Veröffentlicht am: 10.09.01

Wichtige Helfer beim Umgang mit Computern.

Prof. Dr.-Ing. Christian Bühler, Forschungsinstitut Technologie-Behindertenhilfe

Über die besondere Bedeutung von Computern für Menschen mit Behinderungen mag sich manch ein `Nichtbehinderter´ im Unklaren sein. Ohne elektronische Unterstützung kann sich beispielsweise ein Mensch mit schwersten Sprachstörungen seiner Umwelt kaum mitteilen. Ein über eine Tastatur gesteuertes Sprachausgabesystem erlaubt dem sprachgestörten Menschen dagegen auch eine Kommunikation mit Leuten, die nicht an seine spezifische Ausdrucksweise gewöhnt sind. Bild des Sicare Pilot. Sprachgesteuerte Bedieneinheiten wie der Sicare Pilot ermöglichen die zentrale Steuerung sämtlicher Hausgeräte. Ist ein Mensch in seinen Bewegungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und weist zudem starke Sprachstörungen auf, kann er mit einem per Lidschlag bedienbaren PC in manchen Fällen überhaupt erst mit seiner Umwelt kommunizieren. Solche Eingabegeräte müssen genau auf den Benutzer abgestimmt sein und reichen von vergrößerten Normaltastaturen bis zur Computersteuerung über Muskelimpulse. Für blinde Menschen bietet ein PC mit Braille-Zeile die Möglichkeit, einen Computer genau so effektiv wie Sehende zu bedienen. Eine solche Braille-Tastatur besteht aus kleinen Feldern, aus denen sich je nach Buchstabe kleine Stifte erheben, die ein blinder Mensch erfühlen kann. Dadurch können Blinde Schreiben, Lesen oder Programmieren und zum Beispiel aktiv im Internet agieren. Eine schnurlose Bedieneinheit, über die sämtliche Geräte zu Hause und am Arbeitsplatz zentral über Infrarot oder Funk gesteuert werden können, gibt einem stark gehbehinderten Menschen die Möglichkeit, selbständiger und freier zu agieren und so beispielsweise allein zu wohnen. Behinderungen sind in ihrer Auswirkung immer individuell. Computergestützte Anwendungen erlauben jedoch wie keine andere Technik die `einfache´ persönliche Anpassung an die individuellen Bedürfnisse. Durch die gezielte Auswahl von Komponenten und Software sowie die geeignete Einstellung und Programmierung spezieller Funktionen läßt sich aus einem Standardsystem eine behinderungsgerechte, individuelle Lösung aufbauen. Dies erlaubt es, Schwächen des Benutzers zu umgehen oder zu kompensieren und gleichzeitig seine Stärken zu unterstützen. Viele Menschen haben so mit und oft auch trotz ihrer Behinderung ihren Weg gemacht, wie etwa Stephen Hawking. Abgesehen von den prinzipiellen Möglichkeiten der Computertechnik hat der Rechnereinsatz auch die Anforderungen an Benutzer und Berufsbilder verändert. Statt ausgeprägter Feinmotorik und Körperkraft wird mehr planerische und gestalterische Fähigkeit verlangt, verbunden mit einer gewissen Frustrationstoleranz im Umgang mit High-Tech-Geräten. So braucht ein Dreher zwar auch heute noch Augenmaß. Die Arbeitsgenauigkeit wird jedoch über die Programmierung der Drehbank oder der CNC-Maschine erzielt. Ein Druckvorlagenersteller verbringt weniger Zeit im Fotolabor als am Rechner, und ein technischer Zeichner sitzt mehr am CAD-System als mit Lineal und Zirkel am Zeichenbrett. Für Menschen mit Körperbehinderungen bedeutet dieser Wandel eine echte Chance, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Eine Schlüsselfunktion stellen dabei die Ein-/Ausgabe und die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten dar. Längst haben sich grafische Benutzeroberflächen, Warnsignale, Tondokumente oder Spracheingabe anstelle der vormals rein alphanumerischen Ein- und Ausgabe durchgesetzt. Auf diese Weise werden bereits handelsübliche Geräte und Standardsoftware zu einer Unterstützung von Menschen mit Behinderungen und helfen, neue Lebensbereiche, etwa im Beruf, zu erschließen, die ohne PC & Co. unvorstellbar wären. Mit zusätzlichen Spezialkomponenten können solche Systeme und Anwendungen auch für Schwerstbehinderte nutzbar gemacht werden. I/O-Zubehör So wird im Bereich Ein- und Ausgabe vielfältiges Sonderzubehör für unterschiedliche Anforderungen angeboten. Anstelle der üblichen Tastaturen können zum Beispiel Minitastaturen bei Muskelerkrankung, Großfeldtastaturen mit Abdeckungen bei Spastik oder Tastauren mit Braille-Zeilen bei Blindheit als Alternative eingesetzt werden. Programmierbare Keyboards (beispielsweise Concept-Keyboard, Intellikeys, ke:nx oder Keylargo) erlauben eine flexible Feldbelegung mit variablen Größen, eine Einstellung des Berührungs-Antwortverhaltens, die Anpassung an Spezialsoftware wie Lernprogramme, oder sie dienen als Mausersatz. Bild der Intellikey Tastatur. Spezialtastaturen wie der Intellikey können mit variablen Feldern belegt werden und lassen sich so exakt an die Anwenderbedürfnisse anpassen. Bild einer Großfeldtastatur. Eine Großfeldtastatur mit klar eingegrenzten Tasten gestattet auch Menschen mit gestörter Bewegungsmotorik eine zielsichere PC-Bedienung. Bei starken Körperbehinderungen muß manchmal die Bedienung einer Hardware mit sehr eingeschränkten Restfunktionen durchführt werden. Dafür stehen diverse Einzelschalter und Schalterkombinationen zur Verfügung. Je nach Anforderung können robuste pneumatische Schalter, Kissenschalter, Fußtaster oder Microschalter per Augenbrauen, Wimpernschlag oder Zunge eingesetzt werden. Häufig werden Mehrfachtaster benutzt wie zum Beispiel ein Tastenkreuz (Vier- oder Fünffachschalter) oder Vierfach-Saug-Blas-Schalter. Für den Schaltvorgang kann damit jede bewußt gesteuerte, wiederholbare Bewegung eingesetzt werden. Problematisch sind dabei einerseits die Ermüdungserscheinungen dieser Bewegung, und andererseits die langsame Bedienung im Vergleich zu anderen Eingaben. Bild von Kissenschalter, Fußtaster und Saug- Blas Schalter. Statt Keyboard oder Maus: Kissenschalter, Fußtaster und Saug-Blas-Schalter zur Bedienung bei eingeschränkter Beweglichkeit oder mangelnder Koordination. Kann überhaupt keine Tastatur bedient werden, gibt es die Möglichkeit, `Bildschirmtastaturen´ einzusetzen. Hier wird zusätzlich zur eigentlichen Anwendung in einem zweiten Fenster (gegebenenfalls auch auf einem zweiten Bildschirm) eine Tastatur auf dem Schirm simuliert. Die einzelnen Tastenfelder können dann beispielsweise über einen Joystick oder in einem Scanningverfahren ausgewählt werden. Bild des Flexiboard. Durch Auflegen beliebig gestalteter Blätter verwandelt sich das Flexiboard von einer Eingabeeinheit mit nur wenigen Symbolen in eine komplette PC-Tastatur. Beim Scanning ist die Bedienung auf minimal eine Schaltfunktion reduziert. Alle Tastaturfelder werden zeitgesteuert vom System angewählt, optisch hervorgehoben und können dann vom Benutzer über eine beliebige Eingabekomponente ausgelöst werden. Da dies eine sehr mühsame und langsame Methode ist, gibt es beim Scanning verschiedene Beschleunigungsstrategien. Möglich ist beispielsweise die Verwendung von mehreren Impulstastern, eine Silben- oder Wortvorhersage sowie der Abruf von häufig verwendeten Eingabefolgen per Hot-Keys. Solche spezifischen Schalter und Scanningverfahren werden von geübten Benutzern manchmal mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit bedient.



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