Veröffentlicht am: 21.10.09

Brücken bauen durch soziales Kapital

Jutta Croll, Susanne Bernsmann, Stiftung Digitale Chancen

Transnationales Seminar am 15.10.2009 in Berlin

Stiftung Digitale Chancen und AWO entwickeln Handlungsempfehlungen für die Digitale Integration von Migrantinnen und Migranten im europäischen Kontext

Bridge-IT ist der sprechende Titel eines europäischen Projektes, das sich die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für den Brückenschlag zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und der Gesellschaft in ihrem neuen Lebensumfeld zum Ziel gesetzt hat. Das Projekt - geleitet von der Universität Barcelona - ist im Rahmen des Programms der europäischen Kommission zur Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit mit der Entwicklung von Handlungsempfehlungen zur Digitalen Integration von Migrantinnen und Migranten beauftragt. Gemeinsam arbeiten 25 Partnerorganisationen - darunter Unternehmen wie Microsoft, IBM und die Société Générale, aber auch Wohlfahrtsverbände, Stiftungen und andere Nichtregierungsorganisationen - an der Aufgabe, Strategien für die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien durch Menschen mit Migrationshintergrund zu entwickeln. Im Fokus stehen dabei die Themenbereiche Bildung, Arbeitsmarkt und Soziales Kapital.

Auf Einladung der Stiftung Digitale Chancen, die die Projektaktivitäten der Partner in Deutschland - Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V., DGB Bildungswerk und IMES Projektwerkstatt aus Hannover - koordiniert, trafen sich 32 Migrationsexpertinnen und experten am 15. Oktober in den Räumen des AWO Bundesverbandes, um sich mit der Frage zu befassen, inwieweit mit Hilfe von Computer und Internet ehrenamtliches Engagement von Migrantinnen und Migranten gefördert und soziales Kapital genutzt werden kann.

Überwiegend konnten die Teilnehmenden als Expertinnen und Experten in eigener Sache sprechen, viele von ihnen sind selbst aus ihren Ursprungsländern in europäische Gastländer migriert. Die Erfahrungen waren dabei sehr unterschiedlich und gerade diejenigen, deren Migration zeitlich bereits länger zurückliegt, sehen in der heutigen Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien ein erhebliches Potenzial zur Erleichterung des Migrationsprozesses. Diese Chance könne bereits im Vorfeld der Migration genutzt werden, so Barbora Tosnerova aus der Tschechischen Republik, allerdings sei es dazu erforderlich, dass die Aufnahmeländer die benötigten Informationen, z. B. über das Sozialversicherungssystem oder das Bildungswesen, online bereitstellen. Nur so könne erreicht werden, dass Migrantinnen und Migranten sich von Beginn an als Teil der Gesellschaft verstehen, sich ehrenamtlich engagieren und ihren individuellen Beitrag zur Bildung sozialen Kapitals leisten.

Aus der Perspektive der Stiftung Digitale Chancen ist die kompetente und verantwortungsbewusste Nutzung des Internet der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation. Auch und gerade für Menschen mit Migrationshintergrund muss daher der Zugang zu dem Medium gewährleistet sein, unabhängig von ihrem sozialen Status und Bildungsniveau oder Beschäftigungsverhältnis. Öffentliche Interneterfahrungsorte, wie sie in der Datenbank der Stiftung Digitale Chancen verzeichnet sind, können dabei eine wichtige Rolle spielen, um den Einstieg zu erleichtern. Angebote zur Förderung der Medienkompetenz müssen die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe berücksichtigen. Dies gilt sowohl für die Wahl der Sprache, in der Angebote unterbreitet werden, als auch für den zeitlichen Rahmen und Umfang von unterstützenden Maßnahmen wie Kursen oder Förderprogrammen. Die Frage, ob muttersprachliche Angebote geeignet sind, um die Zielgruppe zu adressieren, wird im europäischen Umfeld ebenso intensiv diskutiert wie im nationalen Kontext. Migrantenselbsthilfeorganisationen wiesen auf den positiven Effekt der Gewinnung der Aufmerksamkeit in der Zielgruppe hin, während einige der Expertinnen und Experten an der Umsetzbarkeit von Handlungsempfehlungen für eine Adressierung in der Muttersprache zweifelten. Gerade das Internet bietet allerdings auch die Möglichkeit, sprachliche Barrieren zu überwinden und fremdsprachige Angebote neben solche in der Muttersprache zu stellen. Vielfach eröffnen gerade die Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement ausgeübt wird, wie Vereine und Initiativen, einen Weg zu Austausch und Annäherung über sprachliche Grenzen hinweg.

Rainer Brückers, Vorstandvorsitzender des Arbeiterwohlfahrt Bundesverbands e. V., unterstrich in seinem Statement zum Projekt, dass die AWO ein Konzept der ‚Interkulturellen Öffnung‘ verfolge. Für die AWO heißt das, alle gesellschaftlichen Bereiche, aber auch die eigenen sozialen Dienste müssen ihre Konzepte und Methoden so überarbeiten, dass Migrantinnen und Migranten ein Angebot vorfinden, das ihren Bedürfnissen gerecht wird. Digitale Medien wie das Internet können dabei unterstützen und den Integrationsprozess fördern. Gerade durch die Unabhängigkeit von zeitlichen und organisatorischen Restriktionen ermöglichen sie einerseits, Menschen mit Migrationshintergrund direkt anzusprechen und zu erreichen. Zum anderen geben sie der Zielgruppe der Migrantinnen und Migranten eine Stimme und tragen so dazu bei, dass ihre Rechte und Interessen wahrgenommen werden.

Nach der Berliner Veranstaltung setzt das Projekt Bridge-IT den Entwicklungsprozess der Handlungsempfehlungen mit zwei Seminaren in Barcelona und Florenz im Oktober dieses Jahres fort. Dabei werden die Themen Bildung und Arbeitsmarkt bearbeitet. Ab Frühjahr 2010 wird dann die Umsetzbarkeit der Empfehlungen in insgesamt fünf nationalen Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern der Praxis erörtert. Für Deutschland ist eine Veranstaltung am 21. April 2010 beim DGB Bildungswerk in Düsseldorf vorgesehen. Interessenten für die Teilnahme können sich bereits jetzt bei der Stiftung per E-Mail an die Projektkoordinatorin Susanne Bernsmann anmelden.

Lesen Sie dazu auch den Bericht Potential von interkulturellen Einflüssen in Bildungsangeboten über das zweite Treffen zum thematischen Schwerpunkt Bildung in Barcelona.





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