Veröffentlicht am: 23.10.06

Recipes from Alingsås - Erfolgsrezepte aus Schweden

Jutta Croll, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: eigener Bericht vom 23.10.06

Recipes from Alingsås, Sweden (english version of the article)

Kultur- und Bildungszentrum auf der Insel Orust, Südschweden

Zu einem internationalen Erfahrungsaustausch über die Vermittlung von Medienkompetenz trafen sich vom 19. bis 22. Oktober 2006 Vertreterinnen und Vertreter aus Dänemark, Italien, Lettland, Norwegen, Portugal, Schweden und Deutschland in Alingsås, Südschweden. Die Teilnehmenden an dem Treffen sind Mitglieder einer so genannten Lernpartnerschaft, die im Sokrates-Grundtvig-Programm von der Europäischen Kommission gefördert wird.

Grundtvig war der Begründer der Volkshochschulen in Dänemark, seine Ideen haben die Erwachsenenbildung in den skandinavischen Ländern nachhaltig beeinflusst. Eine Aufgabe der Lernpartnerschaften sind daher Studienbesuche in Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Dazu zählen Bibliotheken und Volkshochschulen ebenso wie Kultur- und Lernzentren. Die Mitglieder der Lernpartnerschaft sind überwiegend in solchen Einrichtungen tätig oder machen Angebote zur Qualifizierung von Mitarbeitenden in der Erwachsenenbildung, ähnlich denen der Stiftung Digitale Chancen in Deutschland.

In Alingsås besuchte die Gruppe das so genannte Utbildningshus, eine Einrichtung, die allen Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt offen steht. Das Haus verfügt über sehr gut ausgestattete Räume, in denen Kurse für verschiedene Zielgruppen durchgeführt werden. Die Besonderheit liegt allerdings darin, dass das Lernzentrum ausschließlich die Organisation des Kursangebotes und die Beratung der Lernenden wahrnimmt und kein eigenes Lehrpersonal beschäftigt. Für Migrantinnen und Migranten führt zum Beispiel die Kommune dort Kurse in 'Schwedisch als Zweitspache' durch. An den Vorlesungen und Seminaren der großen schwedischen Universitäten können Studierende im Lernzentrum mittels Videokonferenztechnik aktiv teilnehmen, eine Anmeldung ist ebenso wenig erforderlich wie die Entrichtung einer Gebühr. Alle Lernangebote sind für die Teilnehmenden kostenfrei, lediglich für die Nutzung der Computer- und Internetarbeitsplätze ist ein Teilnehmerbeitrag von jährlich rd. 15 Euro fällig. Dafür erhält man eine Chipkarte, die den Zugang zum Utbildningshus auch in den späten Abendstunden noch erlaubt. So entsteht eine sehr offene Lernatmosphäre, die den Lernenden allerdings auch ein hohes Maß an Selbstorganisation abverlangt.

Eine weitere derartige Einrichtung besuchten die Lernpartner in einem kleinen Ort auf Orust, einer der Inseln im Archipel Südschwedens. Hier ist das Lernzentrum in die örtliche Bibliothek integriert. Eine junge Mutter von drei Kindern absolviert am Freitagvormittag ihre Vorlesung in schwedischer Literatur und diskutiert per Videokonferenz mit ihren Mitstudierenden an der Universität in Falun. Lediglich zu den Semesterabschlussprüfungen muss sie die Universität aufsuchen. Für viele Menschen, die auf den Inseln leben, ist dies die einzige Möglichkeit, eine akademische Ausbildung zu absolvieren.

Die Mitglieder der Lernpartnerschaft kamen im Verlauf der drei Tage zu verschiedenen Arbeitssitzungen zusammen, um die Unterschiede in den Bildungssystemen der beteiligten Länder zu erörtern und sich über die Wege zur Vermittlung von Medienkompetenz an verschiedene Zielgruppen auszutauschen. Insbesondere in den skandinavischen Ländern sind informelle Lernangebote deutlich häufiger zu finden als zum Beispiel in Deutschland oder Süd- und Osteuropa. Eher informell war daher auch die Auftaktveranstaltung des Treffens der Lernpartner: Der Chef des lokalen Gourmetrestaurants öffnete am Donnerstagabend seine Küche für einen außergewöhnlichen schwedischen Kochkurs und weihte die Gäste in die Geheimnisse des Kochens mit Meeresfrüchten ein. Ebenso wie die Zubereitung eines guten Essens benötigt eine erfolgreiche Lernpartnerschaft ein gutes Rezept, damit aus dem Erfahrungsaustausch Kooperationsmöglichkeiten für die Zukunft erwachsen; der Grundstein dafür wurde in Alingsås gelegt.

Unter dem Titel 'Stepping Stones into the Digital World' werden die Mitglieder der Lernpartnerschaft in den nächsten zwei Jahren gemeinsame Konzepte für die Vermittlung von Medienkompetenz an Erwachsene entwickeln. Trotz deutlich höherer Nutzerzahlen in den skandinavischen Ländern besteht auch hier noch ein großer Bedarf an entsprechenden Kursen, und die Mitarbeitenden in den Einrichtungen, die Internetzugang für die Öffentlichkeit anbieten, sind oft nicht auf diese Aufgabe vorbereitet. Die finnischen Partner, die wegen eines Luftfahrtstreiks nicht nach Schweden reisen konnten, haben im Februar 2007 zu einem Treffen nach Tampere eingeladen. Dort werden sich die Mitglieder der Lernpartnerschaft über finnische Initiativen zur Steigerung der Medienkompetenz informieren, die auch angesichts der hohen Nutzerraten von mehr als 75 Prozent der Bevölkerung überwiegend von der Regierung finanziert werden.

Im Sommer 2007 ist die Lernpartnerschaft dann in Berlin zu Gast, um sich einen Eindruck von deutschen Internetzugangs- und -lernorten zu verschaffen und die Trainingskampagnen der Stiftung Digitale Chancen für die Mitarbeitenden dieser Einrichtungen kennen zu lernen.

Lesen Sie hier die englische Version des Artikels.



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