Veröffentlicht am: 28.01.05

Gehörlose Menschen, das Internet und die WCAG 2.0 - Teil 2

Ralph Raule, Stephan Rothe, Melanie Cromwell, Gebärdenwerk, Hamburg

Teil 1 dieses Artikels finden Sie hier.

Menschen mit Lernschwierigkeiten und gehörlose Menschen vereint die Forderung nach einer Übersetzung der schriftsprachlichen Texte. Das Ergebnis der Übersetzungsleistung muss aber unterschiedlich sein. Eine Vereinfachung der Sprache bedeutet fast zwangsläufig auch eine Reduzierung der Informationen, während dagegen in der Gebärdensprache auch komplexe Zusammenhänge ohne Informationsverlust gebärdet werden können.

Für visuell orientierte Menschen, die auf Basis der Gebärdensprache kommunizieren ist erst dann ein vollständigen Zugang zu den Informationen möglich, wenn diese auch in Gebärdensprache aufbereitet und angeboten werden ˆ und erst dann kann wirklich von einer vollständigen Teilhabe an der Gesellschaft gesprochen werden.

Gebärdensprache im Internet: Bedenken und Herausforderungen

Die Debatte um die Vermittlung von Informationen mit Hilfe der Gebärdensprache über das Internet wird durch immer wiederkehrende Bedenken begleitet. Diese werden im Folgenden dargestellt und kommentiert:
Gebärdensprach-Filme mit menschlichen Übersetzern sind teuer?

Professionelle Dienstleistungen sind natürlich nicht kostenlos. Wenn nur ein geringer Prozentsatz der Mittel, die für die Zugänglichkeit für Menschen mit anderern Behinderungen aufgewendet werden, für Übersetzungen eingesetzt würden, dann sähe die Situation in Bezug auf die informationelle Grundversorgung für visuell kommunizierende Menschen wesentlich besser aus als heute.

Gebärdensprach-Videos mit menschlichen Darstellern sind angeblich überflüssig, weil bald ein Avatar die Übersetzung automatisiert vornehmen wird?

Häufig hört man, wenn es um Gebärdensprachfilme geht, dass Argument, in naher Zukunft können Inhalte automatisiert übersetzt werden. Dazu die Stellungnahme des Deutschen Gehörlosen-Bundes: 'Große Hoffnungen werden von vielen Anbietern und Entwicklern in so genannte assistive Technologien gesetzt. Dieser Wunsch ist verständlich, weil dann prinzipiell 'automatische' Übersetzungen von Texten in die Gebärdensprache denkbar werden und der einzelne Anbieter sich nicht mehr selbst um die Übersetzungen kümmern müsste. Aus diesem Grunde wird seit Jahren (...) an einem sogenannten Avatar geforscht. Der Avatar ist eine virtuelle Kunstfigur,die beim Anwender auf Knopfdruck für die nötigen Übersetzung sorgen soll. Bislang ist die Entwicklung eines Avatars aber noch im Anfangsstadium und liefert nur ansatzweise brauchbare Ergebnisse. Jeder, der einmal ein Übersetzungsprogramm (zwischen zwei Schriftsprachen) benutzt hat, kennt die typischen Probleme bei der Übertragung von bestimmten syntaktischen Konstruktionen bzw. von Redewendungen oder Fachwörtern. Bei der Übersetzung in die Gebärdensprache kommt hinzu, dass ja in eine ganz andere Modalität (mit dreidimensionalen Bewegungen der Hände und gleichzeitigen Bewegungen des Oberkörpers, der Gesichtsmimik und Augen) übertragen werden muss. Es wird noch viele Jahre dauern, bis die Entwicklung so ausgereift ist, dass man einen Avatar im Internet erproben kann. Inwieweit die von einem Avarat künstlich erzeugte Gebärdensprache, dann in der Praxis tatsächlich verstanden und von der Zielgruppe akzeptiert wird, bleibt ebenfalls abzuwarten. (...) So schön sich die Visionen von assistiven Lösungen wie dem Avatar auch anhören mögen: Es wird noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, brauchen, bis wir wissen, ob diese Technologie geeignete Ergebnisse liefern und sich bei den Adressaten durchsetzen wird.'

Die technische Umsetzung ist angeblich unklar

Schon heute haben in Deutschland viele Menschen die Möglichkeit, mit einer Breitband bzw. DSL-Verbindung im Internet zu surfen. Die Bandbreite reicht aus, um die Gebärdensprachfilme anzusehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass in Zukunft weite Teile des Bevölkerung an die schnelle Internetinfrastruktur angeschlossen werden. Eine deutsche Umfrage unter 600 gehörlosen Menschen im Internet hat ergeben, dass 80% über einen schnellen Internetzugang verfügen.

http://www.dgs-filme.de/ergebnisumfrage.htm

Die technische Bereitstellung der Videos im Internet erfordert zwar Fachwissen, ist aber mit Hilfe der vorhandenen PlugIns möglich.
Beispiele:
http://www.eudeaf2003.org/

http://www.gebaerdenwerk.de

http://www.bmgs.bund.de/deu/gra/gehoer/ghv_start.cfm

Es stehen nicht genug Übersetzer zur Verfügung

Gerade wenn man voraussetzt, dass Menschen die Übersetzungen gebärden sollen, die sowohl kompetent in der Laut- als auch in der Gebärdensprache sind und möglichst Experten in eigener Sache sind ('Native signers'), dann ist die Auswahl an Fachleuten tatsächlich begrenzt. Dies spricht aber nicht gegen den Einsatz von Gebärdensprach-Filmen, sondern eher für einen effizienten Einsatz der menschlichen Ressource und die Konzentration der vorhandenen Kräfte auf zentrale Plattformen der informationellen Grundversorgung.

Kommentierung des Working Draft vom 19. 11. 2004 aus Sicht der gehörlosen Menschen Deutschlands

Folgende Anmerkungen zum Working Draft bzw. zu Beiträgen aus den W3C-Mailinglisten sind aus unserer Sicht wichtig:

  • Es sollte deutlich werden, dass es innerhalb der Gehörlosen die relevante Gruppe der visuell kommunizierenden Menschen gibt, die keinen Nutzen von Einfacher Sprache hat und für die eine Informationsvermittlung in Gebärdensprache alternativlos ist.
  • Es sollte deutlich werden, dass zumindest eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen in Gebärdensprache angeboten werden muss.
  • Es sollte deutlich werden, dass solange ein technischer Avatar nicht praxistauglich ist, die Informationen als menschliche Gebärdensprach-Filme bereitsgestellt werden sollen (dies kann bei den noch hinzuzufügenden Erläuterungen zum Avatar im Rahmen des Glossars geschehen).
  • Es sollte deutlich werden, dass der Umfang der bereitzustellenden Übersetzungen im Rahmen von Aushandlungsprozessen vor Ort bzw. auf nationaler Basis zu definieren ist.
Zum letzten Punkt noch ein Kommentar zu einem Beitrag auf der Mailingliste W3C-WAI-GL: 'Level 3 Success Criteria for Guideline 1.2 1. Sign Language interpretations are provided for multimedia (either real-time or prerecorded) in the language of the dialog NO NO NO NO NO. WCAG cannot require translations. Where does that end? Can Ukrainians require that all Web pages carry Ukrainian translations?'
http://lists.w3.org/Archives/Public/w3c-wai-gl/2004JulSep/0536.html

Nach unserem Verständnis hat ein Ukrainer in der Regel das Potential, die Sprache seines Aufenthaltslandes zu erlernen. Zu den Auswirkungen der 'Behinderung Gehörlosigkeit' gehört es, dass das Erlernen der Laut- und Schriftsprache nicht so einfach möglich ist und daher ein Zugang zu Informationen in allgemeinüblicher Weise nur mit Hilfe von Gebärdensprach-Übersetzungen sichergestellt werden kann. Insofern sollten die WCAG sehr wohl Übersetzungen fordern um damit den jeweiligen nationalen Interessensverbänden die Möglichkeit zu eröffnen, mit den Informationsanbietern über Art und Umfang der Übersetzungsleistung in Verhandlungen zu treten.

Formulierungsvorschläge für die WCAG 2

Working Draft vom 19.11.2004

Level 3 Success Criteria for Guideline 3.1: # Alternative representations: summaries, paraphrases, examples, illustrations, and symbolic languages --> Hier das Wort'sign language' hinzufügen.

Folgende Formulierung soll zusätzlich ergänzt werden:

'Including sign language translations for key pages or sections of the page.'

Eine weitere Anmerkung die berücksichtigt werden sollte:

Who Benefits from Guideline 3.1 (Informative) * Using clear and simple language also benefits peoplewhose first language differs from your own, including those people who communicate primarily in sign language.

Die Einbeziehung der Gehörlosen als Nutznießer von 'Einfacher Sprache' ist in Deutschland bereits als Argument gegen gebärdensprachliche Übersetzungen verwendet worden. Aus unserer Sicht sollte die auf Gehörlose bezogene Formulierung gestrichen werden.

Tipps zur Umsetzung von Gebärdensprach-Filmen die eventuell in die technischen Erläuterungen der WCAG 2 einfließen können

Folgende Empfehlungen zur Umsetzung von Gebärdensprach-Filmen haben sich als hilfreich erwiesen:

  • Wägen Sie ab, welche Informationen Ihrer Meinung nach wichtig für Übersetzungen in die Gebärdensprache sind. Lassen Sie sich hierbei von Betroffenen beraten.
  • Beachten Sie, dass bis auf wenige Ausnahmen nur 'native speakers' bzw. 'native signers' als Darsteller für GS-Filme in Frage kommen. Damit sind gehörlose Menschen gemeint, die schon von frühester Kindheit in der Gebärdensprache kommunizieren.
  • Ideal ist, wenn der Darsteller ein langärmliges und musterloses Oberteil in einer Farbe trägt, die im Kontrast zum Hintergrund steht.
  • Für den Filmausschnitt reicht es, wenn der gesamte Oberkörper sichtbar ist.
  • Der Hintergrund sollte nicht zu dunkel, aber auch nicht zu hell sein, so dass sich der Darsteller hinsichtlich des Kontrastes gut vom Hintergrund abhebt.
  • Durch eine professionelle Beleuchtung kann sichergestellt werden, dass die Tiefe des Gebärdenraums vor dem Oberkörper in seiner Dreidimensionalität gut wahrnehmbar ist.
  • Die Bilder müssen flüssig laufen und dürfen keine ruckartigen Bewegungen aufweisen. Verwenden Sie deshalb mindestens 25 Bilder pro Sekunde.
  • Untertitel und Vertonung sind bei einem vorausgehenden Text und angesichts der visuell kommunizierenden Zielgruppe nicht erforderlich. Bei GS-Filmen handelt es sich um eine Übersetzung textlich bereits vorhandener Inhalte. Wägen Sie sorgfältig vor der Erstellung eines GS-Filmes ab, ob der Zweck und Kontext des Einsatzes eine Untertitelung und einen gesprochenen Text nötig erscheinen lässt.
  • Verwenden Sie ein einheitliches Symbol für den Hinweis auf die GS-Filme.
Aus unserer Sicht wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn weltweit mit Hilfe eines einheitlichen Grafik-Symbols auf Übersetzungen in Gebärdensprache hingewiesen wird. Wir wünschen uns, das dass W3C die Entwicklung eines geeigneten Symbols anregt.


Mehr erfahren Sie unter:
www.gebaerdenwerk.de

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