Veröffentlicht: 17.09.2013

Lernort Telecenter. Ein neuer integrationspolitischer Ansatz zur Bekämpfung der "digitalen Kluft"

Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund

Oliver Franke, Janina Gärtner, Jennifer Igler, Mona Markmann, Corinna Mrotzek, Julia Pack, Alexandra Reichhart

Aufsatz aus dem gleichnamigen Seminar im Studiengang „Rehabilitationspädagogik“ der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften im Sommersemester 2013

Leitung: Dr. Bastian Pelka, Dr. Christoph Kaletka

Die Wissensgesellschaft befindet sich auf einem Weg zunehmender Digitalisierung: IT-Nutzung ist eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe an Bildung, Kultur und politischen Entscheidungsprozessen sowie den Zugang zu Arbeitsmarkt und öffentlicher Verwaltung. Dabei ist weniger der Zugang zu Computern und Internet und auch nicht mehr die Kostenfrage entscheidend. In den Fokus rücken Fragen der Nutzungsweise und der Nutzungskompetenzen. So deutet zum Beispiel die Auswertung von Internet-Nutzungsdaten von Dudenhöffer und Meyen (2012) auf eine Verbreiterung der „digitalen Kluft“ hin, da es Menschen mit hohem „sozialen Kapital“ besser gelingt, die Vorteile der digitalen Welt zu nutzen als solchen mit geringerem. Sie nutzen andere Anwendungen als Menschen mit geringem „sozialen Kapital“ und generieren online einen Mehrwert für ihre (offline) sozialen Aktivitäten.

Insgesamt kann für alle „klassischen“ Spaltungen (Alter, Bildungsniveau, Geschlecht) über die letzten Jahre eine Schließung der digitalen Kluft festgestellt werden. Während digitale Medien noch in den 1990er Jahren fast ausschließlich von jungen, technikaffinen und gut ausgebildeten Männern genutzt wurden, rücken sie heute in den gesellschaftlichen Mainstream. Digitale Medien werden heute von einer heterogeneren Zielgruppe genutzt, haben aber auch eine höhere gesellschaftliche Relevanz: Wer keinen Anschluss an digitale Medien hat, verliert damit auch verstärkt Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Unter dem Schlagwort „eInclusion“ kann das politische Ziel verstanden werden, das Empowerment benachteiligter Menschen zur Teilhabe an der digitalen Gesellschaft zu fördern. Es hat sich jedoch gezeigt, dass benachteiligte Menschen auf individuelle, persönliche und sozial nahe Unterstützung angewiesen sind. Ein wichtiger Ansatz wird darum mit den Telecentern - in der deutschen Diskussion auch „Interneterfahrungsorte“ genannt - beschrieben. Ein Telecenter ist ein öffentlicher Ort, an dem Menschen Informationen erhalten, lernen und mit anderen kommunizieren können, während sie durch den Zugang zu IKT die Möglichkeit haben, ihre digitalen Fähigkeiten zu entwickeln (übersetzt nach: telecentre.org). Es lassen sich drei Gruppen von Telecentern unterscheiden.

  1. „Telecenter in lokalen Gemeinschaften“, die informationsgestützte Dienstleistungen für eine lokale Gemeinschaft zur Verfügung stellen
  2. „Mehrzweck-Telecenter in den lokalen Gemeinschaften“, die diverse Dienstleistungen zur Deckung der Bedarfe anbieten, welche jedoch über die bloße IT-Unterstützung hinausgehen
  3. „Mobile Telecenter“, die in den Gegenden notwendig sind, in denen ein permanenter Zugang zum Internet durch die örtlich gegebenen Voraussetzungen nicht möglich ist (Digital Dividend, 2003)

Um einen überblick über die IKT-Angebote in Deutschland zu schaffen, haben die Teilnehmer/innen des Seminars eine Untersuchung über die Online-Datenbank der Stiftung Digitale Chancen an acht nordrhein-westfälischen Städte durchgeführt (Alsdorf, Dortmund, Gütersloh, Iserlohn, Lünen, Voerde, Werdohl und Witten). Insgesamt liegen 110 IKT-Angebote in den genannten Städten vor, wobei ca. 32% der Angebote kostenlos und 68% kostenpflichtig wahrzunehmen sind. In den meisten Städten ist immer ein Ansprechpartner während der öffnungszeiten vor Ort. Lediglich in Dortmund, Gütersloh und Iserlohn befinden sich ebenfalls frei zugängliche Internet-Terminals ohne Betreuung. In allen Städten wird mindestens eine Einrichtung betrieben, welche ein Kursangebot hat. Sowohl die Klientel als auch die Kursangebote sind dabei äußerst vielfältig (z.B. Internetführungskurse, medienpädagogische Lernecke für Schüler, PC-Kurse im Rahmen von Tagesstrukturangeboten für psychisch beeinträchtigte Menschen oder des Arbeitsamtes für arbeitslose/-suchende Menschen). Im Durchschnitt kommen auf ein IKT-Angebot ca. 11.333 Einwohner. Werdohl liegt mit einem Wert von 1:6 000 Einwohnern an der Spitze der Angebote, wohingegen Lünen mit einem Wert von 1:18 000 Einwohnern das Schlusslicht der IKT-Angebote in den acht Städten bildet.

Interneterfahrungsorte bieten sich als beteiligungspolitisches Instrument zur Bekämpfung der „digitalen Kluft“ an. Sie sind in der Lage, benachteiligten Menschen Unterstützung zu bieten - und dies in einer persönlichen und auf ihre Bedarfe abgestimmten Umgebung. Dennoch ist dieses Instrument weiter zu entwickeln - erste Schritte sind mit Pilotprojekten zur Professionalisierung des Personals, der Angebote und pädagogischen Konzepte erfolgt.

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