Veröffentlicht am: 15.09.2010

Jugend - Medien - Kultur. Medienpädagogische Konzepte und Projekte

von Hrsg.: Jürgen Lauffer, Renate Röllecke
Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), Bielefeld (2010)
rezensiert von Jutta Croll, Yvonne Zerbe


Jugend - Medien - Kultur. Medienpädagogische Konzepte und Projekte

Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) hat in diesem Jahr das Dieter Baacke Preis Handbuch 5 veröffentlicht. Die Publikation gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil wird in Fachbeiträgen aus Forschung und Praxis gezeigt, wie Medienpädagogen die Herausforderungen der digitalen Entwicklungen einschätzen, und es wird beleuchtet, wie das Internet das Kommunikationsverhalten Heranwachsender beeinflusst. Untersucht werden unter anderem auch der Umgang mit Computerspielen und der Einfluss der Familie auf die Kommunikation der Jugendlichen über Medien.

Der Beitrag "Die Medien, die kulturelle Bildung und die Pädagogik" des Autors Professor Dr. Max Fuchs (Direktor der Akademie Remscheid) behandelt das ambivalente Verhältnis der Gesellschaft zu Jugendlichen und zu medialen Entwicklungen. Der Autor beschreibt Jugendkulturen als einen Abgrenzungsprozess von Heranwachsenden von den Eltern und als Suche nach der eigenen Identität. Medien wirken auf Jugendliche attraktiv und sind in der Lage, Heranwachsende schnell an sich zu binden. Die Vertreterinnen und Vertreter klassischer kultureller Angebote wie Musik, Theater und Tanz seien durch diese Bindungswirkung der Medien auf Jugendliche vielfach irritiert. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auch auf das Generationsproblem in der Medienpädagogik, das durch die rasante technische Entwicklung der digitalen Medien verstärkt wird.

Kai-Uwe Hugger stellt das Konzept der digitalen Jugendkulturen vor und erläutert in seinem Beitrag, warum es heute kaum noch möglich sei, ein Gesamtbild der Jugend zeichnen zu können. Die durch die medialen Entwicklungen unterstütze Pluralisierung und Ausdifferenzierung lässt eine Etikettierung, wie sie noch mit dem Begriff der Netz-Generation versucht wurde, als ungeeignet erscheinen.

Franz-Josef Röll arbeitet ins einem Beitrag heraus, warum der tägliche Umgang mit dem Internet bei den Jugendlichen Nutzern zu veränderten Seh- und Wahrnehmungsmustern führt, und beschreibt, vor welche Herausforderungen diese Entwicklung die Medienpädagogik stellt. Die Autorengruppe vom JFF München, mit Ulrike Wagner, Niels Brüggen und Christa Gebel betrachtet hingegen die jugendlichen Artikulationsformen, die durch das Internet erst ermöglicht werden. Für die Jugendlichen erweitern sich nach Ansicht der Autoren die Spielräume der eigenen Identitätsarbeit erheblich. Damit ergeben sich aber zugleich Risiken, die zu überschauen die Jugendlichen nicht immer in der Lage sind.

Zwei Beiträge des Bandes sind dem Medienhandeln von Menschen mit Migrationshintergrund gewidmet. Andreas Hepp befasst sich mit seinen Ko-Autoren Cigdem Bozdag und Laura Suna mit der Funktion von Musik als Instrument der kommunikativen Vernetzung von Jugendlichen anderer Herkunftsländer, die in Deutschland leben. Elke Schlote und Elisabeth Ziesel haben die Fernsehgewohnheiten von Familien mit Migrationshintergrund in den Blick genommen, um zu untersuchen, wie der TV-Konsum die Entwicklung von Medienkompetenz fördern kann.

Die Rezeption von gewalthaltigen Fernsehsendungen durch Jugendliche behandeln Dorothee M. Meister und Uwe Sander in ihrem Beitrag. Sie gehen auch der Frage nach, welche Auswirkungen mediale Gewalt als regelmäßiger Bestandteil des Alltags haben kann.

Friederike von Gross schreibt in ihrem Artikel "Mediennutzung und informelles Lernen in Jugendszenen am Beispiel der Visual Kei-Szene" über die Internetnutzung in Jugendmusikkulturen und verdeutlicht, dass die Internetnutzung nicht nur ein bloßer Zeitvertreib für Heranwachsende ist. Die Expertin plädiert dafür, in der Medienpädagogik informelles Lernen zu nutzen, um die Motivation Jugendlicher zu fördern und Lernprozesse zu unterstützen.

Arne Brücks und Claudia Wegener befassen sich in ihrem Beitrag mit der Szene der sogenannten Fanfilmer im World Wide Web als einer spezifischen Form der Jugendkultur, die mit ihren Filmen nicht nur mediale Inhalte rezipiert, sondern vielmehr selbständig mediale Produkte gestaltet und über das Internet zugänglich macht.

Mit einer relativ neuen Form der medialen Produktion, den auf Computerspielen basierenden Machinima-Filmen, befassen sich im Specialbeitrag Kirsten Mascher und Andreas Ueberschar. Trotz der bisher noch nicht endgültig geklärten Rechtslage hinsichtlich der Verwendung von Sequenzen urheberrechtlich geschützter Computerspiele in der Projektarbeit mit Jugendlichen sehen die Autoren in dieser Ausdrucksweise ein hohes medienpädagogisches Potential. Andreas Hedrich befasst sich in einem Specialbeitrag mit einer weiteren Form der Nutzung von Computerspielen, die unter dem Begriff Creative Gaming kreative Formen der Andersnutzung des vorgegebenen Spielablaufs umfasst. Auch er schreibt aufgrund der hohen Faszination, die Computerspiele auf viele Jugendliche ausüben, dieser Art des Umgangs mit dem Medium nachhaltige medienpädagogische Wirkungen zu.

Mit den zuvor beschriebenen Beiträgen ist es den Herausgebern erneut gelungen, das breite Spektrum medienpädagogischer Arbeit umfassend darzustellen und positive wie negative Aspekte von medialem Handeln und Medienkonsum herauszuarbeiten.

Der zweite Teil der Publikation stellt die Preisträger des Dieter Baacke Preises 2008 vor: Der erste Preis ging an den Kinderglück e.V. Haus der Familie (Hamburg) mit dem Projekt "Radiofüchse - Das interkulturelle Hamburger Kinderradio": Zwei Mal im Monat produziert eine interkulturelle Kinderredaktion monothematische Radiosendungen. Die Kinder sind zwischen acht und 16 Jahre alt und treffen sich einmal in der Woche zur Redaktionssitzung. Dort planen sie den Sendeablauf oder schreiben Moderationen. Das Besondere: Einige der Redaktionsmitglieder haben in kleinen Schulprojekten, die von dem Kinderglück e.V. durchgeführt wurden, angefangen und sind dabei geblieben. So entsteht Kontinuität und Verbindlichkeit. Der zweite Preis ging im Jahre 2008 an Solar Net International e.V. (Münster) für das Projekt "Globales Lernen im Internet". Der Verein motiviert mit seiner Plattform www.solarnet.tv Jugendliche aus aller Welt, sich interkulturell miteinander auszutauschen. Auf der Plattform sind mehr als 1300 Foto-, Text- und Filmberichte aus über 80 Ländern zu finden und sie vermitteln persönliche Lebenseindrücke von Menschen aus anderen Ländern. Der dritte Preis wurde an das JFC Medienzentrum (Köln) für seinen "Spinxx-Kritikergipfel FAKE IT!" verliehen. Das Portal spinxx.de ist ein Online-Magazin, dort können sich Jugendliche über das aktuelle Mediengeschehen äußern. Auf dem 5. "Spinxx-Kritikergipfel" haben sich 50 Heranwachsende zwischen zehn und 17 Jahren, die Mitglieder verschiedener Spinxx-Redaktionsgruppen sind, mit dem Thema "Medienmanipulation" beschäftigt.

Zum Dieter Baacke Preis

Der medienpädagogische Preis der GMK wird seit 1999 verliehen und seit 2001 als Dieter Baacke Preis ausgeschrieben. Partner der GMK ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Mit dem Preis werden herausragende Medienprojekte der Bildungs-, Sozial- und Kulturarbeit ausgezeichnet.




Verwandte
Themenbereiche:
Medienkompetenz, Mediennutzung allgemein, Internet