arbeit umsetzen könnten. In der anschließenden Diskussion lag der Schwerpunkt auf potentiellen Hürden, welche die Zielgruppe an der Nutzung von Webanwendungen hindern können (Kosten des Zugangs, Sicherheitsbedenken, "Technophobie" etc.) und wie diese überwunden werden können (indem die Relevanz digitaler Medien für die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe aufgezeigt werden, indem man die Lernenden ihren eigenen Lernprozess selbst gestalten lässt und indem man Multiplikatoren einbezieht, denen sie bereits vertrauen etc.). Viele Teilnehmer äußerten den Wunsch, auf die "Digital Literacy 2.0" Materialien als offene Bildungsressourcen zugreifen zu können.

In der u.a. mit dem Informationsethik-Spezialist Prof. Rafael Capurro, der Vizepräsidentin der deutschen UNESCO-Kommission Dr. Verena Metze-Mangold und Barbara Lison, Vorstandsmitglied des internationalen Bibliotheksverbands IFLA sehr hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion wurden die zentralen Themen - Informationsethik und wirksame Wege, um die Zielgruppe zu erreichen und einzubeziehen - aufgegriffen. Susan Easton, Projektmanagerin bei der britischen "Digital Literacy 2.0"-Partnerorganisation NIACE, definierte als Schlüsselfaktoren für die digitale Integration benachteiligter Erwachsener "Zugang", "Medien- und Informationskompetenz" und "Motivation". Während sich in den meisten europäischen Ländern während der letzten 15 Jahre die Relevanz dieser Faktoren vom Zugang mehr in Richtung Kompetenz und Motivation verschoben hat, ist der Zugang immer noch der wichtigste Faktor in Entwicklungsländern, wie Prof. Capurro zu berichten weiß, der derzeit an einer Kampagne zur Informationsethik in Afrika beteiligt ist. Dr. Metze-Mangold unterstrich die Bedeutung eines universellen Zugangs zu Information und Bildung für alle und wies darauf hin, dass dies auch in der UN-Menschenrechtserklärung verankert sei. Als Vorstandsmitglied der Stiftung Digitale Chancen, die das Projekt koordiniert, bestätigte sie, dass "Digital Literacy 2.0" einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung dieser Rechte leistet. Barbara Lison betonte die Rolle, die ein universeller Zugang zu Information "IFLA Code of Ethics for Librarians and other Information Workers" spielt und dass Bibliothekare sich als Wächter dieses Zugangs sehen sollten. Dr. Metze-Mangold wies auf das langjährige Eintreten der UNESCO für Open Educational Resources (OER) hin und bekräftigte das Projektteam von "Digital Literacy 2.0" in seinem Plan, eine Strategie zu entwickeln, um die Projektmaterialien als OER zur Verfügung zu stellen.

In seinem Schlusswort stellte Peter Birch, Leiter der Bereiche IKT, Sprachen und Roma bei der Europäischen Kommission, das neue EU-Förderprogramm "Erasmus +" vor, welches das Programm für Lebenslanges Lernen ersetzen wird. Obwohl die EU in der kommenden Förderperiode insgesamt weniger ausgibt, wird die Förderung von Bildung um 40 Prozent erhöht. Birch lobte das Vorhaben des "Digital Literacy 2.0"-Partnerkonsortiums bezüglich einer OER-Strategie und wies darauf hin, dass im "Erasmus+" -Programm offener Zugang zu allen Produkten aus einem Projekt vorausgesetzt sei. Er nutzte auch die Gelegenheit, das Projektteam für seinen überaus relevanten Projektansatz, die erfolgreiche Durchführung und die informative und kollaborative Abschlusskonferenz zu beglückwünschen.




[1]Telecentre Europe und We Are What We Do stellten und beantworteten diese Frage in einer Infographik und nutzten dafür Zahlen von Eurostat .

[2] Eine ausführlichere Beschreibung des Curriculums finden Sie hier: http://www.youtube.com/watch?v=OiOwWkMQpmw



Mehr erfahren Sie unter:
www.digital-literacy2020.eu/content...

Digital Literacy 2.0


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